ÖAZ Sie führen seit März 2025 das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz mit einem eigenen Staatssekretariat für Gesundheit. Welche gesundheitspolitischen Weichenstellungen aus 2025 werden die Apothekerschaft am stärksten prägen?
Mag. Korinna Schumann Die rund 1.450 öffentlichen Apotheken sind eine tragende Säule der österreichischen Gesundheitsversorgung. Die Apothekenlandschaft in Österreich ist flächendeckend organisiert – von städtischen Zentren bis in ländliche Regionen. Apotheken sind für die Bevölkerung leicht erreichbar, sie benötigen keine Terminvereinbarung und genießen ein hohes Maß an Vertrauen. Apotheken sind dabei weit mehr als nur Abgabestellen für Medikamente. Sie sind ein zentraler Bestandteil der wohnortnahen, niedrigschwelligen Gesundheitsversorgung – und gerade im Bereich Prävention leisten Apotheken bereits heute einen unverzichtbaren Beitrag: Seit der Apothekengesetz-Novelle 2024 dürfen Apotheker:innen beispielsweise standardisierte Untersuchungen mittels Schnelltestverfahren durchführen, ferner beraten sie zu Ernährung, Bewegung, Nikotinentwöhnung oder Nahrungsergänzung und sensibilisieren für Gesundheitsrisiken. Damit erreichen sie viele Menschen frühzeitig – oft noch bevor diese ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Dieses frühe Eingreifen kann Krankheiten verhindern oder zumindest mildern – was sowohl der Lebensqualität der Menschen als auch der langfristigen Entlastung des Gesundheitssystems zugutekommt. Die große Stärke der Apotheken liegt in ihrer Alltagsnähe. Das bedeutet einen enormen Hebel, zukünftig insbesondere für präventive Maßnahmen, Gesundheitsaufklärung und Beratung.
ÖAZ Österreich investiert für 2026 gezielt 85 Millionen Euro in Offensivmaßnahmen im Gesundheitsbereich. Im Jahr darauf soll das Budget unter Vorbehalt auf 120 Millionen Euro angehoben werden. Wie werden diese Millionen konkret eingesetzt und wann können Apotheken mit neuen Vergütungsmodellen für Beratungsleistungen rechnen?
Schumann Apotheken stehen täglich im direkten Kontakt mit den Menschen, oft über Jahre hinweg. Genau darin liegt ihre besondere Stärke: Kontinuität, Vertrauen und ein niederschwelliger Zugang. Das ist gerade für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder in belastenden Lebensphasen zentral. Im Zusammenspiel mit Ärzt:innen, Pflege und anderen Berufsgruppen können Apotheker:innen auf mehreren Ebenen zur Leidensminderung und besseren Lebensqualität beitragen:
• Therapiebegleitung und -sicherheit: Apotheker:innen erkennen Wechselwirkungen, klären über Nebenwirkungen auf und stärken die Therapietreue. Das trägt unmittelbar zur Stabilisierung chronischer Erkrankungen bei – und beugt Komplikationen oder Spitalsaufenthalten vor.
• Früherkennung und Monitoring: Regelmäßige „einfache Gesundheitstests“ in der Apotheke können Warnsignale frühzeitig aufzeigen. In enger Abstimmung mit anderen Gesundheitsdiensten können rechtzeitig Maßnahmen gesetzt werden.
• Gesundheitskompetenz stärken: Viele Menschen sind mit medizinischen Informationen überfordert. Apotheken leisten hier Aufklärungsarbeit. Das verbessert den Umgang mit der eigenen Erkrankung und steigert die Lebensqualität spürbar.
• Lotsenfunktion im Gesundheitssystem: Die Apotheke kann eine beratende, vermittelnde Rolle einnehmen – zum Beispiel bei psychosozialen Problemen, Pflegefragen oder wenn eine medizinische Abklärung notwendig ist. Damit wird sie Teil einer integrierten, patientenzentrierten Versorgung.
ÖAZ Welche drei Prioritäten setzen Sie 2026 für die Apotheken? Und: Wird es unter Ihrer Ägide einen erneuten Anlauf für das Impfen in Apotheken geben?
Schumann Die Gesundheitsversorgung in Österreich steht vor vielfältigen Herausforderungen. Angesichts des demografischen Wandels, steigender Anforderungen in der stationären, hausärztlichen und ambulanten Versorgung sowie zunehmender Kosten durch chronische Erkrankungen gewinnen wohnortnahe, niedrigschwellige Angebote weiter an Bedeutung – und damit auch die Rolle der öffentlichen Apotheken.
Das Impfen in Apotheken kann aus meiner Sicht durchaus Chancen bieten. Viele Menschen kommen regelmäßig und spontan in die Apotheke, wodurch präventive Angebote – inklusive Impfungen – besonders gut erreichbar wären. Ein niedrigschwelliger Zugang kann dazu beitragen, Hürden wie Zeitmangel oder lange Wege zu reduzieren und die Gesundheitskompetenz zu stärken. Gerade in Regionen mit begrenzter ärztlicher Infrastruktur könnte dies ein wesentlicher Vorteil sein.
Gleichzeitig ist es wichtig, mögliche Risiken, notwendige infrastrukturelle Voraussetzungen sowie die Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft sorgfältig zu prüfen. Die Apotheke der Zukunft wird jedenfalls eine wichtige Rolle in der wohnortnahen Gesundheitsversorgung spielen. Die Frage, in welchem Umfang sie dabei zusätzliche Aufgaben – einschließlich Impfungen – übernehmen kann, werden wir nur gemeinsam mit allen relevanten Partnern klären können.