Andreas Huss, MBA, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse, ÖGK

„Es ist eine Ressourcenverschwendung, Apotheken nicht einzubeziehen“

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Andreas Huss © OeGK
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ÖAZ Die ÖGK steht 2025 vor einem prognostizierten Defizit von rund 500 Mio. Euro – gleichzeitig steigen die Arzneimittelausgaben und Ausgaben für die ärztliche Hilfe. Wie beurteilen Sie die Balance zwischen Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit im Jahr 2025?
Andreas Huss, MBA Die ÖGK hat seit ihrem Bestehen die Leistungen in allen versorgungswirksamen Bereichen verbessert und mit zusätzlichen Primärversorgungszentren in die Gesundheit investiert. Alle Leistungen mit Ausnahme der neun Ärzteverträge wurden nach oben harmonisiert und vereinheitlicht. Das kostete natürlich Geld und zeigt, dass die österreichische Gesundheitsversorgung in einer Zeit mit geringem Bevölkerungswachstum, älter werdender Bevölkerung, stärkerer Inanspruchnahme der Versorgung und durch die nötige Spitalsentlastung dringend zusätzliche öffentliche Finanzierung benötigt.


Mehrere Faktoren belasten die finanzielle Situation der ÖGK zunehmend: die rückläufige Wirtschaftsentwicklung und somit schwächelnde Einnahmen, stark steigende Gesundheitsausgaben bei ärztlicher Hilfe, Spitalsfinanzierung und Medikamenten, auch wegen innovativer, teurer Medikamente, die gerade in Österreich sehr schnell zur Verfügung stehen, sowie der demografische Wandel mit einer älter werdenden Bevölkerung. Auch die Kosten für Krankengelder für sehr langwierige Erkrankungen, vor allem psychische Erkrankungen und Tumorerkrankungen, sind stark steigend. Die Mittelentzüge durch das Sozialversicherungsorganisationsgesetz (Kassenfusion) aus dem Jahr 2018 kosten uns 2,1 Mrd. Euro bis 2029. Eine mögliche Reduktion von Pauschalbeiträgen in die Spitalstöpfe, um stattdessen die ambulanten Behandlungen in den Spitalsambulanzen über die ÖGK-Beiträge zu finanzieren und damit auch den niedergelassenen Sektor auszubauen, brächte mehr Steuerungsmöglichkeiten im ambulanten Sektor.

ÖAZ Sie sagten in der Vergangenheit öffentlich, das Impfen in Apotheken sei „nur eine Frage der Zeit“. Was muss sich 2026 ändern, damit die ÖGK und Apotheken gemeinsam die Durchimpfungsrate steigern können?
Huss Für mich sind die Vorteile von Impfungen in Apotheken ganz klar. Aus anderen europäischen Nachbarländern gibt es gute Beispiele, die wir uns abschauen können. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit. Das Impfen in Apotheken, aber auch in anderen Settings, wird kommen. Klargestellt werden muss, auch unter Einbeziehung der Österreichischen Ärztekammer, dass es eine Ressourcenverschwendung ist, Apotheken nicht einzubeziehen. Wir sollten alle niederschwelligen Möglichkeiten nutzen, um die Durchimpfungsrate zu erhöhen. Dies ist ein gesundheitspolitisches Ziel, welches auch die Bundesregierung unterstützt. Die Einbeziehung der Apotheken in die Impfstoffbestellung wäre vorteilhaft, um die Prozesse effizienter in der Abwicklung zu gestalten.

ÖAZ Die ÖGK plant 300 Primärversorgungszentren bis 2030. Die Apothekerkammer fordert, Apotheken als gesundheitliche Erstanlaufstelle zu etablieren. Wie sieht aus Ihrer Sicht die ideale Zusammenarbeit zwischen ÖGK, Apotheken und Primärversorgung 2026 aus?
Huss Das Vertrauen der Menschen in „ihre Apotheke“ ist hoch und ich möchte die Apothekerkammer als konstruktives Gegenüber für die Erhaltung der hohen Qualität im Gesundheitswesen nicht missen. Wir brauchen mehr öffentliche Mittel, aber nicht nur für die derzeitige Versorgung. In der regionalen Strukturplanung Gesundheit (RSG) regeln wir gerade mit den Ländern die Versorgung bis 2030. 300 Primärversorgungszentren, Frauengesundheitszentren, psychosoziale Versorgungszentren und Diabeteszentren in allen 32 Versorgungsregionen sind geplant und müssen auch finanziert werden. 


Der Ausbau der Primärversorgung ist ein wichtiger Schritt und ein verankertes Ziel im Regierungsprogramm. Wichtig ist, dass die medizinische Diagnose wohnortnah und niederschwellig zugänglich ist. Über 1450 wollen wir den Versicherten eine erste Auskunft geben und diese an die richtige Stelle, sei es zu Telemediziner:innen, in eine PVE oder zu den Hausärzt:innen, weiterleiten. Trotzdem nehmen Apotheken einen wesentlichen Platz in der Gesundheitsversorgung durch einen qualitativ hochwertigen Teil in der Beratung ein, dies ist immens wichtig. Die österreichweiten Apotheken sind ein nicht wegzudenkender verlässlicher Partner im Gesundheitswesen, aber als medizinische Erstanlaufstelle sehen wir die PVE und den niedergelassenen Bereich klar an erster Stelle. Eine telemedizinische Ergänzung in den Apotheken ist aber vorstellbar. 

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