eim IQVIA-Jahresrückblick am 13. Februar 2026 präsentierten Beatrix Linke, Country Lead IQVIA Austria, und Dr. Stefan Lutzmayer, Senior Consultant EMEA Thought Leadership, die Arzneimittelmarktdaten für Österreich 2025 – mit gewohnt spannenden Einblicken für die Branche.
Gesamtmarkt: Hohes Wachstum nach Wert, Stillstand nach Menge
7,5 Mrd. Euro – so groß war der österreichische Arzneimittelmarkt 2025. Mit einem Umsatzwachstum von 8,2 % liegt das Jahr etwas unter dem Vierjahresdurchschnitt von 9,3 %, bleibt aber im Bereich hohen einstelligen Wachstums. Ein anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Anzahl der abgegebenen Packungen: „Nach Menge betrachtet ist das Gesamtjahreswachstum gleich null, das heißt, nach verbrauchten Arzneimittelpackungen ist es exakt auf demselben Niveau wie 2024“, so Linke. Der Krankenhausmarkt war mengenmäßig mit minus 2,6 % sogar rückläufig. Der Grund für diese Entwicklung: Der patentgeschützte Markt wuchs 2025 mit plus 16,3 % fast doppelt so stark wie der Gesamtmarkt, während das patentfreie Segment um 2,5 % schrumpfte. Teure Innovationen treiben also den Umsatz, ohne dass mehr Packungen abgegeben werden.
Krankenhaus: Erstmals hinter niedergelassenem Bereich
Eine für IQVIA ungewohnte Beobachtung: Der Krankenhausmarkt wuchs 2025 nach Umsatz zwar um 7,7 % (vgl. Abb. 1), liegt damit aber erstmals hinter dem niedergelassenen Bereich. „Das ist tatsächlich neu. In den Jahren 2023 und 2024 war das Krankenhaus noch der stärkere Wachstumstreiber“, ordnete Linke ein.
Mitverantwortlich dafür sind zwei Faktoren: Zum einen gab es Lieferengpässe bei Cephalosporinen und anderen Antibiotikaklassen. Zum anderen trat im März 2025 mit AUTAC (Austrian Antimicrobial Consumption) eine verpflichtende, österreichweit einheitliche elektronische Erfassung des Antiinfektivaverbrauchs in Krankenanstalten in Kraft – mit dem übergeordneten Ziel, antimikrobielle Resistenzen zu reduzieren. Laut Linke scheint diese Initiative bereits zu wirken – mit entsprechend dämpfendem Effekt auf den Markt.
Ungebrochen dominant bleiben im Krankenhaus die monoklonalen antineoplastischen Antikörper: Mit 48,6 % Marktanteil am gesamten Krankenhausmarkt bauen sie ihre führende Position sogar noch weiter aus.
Retail: Starkes Umsatzwachstum, moderate Mengenentwicklung
Der Retail-Markt (öffentliche Apotheken und Hausapotheken zusammen) erzielte 2025 einen Umsatz von 4,9 Mrd. Euro, ein Plus von 8,4 % gegenüber dem Vorjahr. Volumenmäßig war das Wachstum mit plus 0,3 % zurückhaltend, aber immerhin positiv. Der erstattungsfähige Markt legte um 8,9 % auf 4,5 Mrd. Euro zu.
Einen aufmerksamen Blick wert ist die therapeutische Zusammensetzung des Retail-Markts: Während im Krankenhaus die onkologischen monoklonalen Antikörper wie bereits erwähnt mit fast 49 % Marktanteil alles dominieren, zeigt sich der Retail vielfältiger. Die größte ATC-Gruppe sind hier die Proteinkinase-Hemmer mit 8,7 %, gefolgt von den Interleukin-Inhibitoren (6,6 % Marktanteil). Die direkten Faktor-Xa-Hemmer lagen mit 193 Mio. Euro (4,2 %) auf Platz drei. Apixaban (Eliquis®) steht 2026 vor dem Patentablauf, womit eine Verschiebung in diesem Ranking für kommendes Jahr zu erwarten ist. Die GLP-1-Agonisten landeten 2025 mit Rang 11 knapp außerhalb der zehn umsatzstärksten ATC-Klassen im erstattungsfähigen Markt – nach Einschätzung von Linke ist der Sprung in die Top 10 für 2026 aber bereits absehbar.
Erstattungskodex: Die Rezeptgebühren-Schere
Eine für die Apothekerschaft besonders relevante Beobachtung ist, dass bereits 51,3 % der erstattungsfähigen Arzneimittelpackungen, die 2025 abgegeben wurden, preislich unter der Rezeptgebühr von 7,55 Euro lagen. 2022 war das noch bei 43,8 % der Packungen der Fall, 2023 bei 44,6 %, 2024 bei 47,5 %. Die Richtung ist eindeutig. Der Grund dafür ist, dass die Rezeptgebühr über die Jahre schrittweise angehoben wurde, während die Preise im volumenstarken Generika-Bereich tendenziell sanken. Wertmäßig ist das Bild umgekehrt: 94 % des erstattungsfähigen Umsatzes entfallen auf Präparate oberhalb der Rezeptgebühr. Die teuren, innovativen Produkte tragen den Löwenanteil des Marktumsatzes.
Consumer Health: Das schwächste Jahr seit langem
„Im Consumer Health Bereich sehen wir ein wertmäßiges Wachstum von hauchdünn unter 1 % – tatsächlich das schwächste, das wir seit langem gesehen haben“, so Linke. Mit 1,54 Mrd. Euro und einem Umsatzplus von 0,8 % liegt 2025 weit hinter den Vorjahren (2022: +10,6 %, 2023: +6,5 %, 2024: +3,5 %). Nach abgegebenen Einheiten schrumpfte der Markt sogar um 3 %.
Wie die Grafik (siehe Abb. 2) zu den Top-10-OTC-Segmenten zeigt, zieht sich die Schwäche durch die meisten Kategorien: Fünf der zehn führenden Segmente schlossen 2025 im Minus – laut Linke eine historische Ausnahme. Die mit Abstand größte Kategorie, Husten- und Erkältungsmittel (297 Mio. Euro, Marktanteil 23,7 %), verzeichnete ein Umsatzminus von 1,8 % – einzig ein starker Dezember verhinderte ein noch deutlicheres Jahresminus. Besonders schwach: Tonika/Geriatrika (-4,8 %) und Mittel für Blase und Fortpflanzungsorgane (-1,5 %). Demgegenüber entwickelten sich Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel (+5,8 %), Produkte für den Verdauungstrakt (+3,4 %) sowie Schmerz- und Rheumamittel (+2,6 %) positiv – ein Hinweis darauf, dass Prävention und Selbstmedikation bei gezielten Indikationen weiterhin gefragt sind.
Longevity als stabiler Wachstumspol
Wachstum findet sich 2025 im Longevity-Segment: Nahrungsergänzungsmittel rund um gesundes Altern, Prävention und Wohlbefinden kommen auf 889 Mio. Euro (+3,7 %). „Coenzym Q und Omega 3 liegen sehr stark im Trend, aber auch Mineralstoffe wie Magnesium und Calcium sind gefragt“, so Linke.
Linke wies aber auch auf eine strukturelle Herausforderung hin: Ein erheblicher Teil dieses Marktes gehe inzwischen an der öffentlichen Apotheke vorbei – über Online-Kanäle und außerhalb etablierter Vertriebsstrukturen. Der Longevity-Trend sei aber genau deshalb ein konkreter Anlass, das Sortiment aktiv zu positionieren.
Ein Blick auf die Eigenmarken zeigt, dass dort, wo Apotheken präsent sind, die Akzeptanz hoch ist: In der Damenkosmetik entfallen bereits 24,5 % des Absatzes auf Eigenmarken, bei Vitaminen und Mineralstoffen sind es 6,9 %. Der Gesamtmarktanteil der Eigenmarken liegt bei 2,0 % nach Absatz – mit deutlichem Potenzial nach oben.
Globaler Markt: Wachstum mit wachsender Unsicherheit
Der globale Pharmamarkt wächst, aber die Dynamik verlagert sich. Stefan Lutzmayer skizzierte eine Welt, in der die USA das Wachstum dominieren – mit deutlich stärkerem Listenpreiswachstum als Europa –, während politische Unsicherheiten die Planung der Industrie erschweren. Österreich liegt im europäischen Vergleich auf Rang 10 und wächst stabiler als der Durchschnitt.
Zentral war Lutzmayers Analyse der US-Preispolitik: Das „Most Favoured Nation“-Prinzip (also die Forderung, dass andere Länder nicht weniger zahlen als die USA) könnte Aufwärtsdruck auf europäische Preise erzeugen und Referenzpreissysteme unter Stress setzen. Massive Investitionszusagen führender Pharmaunternehmen in US-Produktionsstandorte könnten Ressourcen aus anderen Regionen abziehen. Für Europa sieht Lutzmayer strukturellen Handlungsbedarf – EU-Biotech-Act und Pharmapaket sollen den Innovationszugang beschleunigen. Die Botschaft: Stabiles Wachstum ist gesichert, die externen Rahmenbedingungen aber werden komplexer.
Ausblick 2026
Der österreichische Arzneimittelmarkt bleibt auf Wachstumskurs – getragen von teurer Innovation, während Volumen und Consumer Health stagnieren. Die großen Unbekannten liegen außerhalb Österreichs: US-Handelspolitik, europäische Regulierungsreformen und der globale Wettbewerb um Forschungsstandorte werden die Rahmenbedingungen mitbestimmen. Für die Apotheke bleibt das Kerngeschäft stabil – die Wachstumschancen aber liegen zunehmend dort, wo aktiv positioniert wird.
Quellen
• Datenquelle: IQVIA, „Ein Rückblick auf das Pharmajahr 2025 & ein Ausblick auf 2026", präsentiert am 13. Februar 2026 von Beatrix Linke und Dr. Stefan Lutzmayer.
• Alle Marktdaten: IQVIA DPMÖ next level & DPMÖK, MAT 2025/12.