Aufgrund der derzeitigen rechtlichen Lage gibt es in Österreich – wie auch in fast allen EU-Mitgliedsstaaten – nur sehr wenige speziell für die Veterinärmedizin zugelassene Phytopharmaka. Der Bedarf an wirksamen Phyto-Produkten zur Gesunderhaltung der Tiere nimmt aber in der Post-Antibiotika-Ära zu, weil Rückstände und Ausscheidungen von Antibiotika und synthetischen Arzneistoffen bzw. deren Metaboliten in wachsendem Ausmaß Probleme für die terrestrischen und aquatischen Ökosysteme darstellen und ihr Eintrag in die Nahrungskette die Lebensmittelqualität beeinträchtigt. Im Rahmen des europäischen „Green Deal“ wird deshalb in der Bio-Landwirtschaft (Nutztierhaltung) der vorrangige Einsatz von Phytotherapeutika gefordert.
Ebenso werden in der tierärztlichen Praxis in wachsendem Ausmaß pflanzliche Produkte – von Arzneitees bis zu magistralen Zubereitungen – auch bei Pferden und Kleintieren (Hund, Katze, Kaninchen) eingesetzt. Laut EU-Tierarzneimittel-Verordnung 2019/6 sollen nun neue Möglichkeiten einer vereinfachten Zulassung von traditionellen pflanzlichen Produkten zur Behandlung von Tieren geschaffen werden, wofür ein entsprechender Legislativvorschlag bis Anfang 2027 erwartet wird. Bis diese Maßnahmen aber greifen und neue (oder alte?) Veterinär-Phytopharmaka wieder auf dem Markt sind, sollen weiterhin veterinärmedizinische Ergänzungen zu den ÖAZ-HMPPA-Arzneipflanzen-Monographien als Basisinformation für magistrale Zubereitungen in unregelmäßigen Abständen erscheinen.
Artischocke (Cynara cardunculus L.), ÖAZ 17/23
In der Veterinärmedizin erlangten Artischockenzubereitungen erst in den letzten Jahren zunehmend Bedeutung bei Tieren, die aufgrund von Bewegungsmangel und/oder übermäßiger bzw. hyperkalorischer Fütterung an Verdauungsproblemen wie Dyspepsie oder Hyperlipidämie bzw. Adipositas oder metabolischem Syndrom leiden. Die in den Blättern enthaltenen Sesquiterpen-Bitterstoffe, Chlorogensäure, Cynarin und Flavonoide wirken appetitanregend, verdauungsfördernd, choleretisch, hepatoprotektiv, leberzellregenerierend, antioxidativ sowie lipidsenkend bzw. -regulierend und hypoglykämisch. Neuere Studien zeigen darüber hinaus, dass Artischocken ein antimikrobielles Potenzial sowohl gegen grampositive als auch gramnegative Bakterien besitzen und damit das tierische Darm-Mikrobiom positiv beeinflussen.1,2
Es kommen Frischpflanzenpresssäfte zur Anwendung, aber auch Pulver, Extrakte oder Tinkturen. Artischocke ist für Katzen nur eingeschränkt geeignet* (niedrig dosieren, Wiederholungen max. jeden 2. Tag). Am Markt befinden sich auch einige Ergänzungsfuttermittel für verschiedene Tierspezies, oft in Kombinationen mit anderen Bitterstoff-Drogen wie Enzian, Löwenzahn, Schafgarbe oder auch mit Ingwer bzw. Gelbwurz oder Mariendistel.
Echter Baldrian (Valeriana officinalis L. s. l.), ÖAZ 09/22
Traditionell wird Baldrianwurzel zu Viehpulvern zur Gesundheitsstärkung, in Mixturen gegen Koliken oder als Stomachikum bei chronischen Verdauungsproblemen – vor allem der Wiederkäuer – zugesetzt. Baldrian kam früher auch bei allgemeinen Schwächezuständen als anregendes Mittel bei Kollaps, Herzschwäche oder Gebärparese zum Einsatz. In höherer/doppelter Dosierung wurde er bei Leiden des Nervensystems verwendet. Heute rückt die Verwendung als Mittel zur Beruhigung und Stresslinderung in der Tiermedizin in den Vordergrund.3,4 Wichtig zu erwähnen ist, dass es bei der Anwendung von Baldrian-Zubereitungen bei einigen Spezies in seltenen Fällen zu paradoxen Reaktionen (Exzitation) kommen kann. Besonders bei Katzen ist die stimulierende bis aufregende Wirkung auf das Zentralnerven- und Atemsystem bekannt, die sich allerdings in ausreichend hoher/höherer Dosierung in eine auf das ZNS beruhigende Wirkung umkehrt. Für Katzen ist Baldrian deshalb nur bedingt geeignet. Die wichtigsten Inhaltsstoffe in der Baldrianwurzel sind ätherisches Öl (mit u. a. den Komponenten Borneol und Bornylacetat), Sesquiterpene (wie Bisabolen, Valerenal, Valerenol), Valerensäure, Chlorogen- und Kaffeesäure, Valepotriate sowie Lignane, die in ihrem Zusammenspiel anxiolytisch, spasmolytisch und muskelrelaxierend wirken.
Bereits in den frühen Rossarzneibüchern werden Anwendungen von Beinwell bei verschiedensten Traumata beschrieben. Heute werden Zubereitungen aufgrund der analgetischen, antiphlogistischen, abschwellenden, granulations- sowie Kallusbildung-fördernden, wundheilungsfördernden und auch antimikrobiellen Wirkung äußerlich bei stumpfen Verletzungen, Knochen-, Sehnen- und Gelenkerkrankungen eingesetzt. Auch bei Eutererkrankungen (Mastitis) werden Beinwellsalben erfolgreich verwendet.5,6 Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen der Pflanze zählen Allantoin, Schleimstoffe, Kaffeesäureester, Gerbstoffe, Triterpene, Triterpensaponine – aber auch Pyrrolizidinalkaloide (PA). Es kommen Abkochungen (Blätter, Kraut oder Wurzeln; mehrmals pro Tag, in Form von Umschlägen), Kataplasmen (Beinwellwurzel frisch zu Brei verarbeiten; mittels Tuch auf betroffene, geschorene Stelle auflegen und mittels Verband fixieren) oder Tinkturen (mind. 1:5 mit Wasser verdünnen; 1–2 x täglich als Einreibung oder in Salben eingearbeitet) zur Anwendung.
Aufgrund der kanzerogenen und mutagenen Wirkung der Pyrrolizidinalkaloide erfolgt keine Anwendung auf geschädigter Haut sowie keine innerliche Verabreichung. Zugelassene Phytopharmaka beruhen allerdings auf speziellen Beinwell-Züchtungen bzw. Extraktionsverfahren und sind so gut wie PA-frei. Deren Einsatz ist daher gefahrlos möglich. Am Markt befinden sich einige Pflegemittel, meist in Kombination mit anderen analgetisch und antiphlogistisch wirkenden Arzneidrogen wie Arnika, Campher, Senf oder Capsicum.
Daher werden Baldrianzubereitungen bei Unruhe, Angstzuständen, leichter Erregbarkeit, Stress (z. B. durch Transport, Umstallung etc.) und bei nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt.
Baldrianwurzel kommt als Teeaufguss zum Einsatz, aber auch als Kaltauszug sowie als Pulver und Tinktur (1:5) in Pillen, Bissen oder Boli unters Futter/ins Wasser gemischt. Bei geschmacksempfindlichen Tieren (z. B. manchen Pferden) kann Mischen mit Obstessig den typischen Baldriangeruch überdecken und die Aufnahme verbessern. Schon wenige Stunden nach Verabreichung können erste therapeutische Effekte eintreten, deren volle Wirkung allerdings meist erst nach einigen Tagen erreicht wird. Die pharmakologischen Wirkungen von Barbituraten, Benzodiazepinen und Arzneistoffen mit Affinität zu GABA-Rezeptoren können potenziert werden, weshalb Prämedikationen zu beachten sind. Ebenso wichtig zu erwähnen ist bei laktierenden Tieren, dass der Geruch/Geschmack der verabreichten Baldrianwurzel in die Milch übergehen kann. Es befinden sich Ergänzungsfuttermittel mit Baldrianwurzel für mehrere Spezies am Markt, oft in Kombination mit anderen „beruhigenden Drogen“ wie Hopfen, Melisse, Lavendel, Johanniskraut, Passionsblume etc.
Anm.: Auch Katzenminze (Nepeta cataria L.) gilt ähnlich Baldrian als Katzenattraktans.
Eibisch (Althaea officinalis L.), ÖAZ 23/21
Eibischwurzeln und -blätter sind in der Tiermedizin seit jeher als Heilmittel bei Atemwegserkrankungen oder Problemen im Verdauungstrakt sowie als Geschmackskorrigens in Verwendung. Die auf Haut und Schleimhaut reizmindernde, antitussive, antiphlogistische und Phagozytose-steigernde Wirkung kommt aufgrund der im Eibisch enthaltenen Schleimstoffe und Flavonoide zustande. Eingesetzt werden Eibischwurzel-Zubereitungen als Kaltmazerate oder in Wasser gelöste Trockenextrakte. Sie werden heute besonders als auswurfförderndes Mittel bei Husten oder Katarrhen der oberen Atemwege sowie bei Entzündungen im Maul- und Rachenbereich oder Magen-Darm-Trakt (Gastritis etc.) angewendet.7 Zu erwähnen sind hier auch Ergänzungsfuttermittel für Pferde, in denen Eibisch meist mit weiteren gegen Gastritis wirkenden Arzneidrogen gemischt ist. Darüber hinaus werden feuchtwarme Breiumschläge aus geschabter Eibischwurzel zur Reifung von Furunkeln, Karbunkeln oder Abszessen eingesetzt. Volksheilkundlich wird bei Insektenstichen das Auflegen frisch gequetschter Blätter empfohlen. Zu beachten gilt, wie bei der Anwendung aller Schleimdrogen, die mögliche verzögerte Resorption anderer Arzneimittel bei gleichzeitiger oraler Applikation. Für Katzen sind Eibisch-Zubereitungen nur bedingt geeignet*.
In der Tiermedizin wird Fenchel (sowohl süßer als auch bitterer) bereits seit Jahrhunderten erfolgreich bei Problemen im Atmungs- oder Verdauungstrakt und als Geschmackskorrigens bzw. zur Anregung der Milchbildung eingesetzt. Als Hauptinhaltsstoffe sind heute ätherisches Öl, Phenolcarbonsäuren, Flavonoide und Cumarine bekannt, die für die antimikrobielle, spasmolytische, sekretolytische, expektorierende und antiphlogistische Wirkung verantwortlich sind. Die medizinische Anwendung bei Tieren erstreckt sich daher nach wie vor von Husten, Katarrhen im oberen Atmungstrakt und Bronchitis über Inappetenz bis zu krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden und Blähungen.8,9
Fenchelfrüchte können als Ganzes, zerkleinert bis gepulvert, als Infus, Tinktur oder verdünntes (mit fettem Öl gemischtes) ätherisches Öl verabreicht werden. Es gibt in Österreich ein einziges zugelassenes Vet-Phyto-Präparat am Markt, das u. a. Fenchelöl enthält und bei Verdauungsproblemen Einsatz findet: Colosan® Lösung zum Eingeben für Tiere; arzneilich wirksame Bestandteile: Sternanisöl, Bitterfenchelöl, Kümmelöl, Kassiazimtöl, Schwefel; sonstige Bestandteile: Leinsamenöl.
Auch sind für mehrere Tierarten Ergänzungsfuttermittel erhältlich, oft in Kombination
mit anderen Arzneidrogen, die positiv auf Lungenfunktion und/oder Verdauung wirken.
Zu beachten bleibt, dass Fenchel für Katzen nicht geeignet ist*.
Ginkgo (Ginkgo biloba L.), ÖAZ 17/22
Über die Verwendung von Ginkgo in der frühen Tierheilkunde ist nichts bekannt. Inzwischen kennt man viele pharmakologische Wirkungen wie Neuroprotektion, Hemmung der Thrombozytenaggregation und -adhäsivität, Hemmung der Erythrozytenadhäsion, Steigerung der Erythrozytenflexibilität und somit Gefäßerweiterung und Durchblutungsförderung (v. a. im Bereich der Mikrozirkulation).
In der Veterinärmedizin werden heute Tinkturen oder spezielle Trockenextrakte eingesetzt zur Verbesserung der Durchblutung des Gehirns, des Herzens, der Netzhaut oder der Extremitäten, z. B. zur Behandlung der Hufrehe von Pferden10 sowie bei kognitiven Dysfunktionen bis Demenz beim Hund11. In diesen Zubereitungen wurden Ginkgolsäuren abgereichert und sie enthalten Flavonoidglykoside, Biflavone, Proanthocyanidine, Ginkgolide, Bilobalid sowie Polyphenole. Es gibt Ergänzungsfuttermittel mit Ginkgo für mehrere Tierarten am Markt, oft in Kombination mit anderen „Gelenk-Arzneidrogen“, u. a. zur verbesserten Durchblutung im Gelenkbereich. Für Katzen ist Ginkgo nur eingeschränkt geeignet* (niedrig dosieren, max. jeden zweiten Tag verabreichen).
Isländisch Moos (eigentlich eine Flechte) wurde früher im Alpenraum in den Wintermonaten als Schweinefutter eingesetzt – auch Rentiere ernähren sich zum Teil davon. Die enthaltenen Schleimstoffe und phenolischen Flechtensäuren wirken antimikrobiell, reizlindernd, antiinflammatorisch, appetitanregend, verdauungsfördernd sowie immunmodulierend.
Kaltauszüge, Infuse oder Abkochungen (sind weniger bitter) von Isländisch Moos werden daher hauptsächlich bei Entzündungen im Maul- und Rachenbereich mit Reizhusten sowie Appetitlosigkeit angewendet.12 Beachtet werden muss, dass bei gleichzeitiger Gabe die Resorption von anderen Arzneimitteln beeinträchtigt werden kann. Es sind verschiedenste Ergänzungsfuttermittel, meist in Kombinationen mit anderen „Atemwegs-Arzneidrogen“, am Markt. Isländisch Moos ist für Katzen nicht geeignet*.
* Die Anmerkung „Für Katzen nicht (oder nur bedingt) geeignet“ weist auf den speziellen Leberstoffwechsel katzenartiger Tiere hin (Glucuronidierungsschwäche), weshalb manche Pflanzenstoffe nicht oder nur schwer abbaubar sind.
Teil 2 lesen Sie in der ÖAZ 08/26.
Text: emer. Univ.-Prof. DI Dr. Chlodwig Franz & Dr. med. vet. Isabella Hahn-Ramssl
Co-Autor:INNen: Mag. pharm. Arnold Achmüller,
Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Rudolf Bauer,
Univ.-Prof. i.R. Mag. Dr. Dr.h.c. Brigitte Kopp,
Univ.-Prof. Mag. Dr. Hermann Stuppner
Quellen
1 Basqueroto-Antunes TP, Goulart Menegaz D: Antimicrobial potential of artichoke
derived compounds in veterinary medicine, a one health perspective (2025) AJMAB 10/2, 251-262
2 Martínez G, et al: Effect of Cynara scolymus and Silybum marianum extracts on bile production in pigs. Journal of Applied Animal Research 2018 46:1,1059-1063
3 Yadegari M, et al.: Effects of the valerian root extract on cardiac echocardiography indexes in female Cats. HVM-Bioflux 2015; 7, 27-30
4 Alagöz G, Öczkan M: Medicinal effects of Valeriana officinalis extract on living organisms, in: Izol, Eet al. (Ed.):
Recent applications and biological activities in aquaculture and agriculture (2024), p. 79-98. Nobel TK Istanbul
5 Avancini C, et al.: Antimicrobial activity of plants used in the prevention and control of
bovine mastitis in Southern Brazil. Lat Am J Pharm 2008, 27, 894–899
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