Sein Credo: Phytotherapeutika sind keine Konkurrenz zur modernen Wundmedizin, sondern sie ergänzen sie – insbesondere dort, wo konventionelle Ansätze an ihre Grenzen stoßen.
Das pflanzliche Repertoire
Grundsätzlich gilt: Wundreinigung und Desinfektion mit Octenidin oder Polyhexanid haben Vorrang. Erst wenn diese Basis sitzt, kommen pflanzliche Wirkstoffe ins Spiel – und derer gibt es bekanntlich viele: Gerbstoffe stillen Blutungen, binden pathologische Proteine und schaffen ein für Erreger ungünstiges Milieu. Ätherische Öle wirken desinfizierend – wobei Evanzin eine wichtige Warnung aussprach: „Nur Lavendelöl darf pur auf Wunden aufgetragen werden. Alle anderen, wie z. B. Teebaumöl, in Wunden tropfen? Bitte nicht!“ Unter anderem runden Triterpene, Saponine und Harze das Wirkspektrum ab.
Von der Schürfwunde bis zur chronisch infizierten Wunde
Bei Schürfwunden ist die Ringelblumensalbe (Calendula officinalis) nach Desinfektion die erste Wahl. Ihr Wirkprofil umfasst fungistatische Saponine, das entzündungshemmende Faradiol, Carotinoide als Vitamin-A-Vorstufen sowie immunstimulierende Polysaccharide – dazu in Studien belegte viruzide Effekte gegen Herpes simplex und Influenzaviren. Die Ringelblumensalbe eignet sich darüber hinaus zur Dekubitusprophylaxe sowie zur Behandlung beginnender Hautschädigungen; warme Calendula-Kompressen, kombiniert mit Leinsamen als Gerüstbildner, können zudem die Reifung oberflächlicher Abszesse und Karbunkel beschleunigen. Liegt zusätzlich ein Hämatom vor, empfiehlt sich ein alter Bekannter – der Beinwell (Symphytum officinale). Sein Schlüsselwirkstoff Allantoin fördert Zellproliferation und Geweberegeneration; die Glykopeptide hemmen die Prostaglandinfreisetzung stärker als Diclofenac und Indometacin [Predel 2005]. Praxishinweis für die Rezeptur: Allantoin zersetzt sich bei Metallkontakt – Melaminharzpatene verwenden.
Therapierefraktäre und infizierte Wunden
Bei therapierefraktären Wunden bietet die Fichtenbalsamsalbe (Picea abies) eine gut belegte Option. Ihre Diterpenharzsäuren und Lignane regen gezielt Keratinozyten-Migration und -Proliferation an. In einer prospektiven randomisierten Multicenterstudie zeigte sie eine vollständige Abheilungsrate von 94 % gegenüber 36 % in der Kontrollgruppe innerhalb von sechs Monaten – und das auch bei Besiedelung mit multiresistenten Erregern wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) und VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken).
Bei infizierten Wunden lohnt sich ergänzend ein Aromatogramm, um ätherische Öle gezielt nach ihrer Hemmwirkung auf den isolierten Keim auszuwählen.
Verbrennungen, mazerierte Haut und Schleimhaut
Für Verbrennungen ersten Grades empfahl Evanzin nach Polyhexanid-Spülungen kühlende Umschläge, Aloe-vera-Gele sowie Johanniskrautöl (Hypericum perforatum) kombiniert mit Lavendelöl. „Das nächste Mal, wenn man sich verbrennen sollte, einfach mal testen: Wenn man es gut aufträgt und 15 Minuten dort lässt, bildet sich oft keine Blase.“ Für die Beratung wichtig: Johanniskrautöl ist aufgrund der photosensibilisierenden Wirkung des Hypericins ausschließlich als After-Sun-Anwendung geeignet – eine Verwechslung mit Sonnenschutzprodukten kann zu verstärkten Lichtreaktionen führen.
Bei mazerierten Wunden und Schleimhautläsionen sind Gerbstoffdrogen die Mittel der Wahl – allen voran Eichenrindenextrakt oder -dekokt sowie Hamamelisextrakt. Die Gerbstoffe bilden eine Koagulationsmembran, entziehen dem Gewebe Wasser und unterbrechen die Substratversorgung für Erreger. Für mildere Befunde eignen sich Schafgarbenkraut, Gänsefingerkraut oder Frauenmantel; bei oralen Läsionen Ratanhia-, Myrrhen- oder Salbeitinktur. Magistrale Rezepturen mit standardisiertem Tannin bieten hier zusätzliche Flexibilität und ermöglichen eine gezielte Anpassung an den jeweiligen Befund.
Fazit
Wer pflanzliche Wundmittel kennt und gezielt einsetzt, hat in vielen Situationen eine sehr wirksame, gut verträgliche und teils überraschend gut belegte Ergänzung zur Hand.