Paracetamol oder Acetaminophen zählt weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Analgetika und Antipyretika und gehört zur Gruppe der Nichtopioid-Analgetika. Chemisch handelt es sich um para-(Acetylamino)phenol, das Acetyl-Derivat von p-Aminophenol. Seine Entwicklung entstand aus dem Wunsch heraus, eine besser verträgliche Alternative zu den damals verwendeten Salicylaten und frühen Anilinderivaten zu finden. Bereits 1878 von Harmon Northrop Morse synthetisiert, wurde Paracetamol zunächst kaum therapeutisch genutzt, da verwandte Substanzen wie Acetanilid und Phenacetin im klinischen Alltag dominierten.
Erst pharmakokinetische und toxikologische Untersuchungen Mitte des 20. Jahrhunderts von Bernard B. Brodie und Julius Axelrod zeigten, dass Paracetamol der eigentlich wirksame Metabolit dieser Substanzen ist und zugleich ein deutlich günstigeres Sicherheitsprofil aufweist. Insbesondere das Fehlen relevanter gastrointestinaler Nebenwirkungen sowie die geringe Beeinflussung der Blutgerinnung trugen wesentlich zu seiner breiten therapeutischen Akzeptanz bei. In den 1950er-Jahren erfolgte schließlich die Einführung als Fertigarzneimittel, zunächst im pädiatrischen Bereich, später auch als Monopräparat zur Anwendung bei Erwachsenen.
Wirkung und Wirkmechanismus
Pharmakologisch wirkt Paracetamol analgetisch und antipyretisch, ohne ausgeprägte antiinflammatorische Eigenschaften. Der Wirkmechanismus ist bis heute nicht vollständig geklärt. Angenommen wird ein Zusammenspiel aus mehreren unterschiedlichen Mechanismen. Vor allem zentrale Effekte und eine Hemmung der Prostaglandinsynthese dürften eine wesentliche Rolle spielen. Im Gegensatz zu nichtsteroidalen Antirheumatika ist die periphere Cyclooxygenase-Hemmung nur schwach ausgeprägt, wodurch weder die Thrombozytenfunktion noch die Nierenfunktion in klinisch relevantem Ausmaß beeinflusst werden. Aufgrund dieses pharmakologischen Profils und der langjährigen klinischen Erfahrung nimmt Paracetamol eine Sonderstellung in der Schmerz- und Fiebertherapie ein und wird seit 1977 von der WHO als unentbehrliches Arzneimittel geführt.
Anwendung von Analgetika in der Schwangerschaft
Die Auswahl geeigneter Analgetika ist in der Schwangerschaft deutlich eingeschränkt. Eine Nutzen-Risiko-Abwägung vor der Einnahme von Analgetika ist essenziell, vor allem da unbehandelte Schmerzen oder hohes Fieber ebenfalls negative Auswirkungen auf Mutter und Fötus haben können.
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen sind im ersten und zweiten Trimenon nicht grundsätzlich kontraindiziert, sollten jedoch nur kurzfristig und nach sorgfältiger Indikationsstellung eingenommen werden. Ab dem dritten Trimenon sind NSAR kontraindiziert, da sie durch Hemmung der Prostaglandinsynthese einen vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli verursachen können. Zudem besteht das Risiko einer fetalen Nierenfunktionsstörung sowie möglicher pulmonaler Hypertonie beim Neugeborenen. Außerdem ist die Einnahme mit einem erhöhten Risiko für ein Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser) verbunden. Auch maternale Nebenwirkungen wie Blutungsrisiken oder Beeinflussung der Wehentätigkeit sind zu berücksichtigen.
Opioidanalgetika sind bei starken Schmerzen unter strenger Indikationsstellung einsetzbar, jedoch mit relevanten Risiken verbunden. Dazu zählen eine mögliche neonatale Atemdepression und die Entwicklung eines neonatalen Abstinenzsyndroms bei längerfristiger Therapie.
Metamizol wirkt analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch und wird in einigen europäischen Ländern auch in der Schwangerschaft eingesetzt. Die Datenlage ist insgesamt begrenzt, jedoch zeigen verfügbare Beobachtungsdaten derzeit kaum konsistente Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko, abgesehen von einem leicht erhöhten Risiko für Kryptorchismus in manchen Kohorten. Dennoch wird Metamizol im dritten Trimenon nicht empfohlen, da ein vorzeitiger Ductusverschluss theoretisch möglich ist. Zusätzlich ist das seltene, aber schwerwiegende Risiko einer Agranulozytose zu berücksichtigen.
Paracetamol nimmt eine besondere Stellung ein. Aufgrund seiner pharmakologischen Eigenschaften sowie der jahrzehntelangen klinischen Erfahrung gilt Paracetamol als das am besten untersuchte und bevorzugte Analgetikum in allen Phasen der Schwangerschaft. Voraussetzung ist eine indikationsgerechte Anwendung in der niedrigsten wirksamen Dosis und über einen möglichst kurzen Zeitraum.
Don’t take Tylenol – führt Paracetamol zu Autismus?
In den vergangenen Jahren geriet Paracetamol in der Schwangerschaft zunehmend in den Fokus öffentlicher und politischer Debatten. Auslöser war unter anderem ein 2021 publiziertes Consensus Statement internationaler Wissenschaftler:innen in Nature Reviews Endocrinology, in dem auf Basis vorhandener Beobachtungsstudien ein möglicher Zusammenhang zwischen pränataler Paracetamol-Exposition und einer Störung der neuronalen Entwicklung neu diskutiert und zu einem vorsichtigen Umgang aufgerufen wurde. Diese Publikation war keine neue Primärstudie, sondern eine Bewertung bestehender Daten. Dennoch wurde sie medial stark aufgegriffen und teils verkürzt dargestellt, bis hin zu politischen Aussagen, in denen Paracetamol als potenzieller Risikofaktor für Autismus bezeichnet wurde.
Der Schwerpunkt der aktuellen Diskussion liegt auf funktionellen Entwicklungsauffälligkeiten, insbesondere ADHS-ähnlichen Symptomen und Autismus-Spektrum-Störungen. Mehrere Kohortenstudien berichten über leicht erhöhte relative Risiken für ADHS nach pränataler Paracetamol-Exposition, meist im Bereich von Hazard Ratios oder Odds Ratios zwischen 1,2 und 1,4. Auffällig ist, dass Assoziationen vor allem bei längerer Einnahmedauer, etwa über mehr als 20 bis 28 Tage, beobachtet wurden, während eine kurzzeitige Anwendung in der Regel keinen signifikanten Effekt zeigte. Für Autismus ist die Evidenz schwächer und inkonsistenter. Einzelne Studien berichten über geringe Risikoerhöhungen, die jedoch nach strenger Adjustierung für Confounder häufig ihre statistische Signifikanz verlieren. Auch für Sprachentwicklung, Lernfähigkeit oder allgemeine Kognition wurden minimale Effekte beschrieben, die sich meist in leicht schlechteren Testergebnissen oder erhöhten Raten von Verhaltensauffälligkeiten äußern. Die Effektgrößen sind jedoch sehr klein und individuell meist nicht klinisch relevant.
Eine in 2025 publizierte populationsbasierte Analyse von Prada et al., die in der öffentlichen Diskussion auch häufig zitiert wird, bestätigte diese Ergebnisse weiter. In konventionellen Modellen zeigten sich geringe statistische Assoziationen zwischen pränataler Exposition und ADHS- bzw. Autismus-Diagnosen. Nach erweiterter Adjustierung für familiäre, genetische und indikationsbezogene Confounder schwächten sich diese Effekte jedoch deutlich ab. Eine konsistente Dosis-Wirkungs-Beziehung ließ sich nicht nachweisen. Ein zusätzlicher Hinweis gegen eine intrauterin verursachte Schädigung ergibt sich aus Studien, die vergleichbare Risikoerhöhungen auch nach Paracetamol-Einnahme des Vaters vor oder nach der Schwangerschaft beobachteten. Solche Befunde sprechen eher für familiäre oder genetische Einflussfaktoren als für eine direkte fetale Arzneimittelexposition.
Limitationen in den Studien
Bei sämtlichen genannten Arbeiten handelt es sich um Beobachtungsstudien. Ein wesentliches Problem stellt das sogenannte confounding by indication dar: Fieber und Infektionen selbst können die fetale Entwicklung beeinflussen und lassen sich statistisch nicht vollständig von der Arzneimittelexposition trennen. Hinzu kommen mögliche Erinnerungsbias bei Selbstauskünften, ungenaue Angaben zu Dosis und Einnahmedauer sowie uneinheitliche diagnostische Kriterien für neuronale Endpunkte. In vielen Studien bewegen sich die beobachteten Effektstärken im Grenzbereich statistischer Signifikanz.
Auch für weitere diskutierte Endpunkte wie asthmatische Beschwerden im Kindesalter oder einen vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli im dritten Trimenon liegen nur vereinzelte Fallberichte oder kleine Serien vor, wobei größere Beobachtungsstudien kein relevantes Signal fanden. In größeren Beobachtungsstudien mit mehreren hundert exponierten Schwangerschaften wurde kein relevantes Signal für ein erhöhtes Risiko gefunden, sodass ein solches, wenn überhaupt, als sehr selten einzustufen ist.
Ist Paracetamol nun gefährlich?
Genau diese Limitation adressiert die 2024 in JAMA veröffentlichte schwedische Studie mit rund 2,5 Millionen Mutter-Kind-Paaren. In konventionellen Analysen zeigte sich zunächst ein geringfügig erhöhtes relatives Risiko für Autismus (HR 1,05) und ADHS (HR 1,07). Betrachtet man jedoch die absoluten Risikodifferenzen, lagen diese im Bereich von Zehntelprozenten. Entscheidend ist, dass in der methodisch besonders robusten Geschwister-Vergleichsanalyse, bei der genetische und familiäre Umweltfaktoren weitgehend kontrolliert werden, sämtliche Risikoassoziationen vollständig verschwanden. Auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung ließ sich in diesem Design nicht nachweisen. Diese Ergebnisse sprechen klar gegen einen kausalen Zusammenhang und legen nahe, dass die in früheren Studien beobachteten Effekte durch familiäre oder indikationsbezogene Confounder erklärbar sind.
Der in 2025 publizierte Umbrella-Review im BMJ bestätigt diese Einschätzung weiter. Darin wurden neun systematische Reviews mit insgesamt 40 Primärstudien analysiert, mit dem Ergebnis, dass die Evidenz insgesamt inkonsistent und methodisch limitiert ist. Ein Großteil der Reviews wurde hinsichtlich ihrer Qualität als niedrig oder kritisch niedrig eingestuft. Nur jene Arbeiten, die Geschwisterkontrollen berücksichtigten, zeigten keine Risikoerhöhung. Die derzeit beste verfügbare Evidenz spricht daher gegen eine ursächliche Verbindung zwischen therapeutisch eingesetztem Paracetamol in der Schwangerschaft und langfristigen neurologischen Schäden beim Kind.
Empfehlung für die Praxis und mögliche Alternativen
Aus pharmazeutischer Sicht bleibt Paracetamol das Analgetikum der ersten Wahl in der Schwangerschaft, wenn eine medikamentöse Therapie erforderlich ist. Entscheidend ist eine sachgerechte Anwendung:
• Niedrigste wirksame Dosis
• Kürzeste mögliche Anwendungsdauer
• Keine routinemäßige oder prophylaktische Einnahme
Schwangere sollten darüber aufgeklärt werden, dass unbehandelte Schmerzen oder Fieber ebenfalls Risiken bergen können. Eine pauschale Vermeidung von Paracetamol ist daher nicht sinnvoll und kann sogar kontraproduktiv sein. Als Alternativen kommen, abhängig vom Trimenon und der Indikation, nicht-medikamentöse Maßnahmen (Kühlung, physikalische Therapie, Ruhe) infrage. Der Einsatz anderer Analgetika sollte individuell ärztlich beurteilt werden.
Quellen
• Bauer AZ, et al.: Paracetamol use during pregnancy — a call for precautionary action. Nat Rev Endocrinol 2021; 17: 757–766
• Graham GG, et al.: The modern pharmacology of paracetamol: therapeutic actions, mechanism of action, metabolism, toxicity. Inflammopharmacology 2013; 21(3): 201–232
• Dathe K, Schaefer C: Analgesics and antipyretics in pregnancy. Ther Adv Drug Saf 2019; 10: 1–18
• Ahlqvist VH, et al.: Acetaminophen use during pregnancy and children's risk of autism, ADHD, and intellectual disability. JAMA 2024; 331(14): 1205–1214
• Sheikh J, et al.: Maternal paracetamol (acetaminophen) use during pregnancy and risk of autism spectrum disorder and
attention deficit/hyperactivity disorder in offspring: umbrella review of systematic reviews. BMJ 2025; 391: e088141
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