Interview

Von der richtigen Wundversorgung & der Kunst, nichts zu tun


Mag. pharm.  Irene  Senn,  PhD


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Capsaicin-Pflaster © shutterstock
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ÖAZ Wundversorgung klingt auf den ersten Blick nach einem klassischen, fast altbekannten Thema, nach dem Motto: „Pflaster drauf und gut“. Was hat Sie bewogen, genau das ins Zentrum eines ganzen Kongresses zu stellen?
Mag. pharm. Karoline Sindelar Das ist genau der Punkt – „Pflaster drauf“ reicht leider nicht. In der Praxis kommen die Menschen selten mit kleinen Schnitten in die Apotheke. Sie kommen mit postoperativen Wunden, schwierigen Narben und Wundheilungsstörungen – und das mit Vorliebe freitags, samstags oder nachts. Welche Wunden sind kritisch? Was kann ich in der Selbstmedikation leisten? Wen schicke ich weiter? Pharmazeutisch haben wir sehr viel zu bieten – aber man muss sich auskennen.

ÖAZ  Herr Dr. Ausch, warum ist aus Ihrer Sicht als Chirurg Wundversorgung auch ein zentrales Thema für die Apothekerschaft?
Priv.-Doz. Dr. Christoph Ausch Chronische Wunden sind ein volkswirtschaftliches Thema: Sie betreffen sehr viele Menschen. Apotheken sind die erste Anlaufstelle und da ist es wichtig, wenn man sich wirklich damit auseinandersetzt. Es gibt einen enormen Produktdschungel, und nicht alles, was teuer ist, ist gut. Oft sind die einfachen Dinge sehr wirksam, und an der Tara kann man damit schon viel abfangen.

“In die Apotheke kommen die Leute erst dann, wenn es wirklich brennt – und das mit Vorliebe freitags, samstags oder nachts. Genau deswegen brauchen wir das richtige Werkzeug.“
Mag. pharm. Karoline Sindelar Tagungspräsidentin APOkongress Pörtschach

ÖAZ Das Kongressprogramm reicht von chronischen Wunden über Brandverletzungen bis zu Tattoo-Komplikationen. Welche Themen lagen Ihnen besonders am Herzen?
Sindelar Ich bin ein Hands-on-Mensch und mag ein breites Spektrum. Der Vortrag über Tattoos war mir wichtig: Ein Tattoo ist im Endeffekt eine Wunde. Dann gibt es heikle Situationen wie den Intimbereich oder Stomapatient:innen – in der Apotheke absolut relevant, aber nicht immer einfach anzusprechen. Das Auge verbinde ich mit einer gewissen Hassliebe, weil es so extrem heikel ist. Und dann natürlich das diabetische Fuß-Syndrom: Diabetes und Wunde gehen leider häufig Hand in Hand. Ich bin außerdem eine phytophile Apothekerin und die Pflanzenwelt hat in der Wundversorgung wirklich sehr viel zu bieten.

ÖAZ Herr Dr. Ausch, Sie halten selbst einen Vortrag zum Thema „Wundversorgung zwischen Evidenz und Tradition“. Was darf sich das Publikum davon erwarten?
Ausch Ich kann schon spoilern: Es gibt gar nicht so viel Evidenz – und das ist genau das, was die Wundbehandlung schwierig macht. Mein Ziel ist, die therapeutischen Leitlinien so aufzubereiten, dass die Teilnehmenden erklären können: Wofür gibt es nur Erfahrungswerte, wofür gibt es harte wissenschaftliche Evidenz? Und eines ist mir wichtig: Nur weil es wenig Evidenz gibt, kann man den Menschen trotzdem sinnvolle Tools mitgeben.

ÖAZ Am Programm steht außerdem ein Vortrag mit dem Titel „Was man nicht tun sollte – Fehlerquellen in der Wundbehandlung“. Welche Fehler begegnen Ihnen besonders häufig?
Sindelar Es gibt Desinfektionsmittel, die man nicht auf Knorpel auftragen darf, denn sie sind knorpeltoxisch und damit absolut ungeeignet für Ohrlöcher oder Piercings. Dann ist da die Diskussion rund um trockene versus feuchte Wundheilung: Früher hieß es, Puder auf die Wunde, damit sie schön abtrocknet – das macht man heute nicht mehr so. Und dann geht es darum, welche Wundauflage auf welche Wunde gehört. Wählt man die falsche, hat man das genaue Gegenteil von dem erreicht, was man wollte.

ÖAZ Ab wann sollte man eine Wunde nicht mehr selbst behandeln, sondern sagen: „Damit gehen Sie bitte zum Arzt“?
Ausch Wer auf Alarmsymptome achtet – Schmerzen, Rötung, Fieber – und bei diesen Zeichen zuweist statt zu therapieren, leistet als erste Anlaufstelle bereits sehr viel. Dazu muss man nicht Medizin studiert haben. Auch die gezielte Nachfrage lohnt sich: Womit hat man sich verletzt? War es ein schmutziges Garteninstrument? Dann schicke ich jemanden immer ins Krankenhaus, denn ein Rotlauf kann rasch entstehen. Und dann gibt es noch den schwierigsten Fall: nämlich die Entscheidung, nichts zu tun. Die Menschen kommen mit einer Erwartungshaltung – aber wer sagt, ich interveniere nicht, übernimmt die Verantwortung dafür, dass keine Intervention notwendig ist. Auch das ist eine Kunst.

ÖAZ Wie hilft der Kongress, diese Entscheidungen in der Praxis besser zu treffen?
Ausch Ich möchte eine Checkliste in meinen Vortrag einbauen: Was muss ich abfragen, damit ich einschätzen kann, ob jemand sofort ärztliche Hilfe braucht, ob ich etwas mitgeben kann – oder ob ich sage: Lassen Sie das einfach in Ruhe. Genau dieser strukturierte Blick fehlt oft. Im Rettungsdienst gibt es ein Schema, das strikt abgearbeitet wird. So etwas braucht man auch für die Wundversorgung in der Apotheke.

“Es gibt gar nicht so viel Evidenz in der Wundbehandlung – das ist genau das, was es schwierig macht. Aber auch ohne harte Evidenz kann man den Menschen sinnvolle Tools mitgeben.“
Priv.-Doz. Dr. Christoph Ausch Tagungspräsident APOkongress Pörtschach

ÖAZ Was nehmen die Teilnehmenden konkret mit, um sich im Produktdschungel besser zurechtzufinden?
Sindelar In jedem Vortrag wird es Empfehlungen geben, natürlich ohne Produktwerbung. Jede und jeder muss die eigene Schiene finden – drei Präparate, mit denen man sich identifizieren kann und für die die Evidenz gut ist. Ich habe in 16 Jahren gelernt: Wenn das Präparat das Richtige für diese Wunde ist, spielt der Preis eine untergeordnete Rolle. Die Kasse deckt die Basis ab, und was darüber hinausgeht, entscheiden die Menschen selbst.

ÖAZ Am Programm stehen auch Vorträge zu Ernährung, Schlaf und KI – Themen, die man nicht auf den ersten Blick mit Wundversorgung verbindet. Welche Relevanz haben diese Aspekte?
Ausch Bei chronischen Wunden, die nicht heilen, haben Betroffene oft einen Proteinmangel oder einen Mangel an Elektrolyten – das gehört immer mitgedacht. Schlaf ist ebenfalls unterschätzt: Im Tiefschlaf schüttet der Körper Wachstumshormone aus, die direkt an der Gewebsregeneration beteiligt sind. Schlechter Schlaf bremst diesen Prozess messbar. Und KI-Tools können Wunden bereits vermessen und sind in der Wundbeschreibung gut etabliert. Eine eigenständige Diagnose stellen sie noch nicht – aber ich kann mir vorstellen, dass KI künftig bei vielen Dingen unterstützen wird.

ÖAZ Was ist die wichtigste Botschaft, die das Auditorium aus Pörtschach mit nach Hause nehmen soll?
Sindelar Hinschauen, gezielt fragen, dann entscheiden: Schicke ich die Person zum Arzt/zur Ärztin, oder kann ich etwas mitgeben? Ich habe dabei manchmal nichts verkauft – aber das sind die dankbaren Kund:innen, die wiederkommen. Genau das soll der APOkongress leisten: vom Vortragssaal direkt an die Tara, ohne kompliziertes Umdenken.

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