Wirkstoffe kompakt

Butylscopolamin


Mag. pharm.  Sieglinde  PLASONIG


Artikel drucken
Shutterstock © Shutterstock
© Shutterstock

Der deutsche Chemiker Franz Adickes erzielte 1949 schließlich den entscheidenden Erfolg: die Herstellung der quaternären Ammoniumverbindung N-Butyl-Scopolaminiumbromid (syn. Butylscopolamin, Hyoscinbutylbromid/HBB). Die Substanz besaß eine gute peripher anticholinerge Wirkung bei geringer systemischer Absorption und fehlender Zentralgängigkeit. Butylscopolamin wurde 1951 in Deutschland zugelassen, zwei Jahre später auch in Österreich. Es entwickelte sich rasch zum meistverordneten Spasmolytikum.
Auf dem österreichischen Markt sind aktuell die 10-mg-Dragees sowie ein orales Kombinationspräparat mit 500 mg Paracetamol verfügbar, zudem Ampullen zu 20 mg/ml. Zäpfchen sind hierzulande nicht mehr im Handel. In Deutschland ist ein Kombinationspräparat mit 800 mg Paracetamol in Zäpfchenform verfügbar.

Wirkung 

Butylscopolaminiumbromid ist ein peripher wirksamer Muskarinrezeptor-Antagonist (Parasympatholytikum), der vor allem als Spasmolytikum eingesetzt wird. Als quaternäre Ammoniumverbindung passiert es die intakte Blut-Hirn-Schranke nicht, sodass zentrale anticholinerge Nebenwirkungen in therapeutischen Dosen normalerweise ausbleiben. Seine periphere anticholinerge Wirkung beruht auf der kompetitiven Blockade muskarinischer M2-  und M3-Rezeptoren – etwa an glatten Muskelzellen und Epithelzellen – in den parasympathischen Nervengeflechten der inneren Organe. Daneben wirkt es hemmend auf parasympathische Ganglien im enterischen Nervensystem der viszeralen Wand. Das Ergebnis ist eine krampflösende Wirkung auf die Muskulatur des Gastrointestinaltrakts, der Gallenwege und des Urogenitalsystems („neurotropes Spasmolytikum“). Es kommt zur Erschlaffung spastisch kontrahierter glatter Muskulatur, zur Reduktion übermäßiger Motilität und Verminderung cholinerger Sekretion.

Als stark polare Verbindung hat Butylscopolaminiumbromid bei oraler oder rektaler Verabreichung eine Resorption von nur wenigen Prozent. Die absolute Bioverfügbarkeit liegt unter 1 %, bedingt durch die geringe Resorption und einen hohen First-Pass-Effekt. Es wirkt vor allem an der glatten Muskulatur und den intramuralen Ganglien der Bauch- und Beckenorgane. Für ausreichende systemische Wirkungen ist die parenterale Gabe erforderlich. 

Indikationen

Butylscopolamin 10-mg-Dragees sind laut Fachinformation indiziert bei leichten bis mäßigen Magen-Darm-Krämpfen. Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab 6 Jahren erhalten maximal 60 mg/Tag. 

Das Kombinationspräparat (10 mg + 500 mg Paracetamol) wird bei krampfartigen Schmerzen des Magen-Darm-Trakts, der Gallen- und Harnwege sowie der weiblichen Geschlechtsorgane eingesetzt (inkl. Dysmenorrhoe). Behandelt werden Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren. Wegen des Paracetamolgehalts sind maximal 4 Dragees pro Tag einsetzbar, die laut Fachinformation mit einem Mindestabstand von 8 Stunden verabreicht werden.
In der Selbstmedikation gilt für beide Produkte eine maximale Anwendungsdauer von drei Tagen.

Die oft auch notfallmedizinisch genutzten Butylscopolamin-Ampullen (i.v., i.m., s.c.) sind indiziert bei Krämpfen und Motilitätsstörungen des Magen-Darm-Trakts, der Gallen- und Harnwege und bei Dysmenorrhoe. Des Weiteren werden sie bei Spasmen während der Entbindung eingesetzt (Entspannung der Zervix in der Eröffnungsphase) sowie bei diagnostischen/therapeutischen Verfahren, bei denen Spasmen problematisch sind (wie z. B. Gastroduodenalendoskopien). Die TMD beträgt bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren 100 mg/Tag. Bei Kindern ab sechs Jahren erfolgt die Dosierung gewichtsbasiert. 
2025 führten Vazquez Frias et al. einen Review zu den Effekten von Butylscopolamin im Kindesalter durch, welcher auch jüngere Kinder und Off-Label-Anwendungen miteinbezog. Dieser erbrachte keine neuen Sicherheitsbedenken für diese Altersgruppe.

Butylscopolamin bei unterschiedlichen Indikationen

Der Einsatz von Butylscopolamin bei krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden wird durch umfangreiche Evidenz gestützt. Die Wirkung tritt rasch ein – bei oraler oder rektaler Gabe innerhalb von 15 bis 30 Minuten, bei intravenöser Gabe innerhalb von 1–3 Minuten – und hält etwa 4–6 Stunden an. Auch in der Selbstbehandlung mit Butylscopolamin als Bedarfsmedikation bei krampfartigen Bauchschmerzen zeigt sich ein positives Bild: Die Überlegenheit gegenüber Placebo, die Sicherheit und Verträglichkeit und eine hohe Patientenzufriedenheit konnten nachgewiesen werden.

Beim Reizdarmsyndrom wird der Einsatz von Butylscopolamin oder anderen Spasmolytika explizit in der aktuellen Leitlinie empfohlen, um das Symptom „Bauchschmerzen“ bei dieser Erkrankung zu lindern. 

Die Kombination aus Paracetamol und Butylscopolamin wirkt bei Menstruationsschmerzen synergistisch, da sie analgetische und spasmolytische Effekte vereint. Eine deutsche Real-World-Studie aus dem Jahr 2026 untersuchte zu dieser Kombination Wirksamkeit, Nutzungsmuster, Verträglichkeit und Patientenzufriedenheit unter praxisnahen Bedingungen. 90,8 % der Patientinnen sprachen auf die Behandlung an. 13,3 % der Responder reagierten bereits nach 15 min, 42,9 % nach 30 Minuten und etwa drei Viertel nach einer Stunde. Die mediane Zeit bis zur ersten spürbaren Linderung betrug 30 Minuten. Nebenwirkungen waren selten und mild, es traten keine schwerwiegenden UAW auf. 

Die ärztliche Therapie der akuten Gallenkolik erfolgt leitliniengemäß mit NSAR wie Diclofenac oder Indometacin, was neben der analgetischen Wirkung auch das Risiko vermindert, im Verlauf der biliären Kolik eine Cholezystitis zu entwickeln. Spasmolytika wie Butylscopolamin können additiv eingesetzt werden (sichere Wirksamkeit bei parenteraler Verabreichung). 

Für die medikamentöse Therapie der Urolithiasis (Harnsteinleiden) ist Butylscopolamin nicht empfohlen. Gemäß Leitlinie hat es keinen Einfluss auf den Nierendruck, relaxiert nur in sehr hohen Dosen den peripheren Harnleiter und sollte somit nicht eingesetzt werden. Ein positiver Effekt auf die Schmerzen konnte nicht verifiziert werden. Die Schmerztherapie erfolgt hier mit Metamizol, Paracetamol, Diclofenac oder Opioiden. Die Steinabgangsrate hingegen lässt sich durch Alpha-Blocker wie Tamsulosin positiv beeinflussen.

Der Einsatz von Butylscopolamin im Rahmen von Koloskopien zur Ruhigstellung des Darms – für einen besseren Patientenkomfort und Beurteilbarkeit der Schleimhaut – wird kontrovers diskutiert und ist in der aktuellen Leitlinie nicht empfohlen. 

Kontraindikationen und unerwünsche Arzneimittelwirkungen

Die häufigste Anwendungsform von Butylscopolamin ist die enterale Anwendung. Kontraindikationen betreffen alle Zustände, die sich durch die anticholinergen und motilitätshemmenden Effekte von Butylscopolamin verschlechtern könnten: Ileus und mechanische Stenosen im Gastrointestinaltrakt, Megacolon sowie eine Myasthenia gravis. 

Des Weiteren gilt Vorsicht bei Patient:innen mit Glaukomgefahr, einer Neigung zu Tachyarrhythmien und stattgehabten Obstruktionen des Gastrointestinal- oder Harntrakts. Butylscopolamin in oraler Form gilt als gut verträglich. Mundtrockenheit, Störungen der Schweißdrüsentätigkeit, Tachykardien oder Hautreaktionen kommen gelegentlich vor, selten wurde Harnverhalt beobachtet.

Quellen

  1. BASG Arzneispezialitätenregister
  2. Austria Codex Fachinformation
  3. Corsetti M, Forestier S, Jiménez M: Hyoscine butylbromide mode of action on bowel motility: From pharmacology to clinical practice. Neurogastroenterology & Motility 2023;35:e14451. DOI: 10.1111/nmo.14451
  4. Vázquez Frias R, et al:A comprehensive review of the effects of hyoscine butylbromide in childhood. J Clin Med 2025, 14, 3009. DOI: 10.3390/jcm14093009
  5. Lacy BE, et al: On-demand hyoscine butylbromide for the treatment of self-reported functional cramping abdominal pain. Scandinavian Journal of Gastroenterology 2013; 48(8), 926-935. DOI:10.3109/00365521.2013.80411
  6. Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der DGVS und DGNM, Juni 2021 – AWMF-Registriernummer: 021/016
  7. Lange R, Amand C, Harrington L. A real-world study to describe the effectiveness and usage patterns of hyoscine butylbromide plus tablets in patients with dysmenorrhoea. Womens Health (Lond). 2026 Jan-Dec; 22:17455057251406956. DOI: 10.1177/17455057251406956.
  8. S2k-Leitlinie Qualitätsanforderungen in der gastrointestinalen Endoskopie der DGVS, Juli 2025 – AWMF Register Nr. 021–022
  9. Aktualisierte S3-Leitlinie der DGVS und DGAV zur Prävention, Diagnostik und Behandlung von Gallensteinen AWMF-Register-Nr. 021/008
  10. S2k-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Metaphylaxe der Urolithiasis (AWMF Registernummer 043 - 025) Aktualisierung 2018
  11. Geisslinger G., Mutschler Arzneimittelwirkungen, 11. AFL 2020, WVG Stuttgart

Das könnte Sie auch interessieren