Morbus Menière und chronischer Tinnitus
Der Morbus Menière ist durch eine charakteristische Trias gekennzeichnet: wiederkehrende Dreh- oder Schwankschwindel-Episoden von 20 Minuten bis zu zwölf Stunden, eine fluktuierende sensorineurale Tieftonhörminderung sowie Tinnitus und Druckgefühl im betroffenen Ohr. Pathophysiologisch wird ein Endolymphhydrops im Innenohr angenommen. Der Altersgipfel liegt um das 40. Lebensjahr, die Diagnose erfolgt klinisch anhand der Bárány-Kriterien (min. zwei Schwindelepisoden, audiometrisch gesicherte Tieftonhörminderung und Ausschluss anderer Ursachen). Während die Schwindelattacken die Diagnose prägen, ist es häufig das anhaltende Ohrgeräusch, das die Lebensqualität dauerhaft mindert. Als chronisch gilt ein Tinnitus ab einer Dauer von drei Monaten. Entscheidend für die Belastung ist nicht die objektive Lautheit, sondern der subjektive Leidensdruck: Man unterscheidet einen kompensierten Verlauf von einem dekompensierten Verlauf mit deutlicher Beeinträchtigung.
Komorbiditäten: Schlaf und Psyche
Beim dekompensierten Tinnitus entsteht rasch ein Teufelskreis: Das Ohrgeräusch tritt besonders in den reizarmen Abend- und Nachtstunden in den Vordergrund und stört den Schlaf. Der resultierende Schlafmangel senkt die Belastungsschwelle, sodass der Tinnitus am Folgetag als lauter und bedrohlicher empfunden wird. Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen finden sich bei Tinnitusbetroffenen deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung und sollten leitliniengerecht mitbehandelt werden.
Therapie von Tinnitus und Morbus Menière
Eine spezifisch gegen das Ohrgeräusch wirksame Medikation existiert nicht. Für Betahistin, Ginkgo, Antidepressiva und Benzodiazepine fehlt der Wirksamkeitsnachweis. Kern der Tinnitustherapie ist die kognitive Verhaltenstherapie, die einen veränderten Umgang mit dem Ohrgeräusch als Ziel hat. Bei begleitendem Hörverlust ist eine Hörgeräteversorgung indiziert. Antidepressiva oder Benzodiazepine bleiben der Behandlung von Komorbiditäten vorbehalten. Die akute Menière-Episode wird symptomatisch mit Antivertiginosa wie Dimenhydrinat (anticholinerg) und Antiemetika behandelt. Zur Anfallsprophylaxe wird häufig Betahistin eingesetzt, dessen Wirksamkeit nach aktueller Evidenz allerdings ungewiss ist. Wichtige nicht-medikamentöse Säulen sind vestibuläre Rehabilitation (Gleichgewichtstraining) und Psychoedukation.
Übersicht ototoxischer Arzneimittel
Eine zentrale Aufgabe ist das Erkennen ototoxischer Arzneistoffe, die einen Tinnitus auslösen oder verstärken. Hinreichende Evidenz für gehörschädigende Effekte gibt es für gewisse Antibiotika (v. a. Aminoglykoside) und platinhaltige Zytostatika wie Cisplatin, die meist irreversibel schädigen.
Schleifendiuretika, hochdosierte NSAR, Vancomycin und Chinin, das gelegentlich noch gegen nächtliche Wadenkrämpfe eingesetzt wird, verursachen üblicherweise reversible Schäden. Das Risiko steigt mit höherem Alter, eingeschränkter Nierenfunktion und Dehydratation.
Fazit für die Apotheke
In der Beratung gilt es, die gleichzeitige Einnahme mehrerer ototoxischer Substanzen zu vermeiden, verträglichere Alternativen wie Paracetamol vorzuschlagen und bei Selbstmedikation mit Ginkgo das Blutungsrisiko unter Antikoagulanzien zu beachten. Statt unwirksamer Präparate sollte gezielt auf kognitive Verhaltenstherapie und eine HNO-ärztliche Abklärung verwiesen werden.
Team „Fall des Monats“
(Autor:innen und Lecture Board)
Mag. pharm. Danielle Hochhold, MSc
Mag. pharm. Dr. Elisabeth Kretschmer aHPh
Mag. pharm. Alexander Schmidt-Ilsinger, MSc
fall des monats JULI
Frau M. B., 57 Jahre, bittet in ihrer Stammapotheke um „etwas Stärkeres zum Schlafen“. Seit rund drei Jahren besteht ein Morbus Menière. Die Schwindelattacken seien seltener geworden, doch der Tinnitus links sei abends „unerträglich“. Sie liege oft stundenlang wach, fühle sich erschöpft und zuletzt zunehmend niedergeschlagen. Selbst gekaufte Ginkgo-Tabletten gegen den Tinnitus haben bis jetzt nichts gebracht. Die abendliche „Schwindeltablette“ stamme ursprünglich vom HNO-Arzt, wird hausärztlich weiterverordnet und diene ihr inzwischen vor allem zum Einschlafen. Vor einigen Monaten habe sie „Wasser in den Beinen“ bekommen und dafür ein Entwässerungsmittel erhalten. Seither plagen sie nächtliche Wadenkrämpfe, gegen die sie ebenfalls eine in der Apotheke hergestellte Kapsel einnehme. Gegen Rückenschmerzen nehme sie fast täglich Ibuprofen 600 mg. Eine HNO-Kontrolle liegt über ein Jahr zurück.
Bekannte Vorerkrankungen
Morbus Menière (seit ca. 3 Jahren), arterielle Hypertonie, chronische Lumbalgie; beginnende depressive Verstimmung.
Medikation
Amlodipin Tbl. 10 mg 1-0-0-0
Furosemid Tbl. 40 mg 1-0-0-0
Betahistin Tbl. 24 mg 1-0-1-0
Dimenhydrinat Tbl. 50 mg 0-0-0-1
Ibuprofen Tbl. 600 mg b.B. 1-2 Tbl. täglich
Chininsulfat Kps. 200 mg 0-0-0-1
Ginkgo-biloba-Extrakt 120 mg Tbl. 1-0-0-0
Den kompletten Fall inkl. Auflösung finden Sie auf der
e-Learning-Plattform der Österreichischen Apothekerkammer
unter www.apofortbildung.at
Zur Klarstellung für alle Pharmakovigilanzbeauftragten: Bei den Fallbeispielen handelt es sich um Lehrbeispiele, die möglichst praxisnah formuliert wurden. Es besteht daher keinerlei Abklärungsbedarf hinsichtlich einer allfälligen Pharmakovigilanzmeldung.
Quellen
• S3-Leitlinie: Chronischer Tinnitus (2021), AWMF Reg.Nr. 017-064
• S2k-Leitlinie: Schwindel in der Hausarztpraxis (2025), AWMF Reg.Nr. 053-018
• Maurer F: Ototoxische Arzneistoffe – Gefahr für Ohr und Gleichgewicht. Pharmazeutische Zeitung, 30.05.2016