Aripiprazol wurde 1987 bei Otsuka Pharmaceuticals in Japan synthetisiert. Die Entdeckung der antipsychotischen Wirkung des Phenylpiperazinylchinolins war ein Zufall – ursprünglich suchte man bei Otsuka nach neuen Antihistaminika. Der Wirkungsmechanismus als partieller Dopamin-Agonist war so neuartig, dass Aripiprazol zeitweise als „Antipsychotikum der 3. Generation“ galt – eine Bezeichnung, die heute nicht mehr verwendet wird. Seit 2004 ist der Wirkstoff in Österreich verfügbar; seither kamen neue Darreichungsformen und Indikationen hinzu. Aripiprazol liegt als Tablette, Schmelztablette, orale Lösung, Injektionslösung und – als eines der wenigen Antipsychotika – auch als Depot-Injektionssuspension vor. In Deutschland nahm die Abgabe von Aripiprazol zwischen 2014 und 2024 um 106 % zu – stärker als bei den anderen verglichenen Antipsychotika. Als mögliche Gründe werden neue Indikationen, Generika, Depotformen und Off-Label-Use diskutiert.
Wirkungsmechanismus
Die historische Klassifizierung unterscheidet grob die Antipsychotika der ersten Generation (schmales Rezeptorprofil mit dominantem D2-Antagonismus, gute Wirkung auf Positivsymptome, höheres Risiko für extrapyramidales Syndrom (EPS)) von den „atypischen“ Antipsychotika der zweiten Generation (breiteres Rezeptorprofil, typischerweise mit D2- und 5-HT2A-Antagonismus, zusätzliche Wirkung auf Negativsymptome, weniger EPS-Risiko, aber höheres metabolisches Risiko). Die moderne Psychopharmakologie stellt hingegen die Rezeptorphysiologie einer Substanz und ihre Wirkung auf klinische Domänen in den Vordergrund (etwa Zielsymptome und UAW).
Die Besonderheit von Aripiprazol liegt darin, dass es als Partialagonist am D2-, D3- und 5-HT1A-Rezeptor wirkt und dadurch – abhängig vom lokalen Dopamintonus – kontextabhängig funktionell agonistische oder antagonistische Effekte entfalten kann, während es am 5-HT2A-Rezeptor als Antagonist wirkt. Am D2-Rezeptor zeigt Aripiprazol funktionelle Selektivität, kann also unterschiedliche Signalwege bevorzugt aktivieren oder hemmen. Die bei Schizophrenie vorherrschende dopaminerge Überaktivität im mesolimbischen System kann dadurch gesenkt werden (Wirkung auf die Positivsymptome), der verminderte dopaminerge Tonus im mesokortikalen System hingegen normalisiert (positive Wirkung auf Kognition und Negativsymptome). α-1-adrenerge Rezeptoren und Histamin-H1-Rezeptoren werden nur gering beeinflusst, muskarinische Rezeptoren praktisch gar nicht: Dadurch ist das Risiko für orthostatische UAW oder Sedierung gering, anticholinerge UAW sind kaum zu erwarten. Klinisch wird Aripiprazol häufig als „Dopamine Stabilizer“ mit moderater antipsychotischer Potenz und günstigem Nebenwirkungsprofil beschrieben.
Indikationen und Darreichungsformen
Aripiprazol in oraler Form ist zur Behandlung der Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren zugelassen. Die Startdosis beträgt 10–15 mg, die Erhaltungsdosis 15 mg (einige Patient:innen profitieren auch von einer Steigerung auf 30 mg). Bei der Bipolar-I- Störung wird der Wirkstoff zur Therapie mäßiger bis schwerer manischer Episoden eingesetzt, bei Erwachsenen auch zur Prävention neuer manischer Episoden. Für Jugendliche ab 13 Jahren ist die Zulassung enger gefasst: Aripiprazol ist hier nur zur maximal 12-wöchigen Behandlung mäßiger bis schwerer manischer Episoden zugelassen – eine prophylaktische Anwendung ist nicht vorgesehen.
Die Einnahme von Aripiprazol erfolgt in der Regel einmal täglich: Die Halbwertszeit ist mit ca. 75 Stunden sehr lang, der Steady State wird nach etwa 14 Tagen erreicht. Dosisanpassungen erfolgen daher üblicherweise frühestens in wöchentlichen Abständen, und bis zur vollen antipsychotischen Wirkung können mehrere Wochen vergehen. Flüssige oder rasch lösliche Darreichungsformen wie Schmelztabletten werden in der Praxis vor allem bei unsicherer Adhärenz oder Schluckproblemen eingesetzt.
Für die schnelle Kontrolle von Agitiertheit und Verhaltensstörungen bei Erwachsenen mit Schizophrenie oder mit manischen Episoden der Bipolar-I-Störung steht auch eine i.m. Aripiprazol-Injektionslösung mit 7,5 mg/ml zur Verfügung. Sie kann genutzt werden, wenn die orale Therapie vorübergehend parenteral fortgesetzt werden muss, etwa bei Schluckproblemen oder mangelnder Kooperation. In der Notfallpsychiatrie wird sie nur selten verwendet, da bei akuter Agitation Substanzen mit stärker antipsychotischen und sedierenden Eigenschaften bevorzugt werden – beispielsweise Haloperidol oder Olanzapin.
Depotform
Die Depotform von Aripiprazol erzeugt nach einmaliger intramuskulärer Verabreichung stabile Wirkspiegel über den Zeitraum von etwa einem Monat und ist in Dosierungen von 300 bis 960 mg erhältlich. Sie ist in der EU ausschließlich zur Erhaltungstherapie der Schizophrenie bei Erwachsenen zugelassen. Voraussetzung für die Anwendung ist, dass der/die Patient:in zuvor stabil auf orales Aripiprazol eingestellt wurde und die individuelle Verträglichkeit gegeben war – insbesondere dürfen problematische Nebenwirkungen wie Akathisie nicht aufgetreten sein.
Neben Aripiprazol sind aus der Gruppe der atypischen Antipsychotika auch Risperidon, Paliperidon und Olanzapin als Depot verfügbar; alle sind ausschließlich für Erwachsene zugelassen. Depot-Antipsychotika erleichtern die ambulante Langzeittherapie und gewährleisten eine kontinuierliche Behandlung bei Compliance-Problemen oder bei Eigen- und Fremdgefährdung; Nachteil ist die eingeschränkte Steuerbarkeit der Therapie.
Off-Label-Use
Im Unterschied zu den USA existiert hierzulande noch keine Zulassung für Aripiprazol beim Tourette-Syndrom. Auch die Behandlung von Reizbarkeit im Zusammenhang mit Autismus erfolgt off-label. Die Verwendung von Aripiprazol zur Augmentation einer antidepressiven Therapie wird zwar umfangreich durch Leitlinien gestützt, erfolgt aber formal ebenfalls außerhalb der Zulassung.
Low-dose Aripiprazol wird bei postakuten Infektionssyndromen (PAIS) und bei ME/CFS (myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatiguesyndrom) eingesetzt und ist gemäß der entsprechenden Indikations-Medikamentenliste in Österreich als Kassenleistung verfügbar (0,25– 2 mg täglich). Es liegen Hinweise auf die Besserung von Fatigue, kognitiver Dysfunktion, post-exertioneller Malaise und Reizüberempfindlichkeit vor. Als Wirkmechanismus werden hier neben der dopaminstabilisierenden Wirkung auch modulierende Effekte auf die Neuroinflammation diskutiert, insbesondere die Hemmung überaktivierter Mikroglia.
Neben- und Wechselwirkungsprofil
Aripiprazol gilt insgesamt als gut verträglich. Häufige UAW, die jedoch zum Therapieabbruch zwingen könnten, sind Unruhe, Angst, Schlaflosigkeit und Akathisie. Akathisie zeigt sich als ausgeprägte motorische Unruhe mit quälender innerer Getriebenheit, der Unfähigkeit, stillzusitzen, und starkem Bewegungsdrang, insbesondere der Beine. Hier ist Aripiprazol ungünstiger als Olanzapin, Risperidon oder Quetiapin. Positiv sind hingegen die fehlende oder geringe Gewichtszunahme unter Aripiprazol und die prolaktinneutrale Wirkung – zwei klare metabolische Vorteile gegenüber anderen Atypika. Weitere häufige UAW sind Sedierung (ebenfalls seltener als bei anderen Atypika), Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und GI-Beschwerden. Zudem wurden neu aufgetretene Impulskontrollstörungen, Spielsucht, Essattacken, Einkaufzwänge und Hypersexualität beschrieben – Phänomene, die auch bei klassischen Dopaminagonisten bekannt sind.
Pharmakokinetisch ist Aripiprazol ein Substrat von CYP2D6 und CYP3A4. Wechselwirkungen mit Hemmern oder Induktoren dieser Enzyme sind daher relevant (z. B. die Kombination mit CYP2D6-hemmenden Antidepressiva wie Paroxetin oder Fluoxetin). Ebenfalls möglich sind Interaktionen mit zentral dämpfenden und antihypertensiven Substanzen.
Quellen
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- Rujescu D,. et al:, Schizophrenie: Medikamentöse Therapie. Konsensus-Statement – State-of-the-Art 2023. Sonderheft JATROS Neurologie & Psychiatrie, November 2023
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- Austria Codex Fachinformation
- BASG Medikamente Info Austria