Impfen in Apotheken

Der Stich in die Zukunft

Mag. pharm.

Irene

Senn

,

PhD

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Aufbruchsstimmung in Schladming: Die Podiumsdiskussion zum Impfen in Apotheken brachte  die drängendsten Fragen der Apothekerschaft auf den Tisch – und lieferte Antworten. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD
Aufbruchsstimmung in Schladming: Die Podiumsdiskussion zum Impfen in Apotheken brachte die drängendsten Fragen der Apothekerschaft auf den Tisch – und lieferte Antworten. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD

Gerade einmal zwei Wochen, nachdem sich die Bundesregierung öffentlich zum Impfen in Apotheken bekannt hatte, nutzte die Österreichische Apothekerkammer den Montagmittag in Schladming, um das Thema aufzugreifen. Moderatorin Mag. Elisabeth Zimmerer, stellvertretende Kammerdirektorin, begrüßte auf dem Podium Mag. pharm. Susanne Ergott-Badawi, Obmann-Stellvertreterin im Präsidium und Wiener Vizepräsidentin, Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, Mag. Andreas Eichtinger, Leiter der Rechtsabteilung, und Mag. pharm. Stefan Deibl, MSc Phd, Leiter der Fortbildungsabteilung. Die Botschaft, die das Podium verband, war klar: Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie. 


„Wir waren vor zwei Jahren schon einmal knapp davor. Diesmal schaut es aus, als gälte es wirklich. Es gibt einen breiten Konsens“, fasste Kobinger die politische Lage zusammen. Die Bundesregierung hat sich Ende Februar zum Impfen in Apotheken bekannt. Doch zwischen politischem Konsens und gelebtem Apothekenalltag liegen noch einige konkrete Schritte: rechtliche, organisatorische und fachliche. Genau diese nahm das Podium unter die Lupe.


Gesetz, Haftung & Zeitplan

Damit das Impfen in der Apotheke Wirklichkeit werden kann, braucht es zunächst eine gesetzliche Grundlage. „Derzeit ist die Kompetenz der Apothekerinnen und Apotheker zum Impfen noch nicht im Berufsrecht verankert. Das muss im Apothekengesetz geregelt werden – und dafür bedarf es des Bundesgesetzgebers“, erläuterte Eichtinger. Der Prozess ist angelaufen: In den kommenden Wochen wird ein erster ministerieller Entwurf zur Begutachtung ausgesendet. Im günstigsten Fall steht die gesetzliche Ermächtigung noch vor dem Sommer im Bundesgesetzblatt, der operative Start ist für 2027 angepeilt – wobei die Kammer deutlich ambitionierter denkt. „Wir hätten gerne das öffentliche Impfprogramm schon heuer im Herbst mitgenommen und bei der Influenza-Impfung erstmals losgelegt“, machte Kobinger deutlich.


Zur vieldiskutierten Haftungsfrage gab Eichtinger klare Entwarnung: Internationale Vergleichsdaten – sowohl aus dem ärztlichen Bereich als auch aus Ländern, in denen Apo-theker:innen bereits impfen – zeigen, dass dokumentierte Zwischenfälle verschwindend selten sind. Impfreaktionen wie Rötungen an der Einstichstelle oder kurzfristiges Fieber gelten rechtlich ausdrücklich nicht als Schaden. Und das Entscheidende für die betriebliche Praxis: Das Impfen ist als Tätigkeit im Rahmen des Berufsrechts vollumfänglich durch die individuelle Betriebshaftpflichtversicherung gedeckt.


Eine historische Premiere


Ergott-Badawi betonte die strategische Tragweite des Vorhabens: „Wir werden mit der Impfung einen Meilenstein setzen: dass diese Dienstleistung von der öffentlichen Hand bezahlt wird – das hatten wir in dieser Form im Regelbetrieb noch nie.“ Für Ergott-Badawi ist das erst der Anfang einer neuen Ära: Point-of-Care-Tests, Präventionskonten, Medikationsmanagement – eine ganze Reihe weiterer honorierter Dienstleistungen könnte folgen.


Als prioritäre Einstiegsimpfungen stehen die saisonale Grippeimpfung, die FSME-Impfung sowie das österreichische Impfprogramm allgemein im Fokus. Geimpft werden sollen bewährte Totimpfstoffe an gesunden Erwachsenen.

Das Gold ist nicht echt – die Anerkennung schon: Mag. pharm. Heinz Haberfeld bedankte sich  im Namen des Auditoriums bei Mag. pharm. Dr.  Gerhard Kobinger für seinen unermüdlichen Einsatz. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD
Das Gold ist nicht echt – die Anerkennung schon: Mag. pharm. Heinz Haberfeld bedankte sich im Namen des Auditoriums bei Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger für seinen unermüdlichen Einsatz. © Mag. pharm. Irene Senn, PhD


International bewährt – Österreich ist bereit


„Apothekerinnen und Apotheker können impfen und machen das sehr gut – das wissen wir seit vielen Jahren, weil es weltweit in ganz vielen Ländern bereits Realität ist“, betonte Deibl. Die Zahlen geben ihm recht: In 55 Ländern impfen Apotheken bereits routinemäßig, in Europa sind es 15 Staaten. In Irland werden je nach Altersgruppe rund 45 % aller Influenza-Impfungen in Apotheken verabreicht, in Dänemark übernahmen Apotheken in der Saison 2023/2024 die Hälfte aller Influenza- und COVID-19-Impfungen im staatlichen Programm. Die Patientenzufriedenheit liegt überall weit über 90 %.


Österreich ist gut vorbereitet: Rund 3.000 Apotheker:innen haben bereits eine Impfausbildung absolviert – bei 1.470 Apotheken im Land bedeutet das in der Praxis: In nahezu jeder Apotheke steht mindestens eine ausgebildete Person bereit. Die Kurse bis November sind bereits ausgebucht. Zusätzlich plant die Fortbildungsabteilung kompakte Auffrischungskurse mit Fokus auf Impftechnik, Notfallmanagement und Impfanamnese – begleitet von erfahrenen Ärzt:innen, die täglich impfen. 


Auch operativ ist die Kammer gerüstet: Die Dokumentation erfolgt verpflichtend über den E-Impfpass, Terminbuchungen sollen künftig über die Versorgungsplattform „sicherversorgt.at“ ermöglicht werden. Apotheken können dann flexibel selbst festlegen, in welchen Zeiträumen sie das Angebot bereitstellen – eine Lösung, die auch kleine Betriebe nicht überfordert.


Kein Kuhhandel – eine klare Ansage

Unmissverständlich positionierte sich die Kammer gegenüber Versuchen, das Impfrecht gegen andere Zugeständnisse wie das Dispensierrecht zu tauschen. Kobinger ließ keinen Zweifel offen: „Wir betreiben keinen Kuhhandel. Wir tauschen nicht ein international erfolgreiches Versorgungssystem gegen ein international geächtetes Geschäftsmodell.“ Die Botschaft sei in der Politik angekommen.
Die Stimmung am Podium und im Saal war die einer Apothekerschaft, die weiß, was sie kann – und die bereit ist, es unter Beweis zu stellen. Kammerpräsidentin Mursch-Edlmayr appellierte dabei auch an alle, die dem Vorhaben noch zögernd gegenüberstehen: „Das viel größere Risiko ist, jetzt nichts zu tun. In Zeiten wie diesen zu verharren – das ist nicht vertretbar. Es hat seine Zeit gedauert, aber wir haben es jetzt in der Hand und wir haben gute Karten.“ Politisch, rechtlich und fachlich sind die Voraussetzungen so gut wie nie zuvor.

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