Stress

Vom Lebensretter zum Herzensbrecher

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Symbolbild Stress © Shutterstock
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Laut Statistik Austria belegten im Jahr 2022 Erkrankungen im Herz-Kreislauf-System mit 34,3 % den ersten Platz der Todesursachen in Österreich. Darunter fallen vor allem arterielle Hypertonie, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen. Die Ursachen für die hohe Prävalenz dieser Erkrankungen sind vielfältig, meist jedoch auf den Lebensstil zurückzuführen. Ein stressiger Alltag ist fast schon Normalität. Doch der ständige Leistungsdruck und nutritiver Überfluss versetzen das Herz-Kreislauf-System in Stress und somit in einen dauerhaften Reizzustand.

Fight or Flight

Bei belastenden Situationen läuft im Körper eine reizunabhängige und daher immer ähnlich ablaufende Stressreaktion ab (siehe Abbildung): Es kommt zu einer erhöhten Ausschüttung von Glucocorticoiden (Cortisol), einer verstärkten Sympathikusaktivierung und folglich auch zu einer vermehrten Ausschüttung von Noradrenalin und Adrenalin sowie zu einer verstärkten Wirkung der beiden Catecholamine durch Sensibilisierung der Rezeptoren durch Cortisol. Die dadurch hervorgerufenen Folgereaktionen wie gesteigerte Erregbarkeit, Vasokonstriktion, Erhöhung von Herzfrequenz, Kontraktilität, Blutzucker- und Fettsäurespiegel, Erweiterung der Atemwege etc. ermöglichen eine schnelle Reaktions- und Anpassungsfähigkeit in Notsituationen. Während diese Reaktionen bei unseren Vorfahren durch den Überlebensinstinkt vorwiegend bei der Jagd geweckt wurden, führt die momentane durchschnittliche Lebensweise (unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel, Leistungsdruck, emotionaler Stress) zu einem dauerhaften Reizzustand. Doch welche Folgen hat es, wenn sich unser Körper ständig zwischen „Kampf oder Flucht“ entscheiden muss?


Ohne Mass und Ziel 

Eine kurzfristige physiologische Stressreaktion ist lebensnotwendig und reversibel, sofern eine angemessene Phase der Entspannung durch die Aktivierung des Parasympathikus folgt. Bleibt diese Gegenregulation aus, führen die bereits genannten Folgereaktionen auf Dauer zu Stoffwechselstörungen und Erkrankungen im Herz-Kreislauf-System: arterielle Hypertonie, Arteriosklerose, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, Hyperlipoproteinämie und Diabetes sind die Folge. Eine besondere Rolle spielt dabei das körpereigene Hormon Insulin: Die Ausschüttung von Cortisol und Katecholaminen durch Stress fördert die Gluconeogenese, Glykogenolyse und erhöht somit den Blutzuckerspiegel. Sie fungieren demnach als direkte Gegenspieler des Insulins. Dauerhaft erhöhte Cortisol- und Katecholaminspiegel bewirken somit einen ständig erhöhten Insulinspiegel, der langfristig zur Abschwächung der Wirkung bis hin zu einer Insulinresistenz führen kann. Weiters fördern Zustände ständiger Ischämie und Entzündung die Erhöhung von reaktiven Sauerstoffspezies sowie Stickstoffmonoxid-Radikale und somit den oxidativen bzw. nitrosativen Stress, der die Bildung von arteriosklerotischen Vorgängen antreibt. Das Herz-Kreislauf-System kann somit als „Stressspeicher“ bezeichnet werden, der mit den entstehenden Folgeerkrankungen das Risiko von akuten Ereignissen wie Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht. 

Broken-Heart-Syndrom

Was eine Stressreaktion hervorrufen kann (Stressor), ist sehr vielfältig und hängt eng mit der individuellen Stresstoleranz sowie der psychischen Stabilität zusammen. Während für die einen bereits die Wahl des Mittagessens eine Belastung darstellt, nehmen die anderen Stress erst in akuten Notfallsituationen wahr, beispielsweise bei Unfällen. Als allgemeine Stressoren kann man jedoch Infektionen, chronische Erkrankungen, Schmerzen, Verletzungen, emotionale Belastungen und Zeitdruck bezeichnen. Eine plötzlich auftretende Herzmuskelfunktionsstörung mit Atemnot, Brustschmerzen, Veränderungen im EKG und erhöhten kardialen Markern ohne vorliegende Koronarstenosen wird als Tako-Tsubo-Kardiomyopathie oder auch als Broken-Heart-Syndrom bezeichnet. Die Ursachen der Herzinfarkt-ähnlichen Symptome sind noch nicht genau geklärt, treten jedoch häufig bei postmenopausalen Frauen nach akuten körperlichen oder emotionalen Stresssituationen auf. Im Verdacht steht eine inadäquate Sympathikusaktivierung, wobei eine depressive bzw. somatische Grunderkrankung ein Risiko darstellt. 

Psychokardiologie – Therapiestunde für das Herz?

Der Begriff Psychokardiologie tritt in der Prophylaxe und Nachbehandlung von akuten kardialen Ereignissen immer häufiger auf. Es handelt sich dabei um die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Psyche und Erkrankungen im Herz-Kreislauf-System. Die Untersuchungen zeigen, dass psychische Erkrankungen und Stress nicht nur die Entstehung und den Verlauf kardialer Erkrankungen fördern bzw. erschweren können, sondern dass Herzerkrankungen umgekehrt auch psychische Symptome auslösen bzw. verstärken können. Die deutsche S3-Versorgungsleitlinie zur chronischen koronaren Herzkrankheit (Stand 09/2022) empfiehlt daher multimodale Verhaltensinterventionen, die sowohl eine Änderung des Lebensstils als auch psychosoziale Interventionen zur Sekundärprävention und Krankheitsverarbeitung umfassen. Letztere beinhalten in fachübergreifender Zusammenarbeit eine psychotherapeutische und/oder medikamentöse Behandlung, wobei auf kardiale Verträglichkeit der Arzneistoffe geachtet werden muss. Viele der zugelassenen Antidepressiva besitzen ein proarrhythmisches Nebenwirkungsprofil aufgrund einer QTc-Verlängerung, weshalb bei multimorbiden Patient:innen bei der Behandlung von depressiven Störungen Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) den trizyklischen Antidepressiva vorzuziehen sind. Auch auf die Gruppe der Benzodiazepine sollte als Dauermedikation aufgrund ihres hohen Abhängigkeitspotenzials verzichtet werden.

Mental Health

Des Weiteren hat auch die World Heart Federation am heurigen World Mental Health Day (10. Oktober) den Fokus ihrer Kampagne auf die Auswirkungen der mentalen Gesundheit auf die Herzgesundheit gelegt und einige allgemeine Maßnahmen zur Stressbewältigung genannt: Im Vordergrund stehen vor allem eine Änderung von Verhaltensmustern und Bewusstseinsbildung. Besonders wichtig ist dabei, zu lernen, seine Gefühle mitzuteilen, Unterstützung anzunehmen bzw. einzufordern und für genügend Entspannung zu sorgen. Auch die deutsche S3-Versorgungsleitlinie bei Hypertonie spricht im Rahmen der nichtmedikamentösen Therapie eine Empfehlung für Entspannungstechniken wie Atemübungen, Stressmanagement, autogenes Training, progressive Muskelentspannung und Praktiken wie Yoga und Tai Chi aus. Vielen Betroffenen hilft dabei auch die Methode der Vogelperspektive, bei der man die vermeintliche Stresssituation ganz bewusst von „oben“ betrachtet, um emotionale Distanz und eine objektive Beurteilung zu schaffen. Für einen angemessenen Erfolg soll die Wahl der Methode an die individuellen Ansprüche und Präferenzen der Patient:innen angepasst werden. Denn alle genannten Maßnahmen zur Stressbewältigung bzw. zur Erhöhung der individuellen Stresstoleranz haben ein gemeinsames Ziel: ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Dadurch kann der Körper wieder lernen, auf fordernde Situationen mit einer entspannenden Gegenregulation zu reagieren und einen dauerhaften Reizzustand zu verhindern. 

Kardioprotektiver Lifestyle

Wenn es um Stabilität und Stressresistenz geht, spielt neben der mentalen Gesundheit auch die körperliche Fitness und Ernährung eine große Rolle. Egal ob Ratgeber oder Leitlinien: Alle empfehlen eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung. Doch wer kennt es nicht: Sobald der Alltag zu stressig ist, neigt man zu gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen wie Frustessen, Schlaf- und Bewegungsmangel, Rauchen und Alkoholkonsum. Dieses Phänomen ist unter anderem Teil der Arbeit von Firth et al. (2020), in der beschrieben wird, dass die Einhaltung einer gesunden Ernährung die mentale Gesundheit unterstützt, Phasen von psychischer Instabilität und Stress jedoch ungesundes Essverhalten fördern. Wer also in stressigen Phasen keine Zeit für eine ausgewogene Ernährung hat, sollte seinen Körper zumindest mit Nährstoffen unterstützen, um den erhöhten Bedarf zu decken und einen Mangelzustand zu verhindern. Dabei sollte vor allem auf eine ausreichende Zufuhr von Magnesium, B-Vitaminen, Vitamin C und Vitamin D geachtet werden. Unterstützend eingesetzt werden auch L-Tryptophan bzw. 5-Hydroxytryptophan, L-Carnitin, Taurin, essenzielle Fettsäuren (EPA und DHA), Coenzym Q10, Eisen, Selen und Zink. Für einen „Anti-Stress“- bzw. kardioprotektiven Lifestyle braucht es also ein gutes Stressmanagement, eine ausgewogene Ernährung sowie körperliche Betätigung (siehe Kasten). 

Lebensstilmaßnahmen 
Zusatztipps für die Tara
  • auf eine ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Schlaf und Bewegung achten

  • Substitution von Nährstoffen wie Magnesium, B-Vitaminen, Vitamin C, Vitamin D, Aminosäuren, essenziellen Fettsäuren, Coenzym Q10, Eisen, Selen und Zink

  • Frustessen, Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum vermeiden

  • Anwendung von Entspannungstechniken wie Atemübungen, autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Yoga, Tai-Chi sowie Stressmanagement

  • Zeit nehmen für Hobbys, vor allem an der frischen Luft und in Gemeinschaft

  • Hilfe und Unterstützung von Familie, Freunden und externen Personen annehmen

Kasten


Text: Mag. Pharm. Alissa Domaingo

Quellen

•  Bundeärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell­schaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Hypertonie, Version 1.0. 2023
•  Bundeärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesell­schaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Chronische KHK, Version 6.0. 2022
•  Eichenberg C et al.: Psychokardiologie: Das Herz als Projektionsort psychischer Konflikte. Deutsches Ärzteblatt PP Heft 8. 2019
•  Firth J et al.: Food and mood: how do diet and nutrition affect mental wellbeing? BMJ. 2020; 369: m2382
•  Gröber U: Mikronährstoff-Beratung Indikationen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart; 1. Auflage 2020

Weitere Literatur auf Anfrage 

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