In ihrem Vortrag machte sie klar: Fehler in der Wundversorgung entstehen nicht immer aus Nachlässigkeit – oft sind es Wissenslücken, Zeitdruck oder schlicht eingeschliffene Gewohnheiten. Ihr Credo: Aus Fehlern lernen, sie aber niemals ignorieren.
Diagnostik und Verordnung ist oft der erste Stolperstein
Bereits vor dem ersten Verbandswechsel kann vieles schiefgehen. Fehldiagnosen führen zu wirkungsloser Lokaltherapie; fragliche Verordnungen landen täglich in der Apotheke. Hintner appellierte, bei zweifelhaften Rezepten aktiv zu hinterfragen und die Pflicht zur Remonstration ernst zu nehmen.
Topische Antibiotika auf offenen Wunden seien grundsätzlich obsolet: Sie züchten Resistenzen und stören die Wundheilung auf zellulärer Ebene – Antibiotika-Puder ebenso wie Antibiotikasalben-Kombinationen. Octenidin sei ein wertvolles Antiseptikum, dürfe jedoch nicht mittels Spritze in tiefe Wunden oder Taschen eingebracht werden – die Arzneimittelkommission warnt vor schweren toxischen Gewebeschäden. Zudem dürfen Octenidin und jodhaltige Präparate nicht auf derselben Wundfläche kombiniert werden: Die chemische Inkompatibilität schwächt die Wirksamkeit beider Antiseptika ab, kann hautreizende Nebenprodukte erzeugen und führt zu auffälligen braunen bis violetten Verfärbungen.
Wichtig für die Beratung: Einwirkzeit und Wirkungseintritt sind nicht dasselbe – viele Lösungen benötigen bis zu fünf Minuten, damit auch gramnegative Keime sicher abgetötet werden.
Hygiene – die unterschätzte Fehlerquelle im Alltag
Zu den häufig unterschätzten Fehlerquellen zählen hygienische Mängel: unzureichende Händedesinfektion, zu wenig Handschuhwechsel, abgelaufene Verbandsmittel, unsterile Lösungen – geöffnete Kochsalzflaschen kontaminieren sich rasch – und die Missachtung der Non-touch-Technik. Auch Leitungswasser zur Wundreinigung entspricht nicht den mikrobiologischen Standards; nur endständige Sterilfilter am Wasserauslass ermöglichen die nötige Reinheit. Hintner betonte: Wer weiß, dass eine Maßnahme Patient:innen schadet, hat die Pflicht, zu widersprechen – auch gegenüber ärztlichen Anordnungen.
Verbandsmittel: Falsche Wahl, fatale Folgen
Den breitesten Raum nahmen Fehler bei der Wahl und Anwendung von Verbandsmitteln ein. Wundauflagen wie Mullkompressen oder Puder führen zur Austrocknung – in der modernen Wundversorgung ein No-Go. Superabsorber werden häufig mit herkömmlichen Saugkompressen verwechselt: Ihr entscheidender Vorteil liegt darin, aufgesaugte Flüssigkeit einzusperren und nicht wieder abzugeben, was Mazeration verhindert. Bei stark exsudierenden Wunden muss die Verbandsgröße der Exsudatmenge angepasst sein – ein gesättigter Verband schädigt Wunde und Umgebung. Ist der Verband von außen nass, muss er sofort gewechselt werden. Okkludierende Verbände sind bei Infektionsverdacht kontraindiziert. Wund- und Heilsalben sowie fettbasierte Produkte okkludieren die Wunde, verhindern Sekretabfluss und sind auf Ulzera nicht angezeigt. Am diabetischen Fuß keine klebenden Verbände verwenden, silikonhaftende Schaumstoffe bevorzugen und die Verbandsgröße großzügig wählen, da Patient:innen im Schuh gehen. Bei Hyperkeratosen rund um die Wunde hilft ein einfacher Trick: Mandelöl auftragen, Haushaltsfolie drüber, 30 Minuten einwirken lassen – die Krusten lösen sich deutlich leichter.
Dokumentation, Edukation und multidisziplinäre Kooperation
Hintner schloss mit einem eindringlichen Fazit: Eine aussagekräftige Wunddokumentation ist Grundvoraussetzung. Regelmäßige Evaluierung und Patientenedukation – etwa zur Ernährung oder zum Stellenwert von Vitamin C in der Entzündungsphase – sind fixer Bestandteil der Wundbehandlung. Das Missverständnis, chronische Wunden erforderten kein Zusatzwissen, sei gefährlich. Ohne multidisziplinäre Kooperation und nachhaltige Rezidivprophylaxe sei optimale Wundbehandlung nicht möglich. Oberstes Ziel bleibe stets die Erhaltung oder Erreichung der Lebensqualität der Patient:innen.