Pavol Dobrocky, Präsident der PHARMIG

„Exorbitant gestiegene Energie-, Lohn- und Produktionskosten sind Gift für den Standort“

Artikel drucken
Pavol Dobrocky, Präsident der PHARMIG © Marion-Carniel
Pavol Dobrocky, Präsident der PHARMIG © Marion-Carniel

ÖAZ Im Jahr 2025 wurden in der EU mehrere neue, als innovativ einzustufende Arzneimittel zugelassen, darunter Onkologika sowie neue Therapieoptionen u. a. bei Morbus Alzheimer. Wie beurteilen Sie den Patientenzugang zu Innovation in Österreich im Jahr 2025, und wo hakt es noch im System zwischen Zulassung, HTA und Erstattung?
Pavol Dobrocky Beim Zugang zu innovativen Medikamenten herrscht in Österreich ein differenziertes Bild: Während wir im Krankenhaussektor einen guten und raschen Zugang zu neu zugelassenen Therapien haben, sieht es im niedergelassenen Bereich anders aus:  Hier haben laut einer im Jahr 2024 durchgeführten Studie die Patient:innen bei nur 4 % der Innovationen im Kassenbereich freien Zugang. Das macht offensichtlich, dass wir vor allem im niedergelassenen Bereich Zugangshürden aufgrund der hier herrschenden Preis- und Erstattungsregularien haben. Mit der EU-HTA-Verordnung wurde zwar Anfang 2025 eine gemeinsame klinische Bewertung von Arzneimitteln auf europäischer Ebene verpflichtend, wie sich diese letztlich auf die Verfügbarkeit bzw. den Zugang zu innovativen Medikamenten auswirkt, ist noch nicht klar. Was aber keinesfalls passieren darf, ist, dass wichtige, oft lebensrettende Medikamente aufgrund administrativer Hürden den Betroffenen zu spät zur Verfügung stehen.

ÖAZ Mehrere Pharma-Unternehmen investierten 2025 in österreichische Standorte – ist das ein Trend oder die Ausnahme? Was braucht es, damit Österreich im internationalen Wettbewerb als Pharmastandort attraktiv bleibt?
Dobrocky Es wäre erfreulich, könnten wir hier von einem „Trend“ sprechen. Die Investitionen, die pharmazeutische Unternehmen in ihre hiesigen Produktions- und Forschungsstandorte tätigen, sind ein klares Bekenntnis zum Standort Österreich. Sie können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit ernsten Problemen zu kämpfen haben: exorbitant gestiegene Energie-, Lohn- und Produktionskosten insgesamt sowie die hohe Inflation. All das ist Gift für den Standort und lässt Österreich im internationalen, aber auch im konzerninternen Wettbewerb nicht sonderlich gut dastehen.

Außerdem sind wir auch im Bereich der klinischen Forschung zurückgefallen. Der europäische Anteil an klinischen Studien ist von 22 % auf 14 % zurückgegangen – ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Österreich. Wollen wir weiterhin derartige Investitionen nach Österreich bringen, dann ist eine Life-Sciences-Strategie, wie sie von der Politik angedacht ist, unerlässlich. Deutschland macht es vor, dort wurde eine solche Strategie etabliert und sie zeigt positive Ergebnisse. Genau das wollen und fordern wir auch für Österreich. Wir haben hierfür viele konkrete Maßnahmen ausgearbeitet, die wir bei allen unseren Gesprächen mit den Verantwortlichen in der Politik thematisieren. 

ÖAZ Lieferengpässe bleiben eine der größten Herausforderungen. Für mehrere hundert Arzneimittel sind aktuell Vertriebseinschränkungen gemeldet. Auf EU-Ebene wird der Critical Medicines Act (CMA) diskutiert, Österreich hat 2024 eine Bevorratungsverordnung eingeführt. Welche Maßnahmen erwarten Sie 2026 auf nationaler und EU-Ebene, um Lieferengpässe strukturell zu lösen?
Dobrocky Dass man die Problematik nun mit dem CMA strukturell angehen möchte, finden wir grundsätzlich positiv. Wir haben immer betont, dass europäische Lösungen anstatt nationaler Alleingänge bevorzugt werden sollen. Den Critical Medicines Act sehen wir jedoch mitunter kritisch. Zu befürchten ist, dass Ursachen für Lieferengpässe nicht ausreichend adressiert werden und dass die Arzneimittelproduktion in der EU gefördert wird, ohne die dadurch zwangsläufig höheren Preise zu adressieren. 


Um zusätzliche Belastungen für Unternehmen und eine Marktausdünnung zu vermeiden, muss sich das neue Gesetz in seiner finalen Version auf die wirklich kritischen Bereiche konzentrieren. Bei allen Maßnahmen ist eines ganz zentral, nämlich dass damit auch eine Stärkung des europäischen, pharmazeutischen Ecosystems einhergeht. Da sind noch einige Diskussionen auf EU-Ebene zu führen. 

Das könnte Sie auch interessieren