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Schlafstörungen im Alter

Mag. pharm Alexander Schmidt-Ilsinger, MSc
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Schlafstörungen zählen zu den häufigsten Beschwerden im höheren Lebensalter. Zwar verändern sich Schlafdauer und Schlafarchitektur, doch erst wenn die Beschwerden mindestens einen Monat anhalten und das Tagesbefinden beeinträchtigen, spricht man von einer Insomnie.


Komorbiditäten & Arzneimittel als Auslöser


Insomnie ist im Alter meist Folge anderer Erkrankungen. Besonders häufig tragen Demenzen, Depressionen, Schmerzen, kardio- und pulmonale Erkrankungen, Nykturie sowie psychosoziale Belastungen zur Schlaflosigkeit bei. Auch Medikamente wie Betablocker, Glucocorticoide, Diuretika, aktivierende Antidepressiva (z. B. SSRI), dopaminerge und anticholinerge Substanzen können den Schlaf stören. Hinzu kommen Lebensstilfaktoren wie spätes Koffein, Nikotin und Alkohol, die die Schlafqualität deutlich verschlechtern.


Ungeeignete Schlafmittel und Deprescribing


Benzodiazepine und Z-Substanzen erhöhen im Alter das Risiko für Stürze, Delir, Rebound-Insomnie, Abhängigkeit und kognitive Beeinträchtigungen. Sedierende Antihistaminika und trizyklische Antidepressiva sind aufgrund anticholinerger Wirkungen ungeeignet. Niedrig dosierte Antipsychotika werden häufig off-label eingesetzt, bergen aber v. a. bei Demenz ein ungünstiges Sicherheitsprofil. Ein gezieltes Erkennen von ungeeigneten Arzneimitteln und ein darauffolgendes strukturiertes Deprescribing sind daher entscheidend. Die Dosis sollte im Falle von Benzodiazepinen über Wochen oder Monate schrittweise reduziert werden, begleitet durch Optimierungen in puncto Schlafhygiene und engmaschige Verlaufskontrolle.

“Weniger ist oft mehr! Schlafstörungen im Alter sind häufig das Resultat von Multimedikation und der unrealistischen Erwartungshaltung, nach wie vor acht Stunden ‚locker‘ durchschlafen zu können. Hier sind wir Apothekerinnen und Apotheker gefragt: Wir ‚durchforsten‘ und straffen die Medikationsliste, fragen nach den Schlafgewohnheiten und geben Tipps für individuelle Maßnahmen in SachenSchlafhygiene.“
Mag. pharm. Raimund Podroschko 1. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Pharmakologische Optionen im Überblick


Melatonin ist ab 55 Jahren in retardierter Form zugelassen. Die Retardform unterstützt den im Alter abgeschwächten Tag-Nacht-Rhythmus, während unretardierte Präparate eher das Einschlafen erleichtern. Beide wirken insgesamt moderat, gelten aber etwa in der FORTA-Liste als geeignete Option im höheren Lebensalter. Die Wirkung setzt verzögert ein, und für eine Langzeitanwendung fehlen belastbare Daten, weshalb eine realistische Erwartungshaltung wichtig ist. 

Weitere Möglichkeiten sind Daridorexant mit günstigem Sicherheitsprofil sowie sedierende Antidepressiva wie Trazodon oder niedrig dosiertes Mirtazapin bei komorbider Depression. Bei schmerz- oder angstbedingter Insomnie können Gabapentin oder Pregabalin sinnvoll sein, sofern Nierenfunktion, Sedierung und Sturzrisiko berücksichtigt werden. 

Phytotherapeutika wie Baldrian- oder Passionsblumenpräparate zeigen nur leichte subjektive Verbesserungen, können aber aufgrund guter Verträglichkeit bei milden Beschwerden unterstützen. Grundsätzlich sollte jede medikamentöse Therapie niedrig dosiert begonnen, zeitlich begrenzt eingesetzt und regelmäßig auf Nutzen, Risiken und Wechselwirkungen überprüft werden.

“Schlafmittel werden oft zu schnell und dauerhaft verordnet. Der Hinweis bei der Abgabe: ‚Nur wenn wirklich nötig, nicht täglich einnehmen‘ sowie Tipps zur Schlafhygiene tragen dazu bei, dass daraus keine Abhängigkeit mit Dosissteigerungen wird.  Und auch die häufigen Folgen wie Delir und Stürze am Folgemorgen sowie Interaktionen bei diesen meist polymorbiden Personen  gilt es zu berücksichtigen.“
Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger 2. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Nicht-pharmakologische Maßnahmen für ältere Menschen


Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie ist die effektivste Methode. Ergänzend helfen Tageslicht am Morgen, regelmäßige Bewegung, eine feste Tagesstruktur, kurze Mittagsschläfchen, eine ruhige und sichere Schlafumgebung sowie der Verzicht auf spätes Koffein, Nikotin, Alkohol und abendliche Bildschirmzeit. Leichte Mahlzeiten und konstante Schlafzeiten unterstützen zusätzlich.

hintergrundinformationen
fall des monats jänner

Frau A. D., 78, kommt mit ihrem Sohn in die Apotheke. Seit einigen Monaten nimmt sie abends Triazolam 0,125 mg wegen Ein- und Durchschlafstörungen. Anfangs wirksam, schläft sie inzwischen wieder schlecht, wacht nachts mehrfach auf und wirkt laut Sohn oft verwirrt. Auch die Einnahme einer ganzen Tablette brachte kaum Besserung.
Nach dem Tod ihres Partners vor zwei Jahren wurde eine depressive Episode diagnostiziert und mit Paroxetin 20 mg behandelt. Wegen zunehmender Gedächtnisprobleme erhielt sie kürzlich die Verdachtsdiagnose einer leichten Alzheimer-Demenz und begann mit Donepezil 5 mg. Ihre Hypertonie ist seit Jahren mit Metoprolol 50 mg gut kontrolliert.

Zudem besteht eine Dranginkontinenz: Trospium zeigte unzureichende Wirkung, daher wurde vor zwei Monaten auf Tolterodin 2 mg zweimal täglich umgestellt. Laut Sohn ist eine leichte Verbesserung erkennbar, aber die Situation bleibt instabil.

Medikation
Halcion 0, 25 mg Tabl. 0-0-0-1/2 bei Bedarf 
Seroxat Filmtabl. 20 mg 1-0-0-0
Donepezil Filmtabl. 5 mg 1-0-0-0
Detrusitol Filmtabl. 2 mg 1-0-1-0
Beloc Tabl. 50 mg 1-0-1-0
Mexalen 500 mg Tabl... Bei Bedarf bis zu 3 x tägl. 1 Tbl. 
Den kompletten Fall inkl. Auflösung finden Sie auf der e-Learning-Plattform der Österreichischen Apothekerkammer unter www.apofortbildung.at


Fazit für die Apotheke

Die Apotheke kann wesentlich zur sicheren Versorgung beitragen, indem sie schlafstörende Medikamente erkennt, ungeeignete Hypnotika hinterfragt und beim Deprescribing begleitet.

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