Mundtrockenheit

Wüste im Mund

Mag. pharm.

ALISSA

Maierhofer

Artikel drucken
Shutterstock © Shutterstock
© Shutterstock

Unter physiologischen Umständen werden täglich 0,6 bis 1,5 Liter Mundspeichel aus den drei Speicheldrüsen (Glandula parotis, Glandula submandibularis und Glandula sublingualis, (siehe Abbildung 1, S. 40) gebildet. Diese Drüsen werden durch den Kauvorgang sowie Geschmacks- bzw. Geruchssinn stimuliert und vorwiegend durch parasympathische Fasern des vegetativen Nervensystems gesteuert. Der übertragende Neurotransmitter Acetylcholin bindet an muscarinartige M3-Cholinozeptoren und erhöht die Speichelsekretion. Neben Wasser (99 %) besteht der Speichel auch aus Elektrolyten (Na+, K+, Cl-, HCO3-), alpha-Amylase für die Stärkeverdauung, Glykoproteinen, Muzinen und antimi​krobiellen Substanzen wie Immunglobulin A, Lysozym und Lactoferrin. Dadurch ergeben sich nicht nur eine Befeuchtung der Mundhöhle und eine Gleitfähigkeit des Nahrungsbreis (Bolus), sondern auch eine Verbesserung des Sprechaktes, der Verdauung,  der Geschmacksentwicklung sowie ein Schutz für Zähne und Schleimhäute. Der optimale pH-Wert des Speichels liegt in Ruhesekretion bei 6,5–6,9 und steigt nach Stimulation auf 7,2 an. 

Arzneimitteltherapie als häufige Ursache 

Unter dem Begriff Xerostomie (Mundtrockenheit) versteht man das subjektive Empfinden einer trockenen Mundhöhle; diesem Symptom kann eine Hyposalivation zugrunde liegen, die den objektiv messbaren Funktionsverlust der Speicheldrüsen beschreibt. Die Ursachen einer gestörten Speichelsekretion sind jedoch vielseitig: Es kann eine Dysfunktion der Speichelproduktion durch Entzündungen der Speicheldrüsen oder im Transport des Speichels durch verlegte Speichelgänge vorliegen. Viele pathophysiologische Veränderungen in der Speichelproduktion können auf Störungen in der Innervation der Speicheldrüsen durch medikamentöse oder onkologische Maßnahmen zurückgeführt werden. Eine große Gruppe an Arzneistoffen (siehe Kasten 1, S. 40) führt aufgrund einer anticholinergen Wirkung zu einer verminderten Speichelproduktion. Dazu zählen vor allem trizyklische Antidepressiva, Antiemetika, Antihistaminika, Anxiolytika, Neuroleptika und Spasmolytika. Weitere Arzneistoffgruppen mit Einfluss auf den Speichelfluss sind Antihypertensiva, Antineoplastika, Antiparkinson-Mittel, Bronchodilatoren, Diuretika sowie Sucht- und Genussmittel wie Opioide, Methamphetamin, Cannabis, Tabak und Alkohol. Eine große Rolle bei der Entwicklung einer Xerostomie spielt außerdem die Strahlentherapie in der Onkologie im Bereich von Kopf und Hals durch Schädigung der Speicheldrüsen. Bei Kopf-Hals-Tumoren kann die intensitätsmodulierte Radiotherapie (IMRT) die Dosisbelastung in den Parotiden reduzieren und damit das Risiko radiogener Xerostomie senken, sofern die onkologische Zielabdeckung erhalten bleibt. 

Substanzklassen Einfluss auf
den Speichelfluss


Arzneimittel mit Anticholinerger Wirkung
• Trizyklische Antidepressiva
• Antiemetika
• Antihistaminika
• Anxiolytika
• Neuroleptika
• Spasmolytika

Andere Arzneistoffgruppen
• Antihypertensiva
• Antineoplastika
• Antiparkinson-Mittel
• Bronchodilatoren
• Diuretika

Suchtmittel
• Opioide
• Methamphetamin 
• Cannabis
• Tabak
• Alkohol

Nichtmedikamentöse Risikofaktoren

Zu den weiteren prädisponierenden Faktoren einer Xerostomie zählen hormonelle Veränderungen (z. B. Postmenopause, Hypothyreose), muskuläre und neurodegenerative Erkrankungen, virale Infektionen, chronischer Stress, höheres Lebensalter, Autoimmunerkrankungen (z. B. Sjögren-Syndrom, siehe Kasten 2, S. 41), Traumata im Kopf- und Halswirbelsäulenbereich, ausgeprägte Mundatmung sowie Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus. Darüber hinaus können auch bestimmte Lebens- bzw. Genussmittel die Speichelproduktion vermindern und bestehende Beschwerden verstärken. Hierzu zählen insbesondere gerbstoffhaltige Getränke wie Schwarz-, Grün- und Salbeitee sowie Kaffee, Rotwein und scharfe, stark gewürzte, sehr heiße, zucker- und säurehaltige Speisen oder Getränke. Als Alternative und zur symptomatischen Linderung können wässrige Auszüge schleimstoffhaltiger oder reizlindernder Arzneipflanzen, beispielsweise Kamille (Matricaria recutita L., flos) oder Käsepappel (Malva sylvestris L., flos), eingesetzt werden.

Klinische Zeichen und Diagnostik

Die Symptomatik einer Xerostomie umfasst Entzündungen der Mundschleimhaut und der Zunge, Geschmacksstörungen, Mundgeruch sowie trockene und rissige Lippen. Aufgrund der verminderten Speichelsekretion steigt zudem das Risiko für Karies, orale Candidosen und parodontale Erkrankungen. Betroffene haben häufig Probleme bei der Nahrungsaufnahme, beim Schlucken, Sprechen oder Tragen von Zahnprothesen. Je nach zugrunde liegender Ursache können zusätzlich extraglanduläre Symptome wie trockene Augen, trockene Haut und Schleimhäute sowie Gelenkschmerzen auftreten (z. B. beim Sicca-Syndrom). Die Diagnostik basiert zunächst auf einer ausführlichen Untersuchung der Mundhöhle. Dabei werden insbesondere der Feuchtigkeitszustand der Mundschleimhaut, der Zustand von Zähnen und Zunge sowie Konsistenz und Menge des Speichels beurteilt. Hinweise auf lokale Infektionen, insbesondere eine orale Candidose, sollten ebenfalls erhoben werden. Ergänzend erfolgt die Palpation der Speicheldrüsen zur Beurteilung von Größe, Konsistenz und Druckschmerzhaftigkeit. Bei unklarer Genese oder Verdacht auf eine systemische Grunderkrankung können weiterführende diagnostische Verfahren wie die Sialometrie zur Bestimmung der Speichelflussrate oder Speicheldrüsenbiopsie indiziert sein. 

Ursachenscreening als wichtigste Behandlungsmaßnahme

Die Behandlung der Xerostomie richtet sich primär nach der zugrunde liegenden Ursache. Sofern möglich, sollten auslösende oder begünstigende Faktoren beseitigt bzw. reduziert werden. Bei arzneimittelinduzierter Mundtrockenheit ist eine Überprüfung der Medikation hinsichtlich einer Dosisreduktion, Umstellung oder eines Absetzens im Rahmen einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung angezeigt. Auch bei onkologischen Therapien sollte die weitere Behandlung unter Berücksichtigung des therapeutischen Nutzens und der Beschwerden evaluiert werden. Zur symptomatischen Behandlung stehen Speichelersatzpräparate auf Basis von Mucin, Carboxymethyl- oder Hydroxyethylcellulose sowie Wirkstoffe zur Stimulation der Speichelsekretion (Sialagoga), wie zum Beispiel der cholinerg wirksame Arzneistoff Pilocarpin, zur Verfügung. Die S3-Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft zur supportiven Therapie bei onkologischen Patient:innen empfiehlt einen Therapieversuch mit Speichelersatzpräparaten, spricht jedoch aufgrund der begrenzten Evidenz keine Präferenz für ein bestimmtes Präparat aus. Für Pilocarpin wird aufgrund der bislang uneinheitlichen Studienlage keine prophylaktische Anwendung empfohlen; der Einsatz sollte auf die Behandlung der radiogenen Xerostomie beschränkt bleiben. 

Mundtrockenheit
Ergänzende Maßnahmen

• Konsequente Mundhygiene
• Fluoridhaltige Zahnpflege
• Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen
• Mundatmung vermeiden, 
  Nasenatmung fördern
• Ausreichend Wasser trinken – 
  über den Tag verteilt
• Mund regelmäßig befeuchten oder spülen
• Reizende und zuckerhaltige Speisen meiden
• Nikotin meiden, Koffein und Alkohol
  reduzieren
• Aufrecht essen und weiche Speisen 
  bevorzugen

Ergänzende Maßnahmen

Ergänzend zur kausalen und symptomatischen Therapie können allgemeine Maßnahmen wesentlich zur Linderung der Beschwerden und zur Prävention von Folgeschäden beitragen (siehe Kasten 3, links). Eine zentrale Rolle spielt dabei eine konsequente Mundhygiene mit regelmäßiger Zahn-, Zungen- und Interdentalpflege unter Verwendung fluoridhaltiger Zahnpflegeprodukte. Ergänzend sind regelmäßige zahnärztliche Kontrollen sowie eine professionelle Mundhygiene mit Karieskontrolle empfehlenswert. Bei Personen mit Schlafapnoe können Maßnahmen zur Verbesserung der Nasenatmung (z. B. CPAP-Therapie) sowie eine ausreichende Luftbefeuchtung die nächtliche Mundtrockenheit reduzieren.

Zur Befeuchtung der Mundschleimhaut wird eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr mit ungesüßten Getränken, vorzugsweise Wasser, empfohlen. Die Trinkmenge sollte möglichst gleichmäßig über den Tag verteilt und in kleinen Portionen aufgenommen werden. Zusätzlich kann regelmäßiges Spülen der Mundhöhle mit Wasser die Beschwerden lindern. Vermieden werden sollten scharfe, stark gewürzte und heiße Speisen sowie zucker- und säurehaltige Lebensmittel und Bonbons. Ebenso ist ein Verzicht auf Nikotin sowie ein eingeschränkter Konsum von koffeinhaltigen Getränken und Alkohol anzustreben. Bei Personen mit begleitenden Schluckbeschwerden sind eine aufrechte Sitzhaltung während der Nahrungsaufnahme sowie eine mundgerechte und weiche Zubereitung der Speisen empfehlenswert. Darüber hinaus kann die Wahl flüssiger Arzneiformen gegenüber festen oder sublingualen Zubereitungen die Arzneimitteleinnahme erleichtern und die Therapieadhärenz verbessern.

Quellen
•   S3-Leitlinie: Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen (2025), AMWF Reg.Nr. 032-054OL
•   Scully C: Drug effects on salivary glands: dry mouth. Oral diseases 2003; 9: 165-176
•   Tanasiewicz M, et al.: Xerostomia of various etiologies: A review of the literature. Adv Clin Exp Med 2016; 25(1):       199-206 
•   Gil-Montoya J, et al.: Treatment of xerostomia and hyposalivation in the elderly: A systematic review. 
     Med Oral Patol Oral Cir Bucal 2016; 21(3): 355-366 
•   Vaupel P, et al.: Anatomie, Physiologie, Pathophysiologie des Menschen (2015)., 7. Auflage, Wissenschaftliche             Verlagsgesellschaft, Stuttgart

Das könnte Sie auch interessieren