Nociplastischer Schmerz 

Was Mastzellen mit chronischen Darmkrämpfen zu tun haben

Mag. pharm.

Irene

Senn

,

PhD

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Bei bis zu 84 % der Reizdarm-Betroffenen finden sich Mast- zellen in unmittelbarer Nähe zu Darmnerven und setzen dort einen Teufelskreis der Schmerzüberempfindlichkeit in Gang. © Shutterstock
Bei bis zu 84 % der Reizdarm-Betroffenen finden sich Mast- zellen in unmittelbarer Nähe zu Darmnerven und setzen dort einen Teufelskreis der Schmerzüberempfindlichkeit in Gang. © Shutterstock

Genau das beschreibt das Konzept des nociplastischen Schmerzes (NPP), für das die International Association for the Study of Pain 2021 erstmals klare Diagnosekriterien formuliert hat. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im Fachjournal Frontiers in Immunology beleuchtet, welche nicht-neuronalen Zelltypen dabei eine tragende Rolle spielen.


Mastzellen: Brückenbauer zwischen Immunsystem und Darmnerven


Beim Reizdarmsyndrom – einem der häufigsten NPP-assoziierten Zustände – sind Mastzellen der entscheidende Akteur in der Peripherie. Bei 70 bis 84 % der Betroffenen finden sich Mastzell-Infiltrate im Darmgewebe, die sich auffällig eng um intestinale Nervenfasern gruppieren, und das dreimal häufiger als bei Gesunden. Der Anteil degranulierter Mastzellen ist dabei rund 1,5-fach höher.

Mechanistisch wirken Mastzellen über zwei komplementäre Wege. Einerseits bilden sie direkte synaptische Kontaktstrukturen zu Darmnerven aus, über die sie neuroimmuno­logische Signale via Adhäsionsmoleküle wie MCP-1 und N-Cadherin vermitteln. Andererseits setzen sie bei der ­Degranulation Histamin und die Serinprotease Tryptase frei: Histamin wirkt über H1- und H2-Rezeptoren auf viszerale ­Afferenzen und intestinale Neurone, Tryptase aktiviert den Protease-aktivierten Rezeptor PAR-2 auf Darm- und Afferenznerven und erhöht so deren Erregbarkeit. Die Neuronen antworten ihrerseits mit der Ausschüttung von Substanz P, CGRP und NGF – Signalmolekülen, die die Mastzell-Aktivierung weiter befeuern können. Es entsteht ein bidirektionaler neuroimmunologischer Regelkreis, der sich selbst unterhält.


Zentrale Sensibilisierung: Wenn das Rückenmark mitspielt


Nociplastischer Schmerz beschränkt sich jedoch nicht auf die Peripherie. Parallel zu den lokalen Vorgängen im Darm spielen sich im ZNS Prozesse ab, die das Schmerzgeschehen langfristig aufrechterhalten. Aktivierte Mikroglia und Astrozyten setzen proinflammatorische Zytokine wie IL-1β, IL-6 und TNF-α frei, die die Frequenz exzitatorischer postsynaptischer Ströme erhöhen und gleichzeitig die inhibitorische GABAerge und glycinerge Signaltransmission im Spinalhorn drosseln. Das Ergebnis: Reize, die unter physiologischen Bedingungen keine Schmerzantwort auslösen würden, überwinden nun die spinale Schranke.

Spasmolytika können bei akuten krampfartigen Beschwerden rasch Linderung verschaffen, sie adressieren jedoch ­primär die muskuläre Komponente und nicht die zugrunde liegenden nociplastischen Mechanismen. Für Patient:innen mit chronisch-rezidivierenden Beschwerden lohnt es sich daher, das Beratungsgespräch breiter anzulegen. Regelmäßige Bewegung, Stressreduktion und achtsamkeitsbasierte Interventionen zeigen in Studien günstige Effekte bei NPP-assoziierten Beschwerden (etwa durch Modulation immunologischer Parameter) und können eine sinnvolle nicht-pharmakologische Ergänzung zur symptomatischen Therapie darstellen. 

Quelle
Lai W, et al. Nociplastic pain: the prominent role of non-neuronal cells in central and peripheral sensitization. 
Front Immunol 2026; 17: 1677310. DOI: 10.3389/fimmu.2026.1677310

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