Sowohl bei Patient:innen als auch bei Ärzt:innen besteht oft eine geringe Sensibilität für die hohe Relevanz von Impfungen bei Immunsuppression. „Viele meiden Impfungen aus Sorge vor potenziellen Gefahren“, so die Expertin. Immunsupprimierte Patient:innen haben ein stark erhöhtes Risiko für schwere Infektionen, zum einen bedingt durch ihre Grunderkrankung und zum anderen durch die immunsuppressive Therapie. „Alleine durch ihre Krankheit haben hämato-onkologischen Patient:innen ein 10- bis 50-fach höheres Risiko für Pneumokokken-Erkrankungen sowie ein hohes Risiko für Herpes zoster und schwere COVID-Verläufe“, erklärte Wiedermann-Schmidt, doch „häufig weisen gerade diese schwer kranken Patient:innen dramatisch niedrigere Antikörpertiter gegen impfpräventable Erkrankungen auf, teils durch mangelnde Auffrischung, teils durch die Grundkrankheit oder Therapie bedingt.“
Therapiebedingte Risiken
Therapiebedingte Risiken spielen bei immunsupprimierten Patient:innen eine zentrale Rolle, da unterschiedliche Medikamentenklassen mit spezifischen Infektionsgefahren verbunden sind. So steigt unter einer hochdosierten Cortisontherapie das Risiko für schwere Infektionen wie Pneumonien oder Sepsis dosisabhängig an. Biologika wie Interleukin- oder TNF-Inhibitoren können zudem latente Infektionen reaktivieren, insbesondere Tuberkulose. Komplementinhibitoren wiederum erhöhen die Anfälligkeit für Infektionen mit bekapselten Bakterien, etwa für lebensbedrohliche Meningokokken-Sepsis. Unter JAK-Inhibitoren ist aufgrund der verminderten zellulären Immunantwort vor allem mit einer Reaktivierung von Herpes zoster zu rechnen. Auch B-Zell-depletierende Therapien, z. B. mit Rituximab, sind mit Risiken verbunden: Sie können eine Hypogammaglobulinämie verursachen und die Reaktivierung von B-Zell-assoziierten Infektionen oder Herpes zoster begünstigen.
Grade der Immunsuppression
Das ursprüngliche System, das drei Schweregrade der Immunsuppression unterschied, wurde modifiziert. Neben Grad I (ohne relevante ISP) und Grad II (leichte bis mittelgradige ISP) wurde der Grad III neu unterteilt in
Grad 3A (schwere Immunsuppression mit beginnender Rekonstitution): Dazu zählen Zustände nach Stammzelltransplantation (ab 3 Monaten) oder CAR-T-Zell-Therapie (ab 6 Monaten), wenn die Immunrekonstitution eingesetzt hat. Inaktivierte Impfungen sind sinnvoll, eine Erfolgskontrolle wird empfohlen. Lebendimpfungen sind kontraindiziert.
Grad 3B (absolute Immunsuppression): bei B-Zell-depletierenden Therapien (< 6 Monate) oder CAR-T-Zell-Therapie (< 6 Monate). Impfungen sind nicht sinnvoll, da keine Immunantwort zu erwarten ist. Lebendimpfungen sind in dieser Phase immer kontraindiziert.
Zeitliche Planung
„Idealerweise sollten vor Therapiebeginn alle Impfungen appliziert werden“, betonte Wiedermann-Schmidt. „Daher stellt sich die Frage: Kann mit dem Therapiebeginn zugewartet werden, bis alle Impfungen erfolgt sind?“ Doch oft ist das nicht möglich. Dann muss überlegt werden, ob in einer Therapiepause geimpft werden kann. Wann nach dem Ende einer Therapie geimpft werden kann, hängt vom Immunstatus der betroffenen Person ab.
Reiseimpfungen
„Patient:innen unter Immunsuppression können Fernreisen unternehmen, doch sie sollten frühzeitig planen“, empfahl die Expertin. Idealerweise sollten noch mindestens sechs Monate vor der Reise liegen, um einen Impfschutz zu gewährleisten und Titerkontrollen durchführen zu können. Bei der Dengue-Fieber-Impfung handelt es sich um einen Lebendimpfstoff, der für Immunsupprimierte kontraindiziert ist. Die Gelbfieber-Impfung ist unter Fingolimod kontraindiziert, Patient:innen in Grad 0–1 oder unter Natalizumab, Glatirameracetat, Interferon beta oder unter niedrigdosiertem Methotrexat (< 20 mg/Woche) können hingegen geimpft werden. Ist die Zeit knapp, kann bei der Hepatitis-A-Impfung auch eine Immunglobulingabe erwogen werden.