Der Wunsch nach Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten ist im Grunde genommen nichts Neues – immerhin ist der Konsum von koffeinhaltigen Getränken bei vielen Menschen ein tägliches Ritual. Abseits von Koffein drängen mittlerweile immer mehr legale und illegale Substanzen in den Vordergrund, mithilfe derer eine Verbesserung der Hirnleistung erwartet wird. Angestrebt werden unter anderem eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit, ein besseres Arbeitsgedächtnis, eine erhöhte Wachsamkeit oder eine Steigerung der Kreativität.
Die verwendeten Substanzen werden in der englischsprachigen Literatur oft als „cognitive enhancers“, „neuro enhancers“ oder „smart drugs“ bezeichnet. Ebenso ist der pharmakologische Begriff „nootropics“ (dt. „Nootropika“; aus dem Altgriechischen, in etwa „auf den Verstand einwirken“) verbreitet. Als Nootropika werden Wirkstoffe bezeichnet, die die Hirnleistung durch Beeinflussung des Gehirnstoffwechsels verbessern sollen – allerdings ohne oder allenfalls nur geringe zentral stimulierende Effekte. Dieser Terminus wird in der deutschsprachigen Literatur hauptsächlich für Medikamente zur Behandlung von dementiellen Störungen verwendet. Für pflanzliche Präparate, die der Leistungssteigerung dienen, wird häufig auch der Begriff „Adaptogen“ verwendet. Dieser bezeichnet Stoffe, die den Organismus dabei unterstützen sollen, sich an körperliche und psychische Belastungssituationen anzupassen.1,2,3,4
Mehr Pferdestärken durch pflanzliche Hirnbooster
Zur Stressbewältigung und zur Verbesserung der kognitiven Funktionen wurde kaum einer Pflanze in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt wie der Schlafbeere, Withania somnifera (Solanaceae), im Sanskrit als Ashwagandha (übersetzt in etwa: ‚Geruch des Pferdes‘) bezeichnet.
Verwendet wird meist ein Wurzelextrakt, welcher in verschiedenen Formulierungen als Nahrungsergänzungsmittel im Handel ist. Unter den zahlreichen Inhaltsstoffen gelten vor allem die sogenannten Withanolide als biologisch wirksam, welche chemisch gesehen zu den Triterpenlactonen zählen. Die beschriebenen Wirkungen reichen von neuroprotektiven, antioxidativen Effekten über einen verbesserten Sauerstofftransport durch Erhöhung der Erythrozytenanzahl bis hin zu einer Modulation an GABAergen und cholinergen Systemen.5
In einer Studie aus dem Jahr 2021 wurde die Einnahme eines standardisierten Wurzelextraktes gegen Placebo an 130 gesunden Personen mit moderatem Stress hinsichtlich einer Verbesserung der kognitiven Leistung, des Stressniveaus, der Schlafqualität und des allgemeinen Wohlbefindens untersucht. Die Ashwagandha-Gruppe zeigte hier in den durchgeführten Tests jeweils signifikante Verbesserungen, welche in der Placebo-Gruppe nicht oder nur marginal auftraten. Eine weitere Studie kam drei Jahre später zu ähnlichen Ergebnissen, wobei hier vor allem eine verbesserte Aufmerksamkeit, schnellere Reaktionszeit und weniger Anspannung und Müdigkeit im Vergleich zu Placebo festgestellt wurden. Beide Studien hatten allerdings nur wenige Teilnehmer:innen und kurze Beobachtungszeiträume, weshalb keine Aussagen über Langzeitwirkungen getroffen werden können.6,7
Tatsächlich sprach das Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland 2024 eine Warnung bezüglich der unreflektierten Einnahme von Ashwagandha-Präparaten aus und empfiehlt speziell für Kinder, Schwangere und Stillende sowie Personen mit Vorerkrankungen der Leber, auf diese Präparate zu verzichten. Diese Bewertung beruht vor allem darauf, dass die mannigfaltigen Wirkungen von Ashwagandha noch nicht ausreichend untersucht sind und Daten darauf schließen lassen, dass manche Menschen besonders empfindlich auf Ashwagandha reagieren können.8
Auch die Rosenwurz, Rhodiola rosea (Crassulaceae), gilt als adaptogene Heilpflanze. Präparate aus dem Wurzelextrakt dieses alpin-arktischen Gewächses konnten in mehreren Studien v. a. stressbedingte Beschwerden wie mentale und körperliche Ermüdung reduzieren. Aufgrund dieser Ergebnisse sind Rosenwurz-Präparate in der EU als traditionelle pflanzliche Arzneimittel zur Linderung von Stresssymptomen beschrieben. Der direkte Effekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit war in den durchgeführten Humanstudien allerdings weniger eindeutig und ist vermutlich ausschließlich auf die verbesserte Stressanpassung des Organismus zurückzuführen. Zudem fehlen noch ausreichende Daten zur Anwendung bei vulnerablen Gruppen und zu möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.4,5,9
Zu den in dieser Hinsicht am besten untersuchten pflanzlichen Arzneien zählen Extrakte des Ginkgobaums, Ginkgo biloba (Ginkgoaceae). Die metabolisch aktiven Ginkgolide sind hauptsächlich in den Blättern zu finden, und standardisierte Extrakte daraus sind sowohl als Nahrungsergänzungsmittel als auch als zugelassene Arzneimittel erhältlich. Ginkgo-Präparate zeigen neuroprotektive Effekte, verbessern die zerebrale Perfusion, steigern die Hypoxietoleranz, modulieren das cholinerge System und beeinflussen so die Gedächtnisleistung und das Lernvermögen. Die Nebenwirkungen sind moderat, zu beachten ist allerdings, dass Ginkgo-Präparate die Blutungs-bereitschaft erhöhen und somit mit allen blutgerinnungshemmenden Arzneimitteln wechselwirken können. Zur primären Zielgruppe gehören Patient:innen mit dementiellem Syndrom bei primär degenerativer Demenz; der Nutzen bei einer Anwendung an gesunden Personen zur kognitiven Leistungssteigerung ist allerdings fraglich.5,10
Besseres Lernen durch Hirndoping?
Umfragen unter Studierenden ergaben, dass im Fall von Lern- und Prüfungsstress oft auf leistungssteigernde Substanzen zurückgegriffen wird. Die Befragten wollten vor allem effizienter lernen, besser entspannen, die Nervosität reduzieren, den Leistungsdruck bewältigen und die Leistung steigern. Allen voran werden zwar nach wie vor hauptsächlich koffeinhaltige Getränke oder Präparate eingenommen, der Gebrauch von verschreibungspflichtigen oder illegalen Substanzen ist allerdings auf dem Vormarsch. In einer Umfrage unter ca. 6.000 Schweizer Studierenden gaben 7,6 % der Student:innen an, schon mindestens einmal verschreibungspflichtige Medikamente zum Zwecke des Neuroenhancements verwendet zu haben, wobei Methylphenidat am häufigsten genutzt wurde.11
Das ADHS-Medikament Methylphenidat steigert über eine zentral stimulierende, amphetaminähnliche Wirkung die Konzentration und Aufmerksamkeit. Zur Leistungssteigerung bei Gesunden gibt es hingegen nur wenige Studien. Eine Studie aus dem Jahr 2021 untersuchte den Einfluss von drei verschiedenen Stimulantien (Koffein, Methylphenidat und das Psychoanaleptikum Modafinil) gegen Placebo auf die kognitive Leistungsverbesserung der Proband:innen. Dabei wurden u. a. die Auswirkungen auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Kreativität und Verarbeitungsgeschwindigkeit erhoben. Methylphenidat wirkte sich lediglich positiv auf das Langzeitgedächtnis (nach 24 Stunden) aus und verringerte die Müdigkeit. Es konnten keine signifikanten Verbesserungen bezüglich Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, logischem Denken und Kreativität festgestellt werden. Auch das normalerweise bei Narkolepsie eingesetzte Modafinil, welches ebenso als Neuro-Enhancer missbraucht wird, konnte in dieser Studie nicht überzeugen – es zeigte in keinem Bereich einen signifikanten Nutzen. Koffein steigerte vor allem die anhaltende Aufmerksamkeit und die Reaktionszeit. Dem gegenüber stehen Nebenwirkungen wie z. B. Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Unruhe. Schwere Nebenwirkungen, die bei längerer Verwendung von Methylphenidat auftreten können (z. B. Herz-Kreislauf-Störungen wie Tachykardie, Palpitationen und Arrhythmien), konnten aufgrund des gewählten Studiendesigns nicht festgestellt werden, sind aber in Anbetracht einer vermehrten Nutzung auf Dauer nicht auszuschließen.12,13
Microdosing von Psychedelika
Auch die Anwendung von LSD oder Psilocybin zur Steigerung der Produktivität und Kreativität findet immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Der Trend des Microdosings, also die Anwendung von sehr geringen Dosen von Psychedelika, ohne dabei die Schwelle zur psychedelischen Wirkung zu überschreiten, wurde durch die Tech-Giganten im Silicon Valley populär gemacht und weckte so auch wissenschaftliches Interesse. In einem 2025 erschienenen Review wurde der aktuelle Forschungsstand zum Microdosing mit LSD und Psilocybin kritisch bewertet. Dabei wurden 57 Humanstudien miteinbezogen, sowohl Beobachtungs- als auch experimentelle Studien. Viele der propagierten Wirkungen (Verbesserung der kognitiven Leistung, Stimmung, Wahrnehmung oder soziale Effekte) konnten nur in den Beobachtungsstudien festgestellt werden, in den experimentellen Studien waren diese Effekte meist nicht zu messen. Die subjektive Wahrnehmung und die objektive Leistung stimmten also häufig nicht überein. Speziell in dem für das Microdosing häufigsten Motiv, nämlich der Steigerung der Kreativität, konnten in den Interventionsstudien überwiegend keine signifikanten Verbesserungen erhoben werden. Eine weitere, Anfang des Jahres publizierte Arbeit schaute sich nur die Datenlage zu objektiv messbaren kognitiven Funktionen an. Die Ergebnisse waren auch hier eher ernüchternd. Die Autor:innen konnten keine signifikanten Effekte auf die Kognition, Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis, die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die Kreativität und die kognitive Flexibilität finden, lediglich eine Verringerung der kognitiven Kontrolle war beobachtbar. Dies könnte wiederum eine offenere Informationsverarbeitung und weniger starres Denken fördern. Insgesamt gibt es aber derzeit keine überzeugenden Belege dafür, dass psychedelisches Microdosing die kognitive Leistungsfähigkeit verbessert.14,15
Fazit
Es gibt weder für Methylphenidat noch für die Psychedelika genügend Erkenntnisse, um auf einen markant
kognitiv-leistungssteigernden Effekt schließen zu lassen. Langzeitdaten fehlen meist komplett; das breite Nebenwirkungsprofil ist bei diesen potenten Substanzen definitiv nicht außer Acht zu lassen. Was die pflanzlichen „smart drugs“ angeht, so konnte hier zumindest bei manchen durch Studien eine gewisse Wirkung belegt werden, die Nebenwirkungen waren meist moderat. Effekte einer Langzeitanwendung sind allerdings auch hier nicht bekannt. Wer auf Nummer sicher gehen will, bleibt am besten beim Kaffee.
Quellen
- Sattler S, et al.: Prevalence of legal, prescription, and illegal drugs aiming at cognitive enhancement across
sociodemographic groups in Germany. Deviant Behavior 2025; 46(3): 253-287 - Sharif S, et al.: The use and impact of cognitive enhancers among university students: A systematic review. Brain Sci 2021; 11(3): 355
- Mutschler E, et al.: Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie (2001); 8. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart
- Ivanova Stojcheva E, et al.: The effectiveness of Rhodiola rosea L. preparations in alleviating various aspects of life-stress symptoms and stress-induced conditions-encouraging clinical evidence. Molecules 2022; 27(12): 3902
- Malík M, et al.: Nootropic herbs, shrubs, and trees as potential cognitive enhancers. Plants (Basel) 2023; 12(6): 1364
- Gopukumar K, et al.: Efficacy and Safety of Ashwagandha Root Extract on Cognitive Functions in Healthy, Stressed Adults: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Study. Evid Based Complement Alternat Med. 2021 Nov 30;2021:8254344.
- Leonard M, et al.: Acute and Repeated Ashwagandha Supplementation Improves Markers of Cognitive Function and Mood. Nutrients. 2024 Jun 8;16(12):1813.
- Bundesinstitut für Risikobewertung, Deutschland: Ashwagandha: Schlafbeeren-Präparate mit möglichen Gesundheitsrisiken. Mitteilung 039/2024; 10. September 2024.
- Austria Codex Fachinformation Vitango®
- Austria Codex Fachinformation Cerebokan®
- Maier LJ, et al.: To dope or not to dope: neuroenhancement with prescription drugs and drugs of abuse among Swiss university students. PLoS One. 2013 Nov 13;8(11):e77967.
- Austria Codex Fachinformation Methylphenidat STADA
- Repantis D, et al.: Cognitive enhancement effects of stimulants: a randomized controlled trial testing methylphenidate, modafinil, and caffeine. Psychopharmacology (Berl). 2021 Feb;238(2):441-451.
- Totomanova I, et al.: Between enhancement and risk: A critical review of psychedelic microdosing. Curr Opin Psychol. 2025 Dec;66:102129.
- Pinhas N, et al.: Effects of psychedelic microdosing on cognitive functions: A systematic review and meta-analysis. Neurosci Biobehav Rev. 2026 Jan;180:106493.