Apothekensterben in Deutschland, angespannte wirtschaftliche Situation in Österreich, liberaler Sonderweg in der Schweiz – die Ausgangsbedingungen im deutschsprachigen Raum könnten kaum unterschiedlicher sein. Und doch verbindet die drei Länder mehr, als auf den ersten Blick sichtbar ist: der Druck durch Hochpreisarzneimittel, die Frage nach fairer Vergütung neuer Dienstleistungen und der Wunsch, die Apotheke als niederschwellige Anlaufstelle im Gesundheitssystem zu stärken. In Bern-Liebefeld wurde deutlich, wo jedes Land steht – und was es vom anderen mitnehmen kann.
Apothekensterben, Stabilität, Liberalismus
Im Vergleich der drei Länder zeigen sich markante Kontraste. In Deutschland ist die Versorgungslage am angespanntesten: Das Apothekensterben zermürbt den Berufsstand seit Jahren, das Fixhonorar blieb trotz gegenteiliger Koalitionsversprechen unangetastet. Am 23. März gingen 25.000 Apothekenmitarbeiter:innen auf die Straße – ein Frustrationssignal, das kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass Apotheken nur 2 % der Gesundheitskosten verursachen, während Ärzt:innen 15 % und Kliniken 30 % beanspruchen.
Österreich steht strukturell besser da, doch die Ertragssituation trübt das Bild: sinkende Krankenkassenspannen und ein wachsender Anteil von Hochpreispräparaten, die viele Wochen vorfinanziert werden müssen. Die Schweiz kämpft mit ähnlichen Themen, aber in einem vergleichsweise liberalen Umfeld, sowohl was die pharmazeutischen als auch die ärztlichen Rechte betrifft.
Neue Dienstleistungen: Zwischen Pilotprojekt und Regelversorgung
Impfen in Apotheken
Beim Impfen haben die Schweiz und Deutschland einen klaren Vorsprung. In der Schweiz wollen laut Umfragen 75 % der Bevölkerung in Apotheken geimpft werden – das Impfhonorar ist für Ärzt:innen und Apotheker:innen gleich hoch. In Deutschland impft inzwischen jede vierte Apotheke gegen COVID-19 und Influenza; ab Juni sollen voraussichtlich alle Impfungen außer
Lebendimpfstoffen möglich sein. In Österreich ist das Thema „Impfen in Apotheken“ in Bewegung: Die Impfkompetenz für Apotheker:innen wurde Ende Februar 2026 politisch angekündigt und befindet sich aktuell in der Umsetzung. Die Erfahrungen der Nachbarländer kommen damit zur rechten Zeit – sie zeigen konkret, welche Hürden möglicherweise auftreten können, und liefern wertvolle Erkenntnisse zu Nachfrage, Prozessgestaltung und Optimierungspotenzialen.
Medikationsanalyse:
Starke Evidenz aus Österreich
Aus dem Bereich der Medikationsanalyse präsentierte Österreich ein Pilotprojekt mit 220 Patient:innen in 14 Wiener Apotheken, das überzeugende Zahlen liefert: Arzneimittelbezogene Probleme können nach einem einzigen Medikationsgespräch um 70 % reduziert werden, die Therapietreue verbesserte sich um rund 60 %, die durchschnittliche Wirkstoffanzahl pro Patient:in sank um 10 %. Hochgerechnet auf die rund 500.000 Österreicher:innen, die mindestens fünf verordnete Medikamente einnehmen, ergibt sich daraus ein Einsparpotenzial von 266 bis 452 Millionen Euro jährlich. Dass solche Evidenz nicht selbstverständlich ist, zeigt die Schweiz: Die Medikationsanalyse Typ 2a wurde den Schweizer Apotheken wieder entzogen – die Erfolge galten als zu gering. Nun wird auf die aufwändigeren Typen 2b und 3 gesetzt. Die österreichischen Daten könnten hier als wertvolles Argument gegenüber Kostenträgern dienen.
Die ApoApp: Digitale Dachmarke begeistert
Besondere Aufmerksamkeit und ausdrückliche Anerkennung erhielt die österreichische ApoApp. Was die Schweizer und deutschen Kolleg:innen im Speziellen beeindruckte: Österreich hat die gesamte Apothekenlandschaft unter einer einheitlichen digitalen Marke gebündelt und so einen gemeinsamen Auftritt mit echter Reichweite geschaffen. In der ersten Woche nach Launch führte die ApoApp die österreichweiten App-Charts an, einen Monat lang hielt sie sich an der Spitze in der Kategorie Medizin. Aktuell laufen tagsüber rund 1.500 Arzneimittelsuchen pro Stunde, insgesamt bereits über eine Million. Künftig sollen Terminbuchung für diverse Testangebote und Impfungen sowie sichere Ergebnisübermittlung hinzukommen. Die ApoApp ist damit weit mehr als ein praktisches Hilfsmittel: Sie ist das digitale Gesicht der Apotheke gegenüber der Bevölkerung und ein strategisches Instrument zur Kundenbindung und Patientensteuerung.
Vergütung: Ein offenes Kapitel in allen drei Ländern
Das Thema Vergütung zieht sich wie ein roter Faden durch alle drei Ländersituationen – wenn auch mit unterschiedlicher Dringlichkeit. In Deutschland ist die Lage am zugespitztesten: Ein seit 13 Jahren unverändertes Fixhonorar zermürbt den Berufsstand; die aktuell diskutierte sukzessive Steigerung auf 9,50 Euro über drei Jahre gilt als Minimalkonsens.
In Österreich liegt eine Höchstaufschlagsregelung vor, die je nach Einstandspreis zwischen 3,9 und 37,0 % variiert. Die Crux: Der Anteil hochpreisiger Präparate am Kassenumsatz steigt kontinuierlich, während die prozentuale Marge bei teuren Arzneimitteln sinkt. Die Zeiten, in denen alle Leistungen in der Apotheke über das Spannensystem finanziert werden können, sind vorbei. Die Entwicklung der Apotheke hin zu einem patientenzentrierten Dienstleister und Gesundheitsberater setzt eine faire Vergütung dieser Angebote voraus. Denn mit ihnen können Ambulanzen entlastet und die Versorgungssituation für die Bevölkerung verbessert werden.
Die Schweiz präsentiert mit einem EBITA von durchschnittlich 255.000 Franken eine vergleichsweise solide Ertragssituation. Gleichwohl ist die Vorfinanzierungsproblematik bei Hochpreisarzneimitteln auch dort ein wachsendes Thema – ein strukturelles Problem, das alle drei Länder verbindet.
Künstliche Intelligenz: Potenzial mit Augenmaß
Beim Thema KI herrschte in Bern große Einigkeit: Das Potenzial ist groß, die Euphorie aber gebremst. In der Schweiz sieht man den größten Mehrwert bei der KI-gestützten Medikationsanalyse – dort, wo datenintensive, repetitive Auswertungen anfallen und Fachpersonal entlastet werden kann. Ähnlich pragmatisch ist die österreichische Haltung: KI kann analysieren, strukturieren und Hinweise liefern – die fachliche Einschätzung, das Beratungsgespräch und die Vertrauensbeziehung zu den Patient:innen bleiben pharmazeutische Kernkompetenz. Diskutiert werden in allen drei Ländern Anwendungsfelder von automatisierter Dokumentation und smarter Lagerhaltung über Chatbots bis zur Früherkennungsdiagnostik – etwa bei Hautkrebs. Die Grenzen sind dabei klar: Datenschutz, Haftungsfragen und der Bedarf an valider klinischer Evidenz stellen hohe Anforderungen. KI ist kein Selbstzweck – sie muss sich daran messen lassen, ob sie die Versorgungsqualität für Patient:innen tatsächlich verbessert.
Fazit: Gemeinsam mehr erreichen
Das DACH-Treffen hat gezeigt, dass kein Land für sich allein die überzeugendsten Antworten hat. Der Austausch der Erfahrungen ist vor dem Hintergrund ähnlicher Herausforderungen überaus wertvoll, alle Nachbarländer können viel voneinander lernen: bei der Ausgestaltung des Verschreibungsrechts in der Schweiz, bei Vergütungsmodellen in Deutschland, bei der politischen Kommunikation gegenüber Kostenträgern in allen drei Ländern. Dieser gegenseitige Lernprozess ist zu wertvoll, um ihn auf gelegentliche Delegationstreffen zu beschränken. Die Österreichische Apothekerkammer plant daher, den DACH-Austausch künftig auf Mitarbeiter- und Funktionärsebene zu intensivieren – weil gemeinsame Strategien im deutschsprachigen Raum mehr Gewicht haben als nationale Alleingänge.