Wirkstoffe Kompakt

Fluconazol


Mag. pharm.  Sieglinde  PLASONIG


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In der Schwangerschaft ist bei systemischem Fluconazol besondere Vorsicht geboten – Studien deuten auf ein erhöhtes Risiko für Herz- und Skelettfehlbildungen hin. © iStock

Vom therapeutischen Stillstand zu modernen Antimykotika

In den 1970ern steckte die systemische Pilztherapie in einer therapeutischen Sackgasse: Der damalige Goldstandard Amphotericin B war stark nephrotoxisch, Flucytosin aufgrund des engen Spektrums und der raschen Resistenzen problematisch.  Ketoconazol, das einzige systemisch anwendbare Imidazol, war durch seine Lebertoxizität limitiert. Mehrere Pharmafirmen setzten sich daher zum Ziel, besser wirksame und zugleich verträglichere Antimykotika zu entwickeln. Der erste Durchbruch gelang mit der Patentierung von Itraconazol durch Janssen 1978 – der Startpunkt der modernen Triazole.

Nur fünf Jahre später folgte der nächste Meilenstein: Fluconazol, entwickelt vom Chemiker Kenneth Richardson in den renommierten Pfizer-Labors in Sandwich (England). Hervorragende orale Bioverfügbarkeit, verbesserte Pharmakokinetik und gute Liquorgängigkeit zeichneten den Wirkstoff aus.

Erst zwei Jahrzehnte später wurde die Wirkstoffgruppe durch Voriconazol und Posaconazol erweitert, die seither Spezialindikationen abdecken. Itraconazol und Fluconazol bleiben jedoch bis heute die meistverordneten systemischen Antimykotika. 

In Österreich kam Fluconazol 1990 auf den Markt. Es ist in oraler Form (Kapsel, Trockensaft) sowie als Infusionslösung verfügbar. 

Wirkungsmechanismus: präziser Eingriff in die Ergosterolsynthese

Wie alle Azol-Antimykotika hemmt Fluconazol die Biosynthese von Ergosterol, einem essenziellen Baustein der Pilzzellmembran. Der Angriffspunkt ist die Lanosterol-14α- Demethylase (CYP51), ein Cytochrom-P450-abhängiges Enzym, das einen zentralen Schritt der Ergosterolsynthese katalysiert. Fluconazol besitzt eine deutlich höhere Selektivität für pilzspezifische Cytochrom-P450-Enzyme als für humane Isoenzyme. 

Durch die Blockade von CYP51 entstehen im Pilz defekte Sterole, während Ergosterol fehlt. Die Folge sind Störungen der Membranzusammensetzung und -integrität, eine Beeinträchtigung membranständiger Enzyme und Veränderungen der Permeabilität. Zellbestandteile können austreten, essenzielle Substrate nicht mehr aufgenommen werden. Die Wirkung ist fungistatisch. 

Breites antimykotisches Spektrum

Die antimykotische Wirksamkeit von Fluconazol schließt die meisten klinisch geläufigen Candida-Spezies ein (inkl. C. albicans, C. parapsilosis und C. tropicalis). Candida krusei und Candida auris sind Fluconazol-resistent, Candida glabrata zeigt verminderte Empfindlichkeit. 

Zudem ist Fluconazol wirksam gegen die Kryptokokkosen-Erreger Cryptococcus neoformans und Cryptococcus gattii. Bei den dimorphen Pilzen zeigt es Aktivität gegen Coccidioides immitis (Standardtherapie bei der Coccidioides-Meningitis), während es bei Histoplasmose und Blastomykose nur eine Alternative zu Itraconazol ist.

Anwendungsgebiete

Fluconazol ist indiziert bei verschiedenen Schleimhaut-Candidosen. Dazu zählen Infektionen des Mund-Rachen-Raums, der Speiseröhre, Candidurie, Prothesenstomatitis und chronisch mukokutane Candidosen.

Sofern eine Lokaltherapie mit Cremes und Ovula nicht geeignet ist, können die akute oder rezidivierende Vaginal-Candidose und die Candida-Balanitis mit Fluconazol behandelt werden. Der Wirkstoff eignet sich auch zur Prophylaxe der Vaginalcandidose (vier oder mehr Episoden pro Jahr).

Systemisch zu behandelnde Dermatomykosen und Nagelpilzerkrankungen sind laut Fachinformation weitere Anwendungsgebiete – allerdings nur, wenn der Erreger aus dem Fluconazol-empfindlichen Candida-Spektrum stammt, wie etwa bei Candida-Intertrigo. Die klassischen Haut- und Nagelpilzerreger, die Dermatophyten, sprechen deutlich besser auf Terbinafin oder Itraconazol an. Lediglich 5–10 % der Nagelpilzerkrankungen sind Candida-bedingt und damit potenziell Fluconazol-sensibel.

Zu den weiteren Indikationen zählen invasive Candidosen, wobei die Therapie immer von der Erregerempfindlichkeit und dem klinischen Schweregrad abhängt. Bei Candidämie werden aufgrund ihrer überlegenen Wirksamkeit Echinocandine bevorzugt.

Bei der Kryptokokkenmeningitis wird Fluconazol ausschließlich in der Konsolidierungs- und Erhaltungsphase eingesetzt. Die Akuttherapie erfolgt mit Amphotericin B und Flucytosin. Bei Patient:innen mit hohem Rezidivrisiko dient Fluconazol zusätzlich zur Prophylaxe.

Bei langanhaltenden Neutropenien – etwa im Rahmen von Chemotherapien bei hämatologischen Tumoren oder Patient:innen mit Stammzellentransplantation – kann eine antimykotische Prophylaxe mit Fluconazol durchgeführt werden. 

Praktische Aspekte

Fluconazol wird bei oraler Gabe sehr gut resorbiert, die Plasmaspiegel erreichen 90 % der Konzentrationen bei parenteraler Gabe. Spezielle Einnahmevorschriften wie bei Itraconazol sind daher nicht einzuhalten, Fluconazol kann unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Die Halbwertszeit beträgt etwa 30 Stunden. Bei einer GFR unter 50 ml/min muss die Dosis angepasst werden (Ausnahme: einmalige Anwendung).

Fluconazol hemmt CYP 2C19 stark sowie CYP 2D6 und 3A4 mäßig. Dadurch ergeben sich eine Reihe von Arzneistoffinteraktionen mit entsprechenden Substraten. Ein Interaktionscheck ist daher ratsam, insbesondere bei Langzeittherapien (z. B. Immunsuppressiva, Statine, DOAK). Der Wirkstoff besitzt ein bekanntes Potenzial zur Verlängerung der QT-Zeit, entsprechende Kontraindikationen und Interaktionen mit QT-relevanten Wirkstoffen sind daher zu beachten. 

Zu den häufigen Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen und GI-Symptome, Schwindel und Hautausschläge. Ein Anstieg der Lebertransaminasen kommt ebenfalls häufig vor, verläuft meist asymptomatisch und bildet sich trotz fortgesetzter Therapie zurück. Es sind jedoch auch Fälle schwerer Hepatotoxizität bis hin zu Todesfällen beschrieben, überwiegend bei Menschen mit schwerer Grunderkrankung. 

Vorsicht in der Schwangerschaft

Nach einmaliger Einnahme von 150 mg Fluconazol im ersten Trimenon ist gemäß Embryotox ein substanzielles teratogenes Potenzial unwahrscheinlich. Hochdosierte und Langzeittherapien können jedoch mit erhöhtem Fehlbildungsrisiko verbunden sein. Ein fetotoxisches Risiko (2./3. Trimenon) wird nicht erkannt. 

Fazit von Embryotox: Systemische Fluconazol-Therapien sollten streng individuell geprüft werden; höhere oder längere Anwendungen nur bei zwingender Indikation und möglichst nicht im 1. Trimenon erfolgen. Lokaltherapien mit Clotrimazol oder Nystatin sind zu bevorzugen.

Die Fachinformation formuliert strenger: Sie fordert die Risikoaufklärung der Patientin vor Therapiebeginn, eine Auswaschphase von einer Woche bei Kinderwunsch, Kurztherapien nur bei klarer Notwendigkeit und Langzeittherapien nur bei lebensbedrohlichen Infektionen. Der Hintergrund dieser Empfehlungen sind mehrere Studien, die auf ein erhöhtes Risiko für Herz- und Skelettfehlbildungen hindeuteten.

Fluconazol und Vulvovaginalcandidose

Die vulvovaginale Candidose ist eine Infektion der Vagina und des Scheidenvorhofs, die sich bis auf die kleinen und großen Schamlippen sowie auf die Zwischenschenkel- und Perianalregion ausbreiten kann. In 85–95 % ist Candida albicans der Erreger. Die akute Vaginalcandidose lässt sich meist zuverlässig mit einer Einzeldosis von 150 mg Fluconazol behandeln. Bei rezidivierenden Episoden (≥ 4/Jahr) braucht es ein strukturiertes Schema: 150 mg an Tag 1, 4 und 7, anschließend 150 mg einmal wöchentlich für 6 Monate zur Stabilisierung. Ein alternatives, intensiveres Suppressionsschema nutzt 200 mg Fluconazol zunächst dreimal pro Woche für 1 Woche, dann wöchentlich für 2 Monate, anschließend alle 2 Wochen für 4 Monate und zuletzt monatlich für 6 Monate.

Quellen

  1. Am. Chemical Society: Molecule oft the Week Archive;( abgerufen am 15.7.2026)
  2. BASG Arzneispezialitätenregister,  (abgerufen am 15.7.2026)
  3. Austria Codex Fachinformation
  4. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charite Berlin, (abgerufen am 15.7.2026)
  5. S2k Leitlinie Vulvovaginalkandidose der DGGG/OEGGG/SGGG; AWMF Register Nr. 015/072 Stand 2020
  6. LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury [Internet]. Bethesda (MD): National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases; 2012-. Fluconazole. [Updated 2017 May 21]. 
  7. BenchChem Technical Support Team: The Genesis of a Broad-Spectrum Antifungal: A Technical History of Fluconazole's Development, (abgerufen am 15.7.2026)
  8. Universitätsklinikum Heidelberg, DOSING – Information zur korrekten und sicheren Arzneimittelanwendung , (abgerufen am 15.7.2026)

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