APOkongress Schladming 

Wirtschaftliche Realität & Zukunftsperspektiven

Mag. pharm.

Irene

Senn

,

PhD

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Mag. Josef Fasching und Mag. pharm. Dr. Gehard Kobinger präsentierten den Wirtschaftsbericht 2025 und lieferten eine Analyse der betriebswirtschaftlichen Realität. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD
Mag. Josef Fasching und Mag. pharm. Dr. Gehard Kobinger präsentierten den Wirtschaftsbericht 2025 und lieferten eine Analyse der betriebswirtschaftlichen Realität. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD

Der heurige Wirtschaftsbericht fällt – na ja – nicht gerade berauschend aus“, eröffnete Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger, 2. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, die traditionellen Kammervorträge am Montagvormittag in Schladming. 


In Österreich gibt es derzeit 1.445 öffentliche Apotheken und 28 Filialapotheken. Das Nettowachstum von nur fünf Betrieben gegenüber dem Vorjahr liegt deutlich unter dem langjährigen Schnitt von 10 bis 15 neuen Standorten jährlich. Am Arbeitsmarkt herrscht ein zweigeteiltes Bild: Während Apotheker:innen nach wie vor gesucht sind (es gibt rund 130 offene Stellen mehr als Stellensuchende), zeigt sich bei den Aspirant:innen die umgekehrte Situation: 44 Stellensuchende stehen lediglich 23 offenen Posten gegenüber. Kobingers Appell an das Auditorium: „Bilden Sie Aspirant:innen und PKA-Lehrlinge aus – das kommt auch Ihrem Betrieb zugute.“


Mehr Umsatz, weniger Ertrag


Doch nicht nur der Arbeitsmarkt bereitet Sorgen – auch die wirtschaftliche Lage der Betriebe zeigt alarmierende Signale. Mag. Josef Fasching, Leiter der Wirtschafts- und finanzpolitischen Abteilung in der Apothekerkammer, schlüsselte die Kassenumsatzentwicklung 2025 auf. Der Gesamtkassenumsatz stieg um 7,8 % – auf den ersten Blick ein solides Ergebnis, das aber einer näheren Betrachtung nicht standhält. Verantwortlich für das Wachstum sind vor allem die Hochpreiser: Arzneispezialitäten mit einem Apothekeneinstandspreis (AEP) über 200 Euro legten um 10,8 % zu, während die Nachlassbasis (AEP unter 200 Euro, mit Nachlasspflicht gegenüber den Sozialversicherungsträgern) lediglich um 3,8 % wuchs. Und das hat ertragswirtschaftliche Konsequenzen, wie Kobinger deutlich darlegte. Die Kassenspanne auf Hochpreiser beträgt lediglich 3,9 %, ihr Anteil am Kassenumsatz hat sich seit 2012 jedoch mehr als verdoppelt – von 28,8 auf 58,8 %. Die unweigerliche Folge ist eine kontinuierliche Degression der Gesamtspanne: von noch vor etwa 15 Jahren rund 18–19 % auf heute magere 11,4 %. Die absoluten Kassenumsätze wachsen zwar seit 2015 mit durchschnittlich über 7 % jährlich – aber der Großteil dieses Wachstums ist teuren Spezialtherapien zuzuschreiben, nicht einer besseren Abgeltung der pharmazeutischen Leistung.

Österreichische Apothekerkammer/APOVERLAG © Österreichische Apothekerkammer/APOVERLAG
© Österreichische Apothekerkammer/APOVERLAG

Erstmals regionale Umsatzdaten 


Neu in diesem Jahr war eine Auswertung nach der ruralen Siedlungstypologie von Statistik Austria, die erstmals einen differenzierten regionalen Blick ermöglichte. Die regionalen Kassenumsatz-Zuwächse lagen 2025 regional zwischen 6,45 % in Wien und 9,36 % in urbanen Kleinzentren (vgl. Abbildung 1, rechts). Besonders dynamisch entwickelten sich der ländliche Raum im Umland von Zentren (+9,32 %) sowie urbane Mittelzentren (+9,07 %). Noch deutlicher fallen die Unterschiede bei den Hochpreispräparaten aus: Hier reichte die Spanne von 8,42 % in Wien bis zu 13,17 % in urbanen Kleinzentren – der Hochpreiser-Effekt macht also vor keiner Region halt. Den höchsten durchschnittlichen Gesamtumsatz pro Apotheke erzielen regionale Zentren mit 4,892 Mio. Euro; auch beim Privatumsatz führen sie mit 1,737 Mio. Euro. 


Die gute Nachricht: Hohe Apothekentreue


Einen erfreulichen Gegenpol liefert eine Erhebung zur Apothekentreue: 53 % der Bevölkerung suchen ausschließlich eine einzige Apotheke auf, weitere 26 % wechseln zwischen maximal zwei Betrieben. Mehr als drei Viertel der Kund:innen bleiben also „ihrer“ Apotheke eng verbunden – ein starkes Argument für die Bedeutung der wohnortnahen Versorgung.


Viele Apotheken wirtschaftlich am Limit


Die auf Basis von mehr als 300 Apotheken erhobenen Bilanzdaten zeichnen ein alarmierendes Bild: Rund 75 % des Umsatzes fließen in den Wareneinsatz, 13,5 % ins Personal, knapp 6,7 % in Betriebskosten und Sonstiges. Der idealtypische EBIT-Anteil von 5,25 % bleibt für viele Betriebe unerreicht. „13 % der Apothekenbetriebe sind finanziell im negativen Bereich, 27 % erwirtschaften nicht mehr das Gehalt eines angestellten Leiters. So kann das nicht weitergehen“, brachte Kobinger die Lage auf den Punkt. 40 % der Apothekeninhaber:innen befinden sich in einer Situation, in der sie als Angestellte finanziell bessergestellt wären.

Mag. iur. Judith Winkler und Mag. pharm. Catherine Bader vom VAAÖ erläuterten die neuen kollektivvertraglichen Regelungen zur verpflichtenden Fortbildung. ©   Mag. pharm. Irene Senn, Ph
Mag. iur. Judith Winkler und Mag. pharm. Catherine Bader vom VAAÖ erläuterten die neuen kollektivvertraglichen Regelungen zur verpflichtenden Fortbildung. © Mag. pharm. Irene Senn, Ph

Besonders eindrücklich ist der 12-Jahres-Vergleich der Krankenkassenausgaben: Während andere Ausgabenbereiche um 35 bis 137 % stiegen und der Verbraucherpreisindex um rund 40 % anzog, wuchs die Abgeltung der Apothekenleistung nur um knapp 19 %. Damit macht sie weniger als 2 % der Gesamtausgaben der Krankenkassen (27,487 Milliarden Euro im Jahr 2024) aus. Seit zehn Jahren laufen Wirtschaftsverhandlungen mit dem Dachverband der Sozialversicherungsträger. Ein kleiner Teilerfolg wurde bereits bei den Arbeitstaxen erzielt – zumindest ein erstes Zeichen, so Kobinger. Der Gesamtvertrag steht kurz vor dem Abschluss – mit einer Kontozahlung zur Monatsmitte zur Liquiditätssicherung für Hochpreiser-Rechnungen als zentralem Element. Eine substanzielle Spannenerhöhung lehnt der Dachverband jedoch unter Verweis auf ein Defizit von 900 Millionen Euro weiter ab. Kobingers Fazit: „Allein auf Basis der Spannenmarge wird die Apotheke der Zukunft nicht mehr leben können.“ Der Weg nach vorne führt über zwei Hebel: eine bessere Abgeltung der bestehenden Leistungen – ob durch staatliche Infrastrukturbeiträge oder den Dachverband – sowie neue Erlösquellen durch bezahlte pharmazeutische Dienstleistungen. Entsprechende Konzepte befinden sich bereits in Entwicklung.


Kapitalmärkte 2026: Kein Grund zur Panik


Im Anschluss an den Wirtschaftsbericht ordneten Tom Ganschow (Union Investment Austria GmbH) und Thomas Partel (Österreichische Ärzte- und Apothekerbank AG) die Lage an den Kapitalmärkten ein. Trotz aufgewühlter Märkte – der Ölpreis war über Nacht um 15 % gestiegen – lautete die Botschaft: keine Rezession. Infrastrukturprogramme in Deutschland, wachsende Unternehmensgewinne und eine sich normalisierende Zinskurve sprechen für ein konstruktives Umfeld. Europa bezieht nur rund 3 % seines Energiebedarfs aus dem Persischen Golf – die Versorgungssicherheit ist gegeben, auch wenn die Preise steigen. Ganschows Handlungsempfehlung war klar: „Wenn Sie aktuell investiert sind – bleiben Sie investiert.“ Partel ergänzte: „Wer nur auf kurzfristige Zinsanlagen setzt, wird die österreichische Inflation von voraussichtlich 2,5 bis 3 % im Jahresdurchschnitt kaum ausgleichen können – strategische Veranlagung bleibt daher unerlässlich.“


Nachwuchs gewinnen und digital sichtbar bleiben

Der Österreichische Apothekerverband war am Kongress mit zwei Themen präsent, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch denselben Kern haben: den Apothekenbetrieb der Zukunft sichern.
Mag. pharm. Silvia Visotschnig stellte gemeinsam mit Mag. pharm. Philipp Rieder das neue Tool „PKA-talent“ vor – einen 17-minütigen Online-Lehrlingstest, der Apotheken bei der Selektion von PKA-Bewerber:innen unterstützt. Getestet werden Rechenfertigkeiten, sinnerfassendes Lesen, Schreiben, Organisationsfähigkeit sowie der Umgang mit Kund:innen und Mitarbeiter:innen. Der Test ist per QR-Code am Handy oder PC durchführbar; das Ergebnis geht direkt an die Bewerber:innen und kann flexibel an mehrere Apotheken weitergeleitet werden. Was bisher oft „optimistische Personalplanung“ war, soll damit eine objektive Grundlage erhalten.

“Die KI ist so etwas wie ein Kurator. Sie kuratiert verschiedene Inhalte,  priorisiert sie – und entscheidet, welche Apotheke  empfohlen wird.“
Marek Sestak, BSc Leiter Digitalisierung & Innovation, Österreichischer Apothekerverband


Marek Sestak, BSc, Leiter Digitalisierung & Innovation beim Österreichischen Apothekerverband, adressierte eine der dringlichsten strategischen Herausforderungen für Apotheken: Online-Sichtbarkeit im KI-Zeitalter. KI ist die am schnellsten wachsende Technologie der Menschheitsgeschichte mit 1,2 Milliarden Nutzer:innen in drei Jahren. In Österreich nutzen bereits 75 % der 16- bis 24-Jährigen KI, bei den 55- bis 74-Jährigen sind es erst 15 % – eine Generationenspaltung, die das Suchverhalten der Kund:innen künftig ändern wird. Denn statt isolierter Suchbegriffe werden zunehmend direkte Anfragen an die KI gestellt – etwa: „Wo gibt es eine Apotheke in der Nähe, die gerade offen hat und Vitamin-D-Testungen anbietet?“ KI-Tools agieren dabei als Kuratoren, die aus verschiedenen Datenquellen eine einzige Empfehlung destillieren – und im Zweifel nur eine von zwei verfügbaren Apotheken anzeigen. Eine Live-Demonstration am Kongress lieferte den Beweis.
Was Apotheken jetzt tun können: Google My Business vollständig befüllen – mit Fotos, Dienstleistungen, Barrierefreiheitsangaben und einer aktiven Bewertungsstrategie. Ergänzend braucht es eine maschinenoptimierte, für KI-Crawler lesbare Website – der Apothekerverband entwickelt dafür aktuell einen eigenen Service. E-Commerce und Social Media sind sinnvoll, aber nur mit klarer Strategie: Ohne diese entstehen rasch Kosten mit überschaubarem Ertrag.

“Für Fortbildungskosten gilt: Der Kostenersatz von bis zu 200 Euro pro Dienstjahr steht allen Dienstnehmer:innen zu – unabhängig vom Dienstausmaß.“
Mag. iur. Judith Winkler Juristin, Verband Angestellter Apotheker Österreichs (VAAÖ)


Was die neue Fortbildungspflicht im Alltag bedeutet 


Einen klaren arbeitsrechtlichen Rahmen setzte der abschließende Vortrag von Mag. pharm. Catherine Bader und Mag. iur. Judith Winkler vom Verband Angestellter Apotheker Österreichs (VAAÖ). Die verpflichtende Fortbildung wurde 2023 von der Delegiertenversammlung der Apothekerkammer beschlossen. Die Fortbildungsrichtlinie der Apothekerkammer schreibt 150 Punkte in drei Jahren vor, mindestens 45 pharmazeutisch akkreditiert, mindestens 16 in Anwesenheit. Die neuen KV-Bestimmungen gelten bereits seit 1.1.2025 und bringen wichtige Neuerungen: Dienstnehmer:innen haben Anspruch auf bezahlte Freistellung für Fortbildungszwecke – und zwar ohne Nachweis des Besuchs einer konkreten Veranstaltung. Das schafft Flexibilität im Alltag, etwa wenn Fortbildungen abends oder am Wochenende stattfinden. Der Zeitpunkt ist einvernehmlich zu vereinbaren; der Anspruch besteht ab dem ersten Tag des Dienstverhältnisses.


Das Ausmaß der Freistellung richtet sich nach dem bei der Pharmazeutischen Gehaltskasse gemeldeten Dienstausmaß: Vollzeitbeschäftigte (9/10 und 10/10) erhalten 16 Stunden pro Dienstjahr, bei 8/10 sind es 14 Stunden, bei 7/10 zwölf, bei 6/10 zehn und bei 2/10 bis 5/10 acht Stunden. Wechselt das Dienstausmaß während des Jahres, ist jenes zum Zeitpunkt des Konsums ausschlaggebend. Unterbrechungen der Berufsausübung von mehr als drei Monaten – etwa durch Karenz, Mutterschutz oder längere Krankheit – kürzen den Anspruch aliquot. Für das Jahr 2025 gilt eine Sonderregelung: Wer sein Dienstjahr nicht am 1. Jänner beginnt, hat für den Zeitraum ab 1.1.2025 bis zum eigentlichen Dienstjahresbeginn einen aliquoten Anspruch. Ab Beginn des neuen Dienstjahres gilt dann der volle Anspruch. Nicht konsumierte Stunden verfallen nicht sofort, sondern sind – analog zum Urlaub – ins nächste und übernächste Jahr übertragbar. Bei Beendigung des Dienstverhältnisses sind offene Ansprüche auszuzahlen.


Ergänzend wurde ein Kostenersatz von bis zu 200 Euro pro Dienstjahr für Teilnahmegebühren vereinbart – unabhängig vom Dienstausmaß, ins Folgejahr übertragbar (maximal 400 Euro), aber nur gegen Rechnungsvorlage. Winkler betonte abschließend das Günstigkeitsprinzip: Bestehende günstigere betriebliche oder vertragliche Regelungen bleiben in jedem Fall unberührt. Der Montagvormittag beim APOkongress in Schladming machte eines deutlich: Die Herausforderungen sind real, aber auch der Wille, ihnen aktiv zu begegnen.

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