Ernährung

Hitze und Kälte in der TCM

Mag.

Larissa

Grünwald

Artikel drucken
Shutterstock © Shutterstock
© Shutterstock

Das oberste Ziel der Ernährung nach der TCM ist die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des energetischen Gleichgewichts im Körper. Nahrung wird in der TCM nicht nach Kalorien oder Vitaminen bewertet, sondern nach ihrer energetischen Wirkung auf den Organismus. 

Fehlende wissenschaftliche Belege

Die Ernährungslehre der TCM ist nach modernen, westlichen Kriterien wissenschaftlich nicht belegt. Die grundlegenden Konzepte der TCM basieren auf jahrtausendealten Beobachtungen, Traditionen und philosophischen Annahmen (Erfahrungsmedizin) und nicht auf klinischen Studien oder biochemischen Analysen. Es mangelt daher an wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit der TCM-Ernährung in der Behandlung von verschiedenen Beschwerden und Erkrankungen.1 So lassen sich der Fluss der Lebensenergie (Qi) oder das Gleichgewicht von Yin und Yang mit modernen medizinischen Geräten oder Laboruntersuchungen weder messen noch nachweisen. Daher gibt es kaum hochwertige, randomisierte Kontrollstudien oder Meta-Analysen, die die spezifische Wirksamkeit einer reinen TCM-Diät nach modernen Standards belegen. Da die TCM jeden Menschen individuell betrachtet und keine Standard-Ernährung anbietet, ist eine systematische Überprüfung in klassischen wissenschaftlichen Studien sehr schwierig. Dieser holistische Blick sowie die individuelle Betrachtung scheinen gleichzeitig die wichtigsten Kernkompetenzen der TCM zu sein.2

Gemeinsamkeiten mit der westlichen Wissenschaft

Obwohl die theoretische Basis der TCM wie erwähnt wissenschaftlich nicht anerkannt ist, decken sich viele ihrer praktischen Empfehlungen mit den Erkenntnissen der modernen Ernährungswissenschaft.

Unverarbeitete Lebensmittel
Beide Systeme bevorzugen frische, naturbelassene Nahrungsmittel als Basis der Ernährung. Die westliche Medizin warnt vor Entzündungen durch hochverarbeitete Industrieprodukte, während die TCM mit der Schwächung der Lebensenergie (Qi) durch hoch verarbeitete Lebensmittel argumentiert.

Gekochte Mahlzeiten
Die Empfehlung der TCM, vermehrt warm zu essen und zu trinken, spricht die bessere Verdaulichkeit der Mahlzeiten sowie die Schonung des Magen-Darm-Traktes (Mitte) an. Dies wird auch in der westlichen Ernährung insbesondere bei Kindern, Rekonvaleszenten und Senior:innen berücksichtigt.

Gemüse und Vollkorn als Fundament

Beide Ernährungssysteme sehen Gemüse, Getreide (wie Hafer oder Reis) und Hülsenfrüchte als primäre Energie- und Nährstofflieferanten. In der TCM gelten diese Lebensmittel als thermisch neutral und bilden die Basis einer gesunden Ernährung. In der westlichen Ernährungslehre bildet das Gemüse, neben den Getränken, das Fundament der Ernährungspyramide.

Saisonalität und Regionalität
Was die westliche Ernährungslehre aus Sicht der Nachhaltigkeit und des optimalen Vitamingehalts empfiehlt, begründet die TCM energetisch: Der Körper benötigt im Winter wärmende und reichhaltigere Kost und im Sommer kühlende, wasserreiche Lebensmittel. 

Wirkung von sekundären Pflanzenstoffen
Viele in der TCM genutzten Kräuter und Gewürze wie Ingwer, Minze, Zimt, Kurkuma, Kardamom etc. enthalten bioaktive Substanzen, die entzündungshemmend oder verdauungsfördernd wirken. Laut TCM sind Kräuter und Gewürze thermisch wirksam sowie therapeutisch wertvoll. In der westlichen Ernährungslehre fungieren diese als effektive Antioxidantien. 

Hitze und Kälte in der TCM

Die Begriffe Hitze und Kälte beziehen sich in der TCM auf die Relation von Yin und Yang im Körper. Yang steht für Antriebskraft, Aktivität, Wärme, Rötung, Trockenheit. Yin steht für Ruhe, Kälte, Blässe, Feuchtigkeit. Überwiegt Yang im Verhältnis zu Yin, resultiert daraus ein Hitze-Muster mit pathologischer Wärme und Trockenheit.

Hitze in der TCM
Die TCM kennt unterschiedliche Arten von Hitze-Symptomen. So zählen heiße Füße, ein roter Kopf, Fieber, Rötungen der Haut, Akne, Entzündungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Sodbrennen oder Verstopfung zu den klassischen Ausprägungen von innerer Hitze. Diese kann begleitet sein von einem juckenden Gefühl, einem schnellen Puls, dunklem Urin, einem starken Durstgefühl, Schwitzen, Unruhe usw. Hitze-Erkrankungen in der TCM müssen nicht zwingend mit einem Anstieg der Körpertemperatur verbunden sein. Ursache ist vielmehr ein Ungleichgewicht von Yin und Yang, das mit innerer Wärme und Trockenheit einhergeht. Selbst Stress, Schlafmangel und Emotionen wie Ärger und Wut erzeugen laut TCM innere Hitze, die mit thermisch kühlen und erfrischenden Lebensmitteln ausgeglichen werden kann.

Kälte in der TCM

Kältesymptome können in der TCM durch äußere Einflüsse wie Wind, Kälte oder Nässe, aber auch durch fehlende innere Wärme entstehen. Kälte zeigt sich v. a. in einer Kälteempfindlichkeit bei Infekten mit Niesen, Husten, rinnender Nase mit weißem, wässrigem Schleim, blasser Haut, leichtem Fieber, hellem Urin, Müdigkeit, Erschöpfung, kalten Händen und Füßen, Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, weichem Stuhl oder fehlendem Durstgefühl.

ERfrischung nach TCM tee statt eis

Bei sommerlicher Hitze oder Hitzesymptomen sollten keine eiskalten Getränke oder zu viel Eis konsumiert werden. Dies schwächt laut TCM die Verdauung und kann auf Dauer die Symptome verschlechtern. Warme Tees mit kühlenden Kräutern (Pfefferminz, Grüner Tee) wirken in diesem Fall nachhaltig erfrischender. 

Praktische Anwendung im Alltag 

Laut TCM gilt es, die persönliche Ernährung an die aktuellen körperlichen und seelischen Bedürfnisse, an den Konstitutionstyp, die Jahreszeit und das aktuelle Wetter anzupassen. Im Sommer und/oder bei Hitzesymptomen (starkes Schwitzen, innere Unruhe, gerötetes Gesicht) empfehlen sich eher kühlend wirkende Salate und Früchte. Im Winter oder bei innerer Kälte (z. B. kalte Hände und Füße) empfiehlt die TCM hingegen wärmend wirkende Mahlzeiten wie gut gewürzte Kraftsuppen, Eintöpfe oder warmen Porridge (Haferbrei). 


Kühlende und wärmende Lebensmittel in der TCM
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ordnet alle Lebensmittel anhand ihrer thermischen Wirkung in fünf Gruppen ein: kalt, kühl, neutral, warm und heiß. Dieses Prinzip erlaubt eine gezielte Lebensmittelauswahl entsprechend dem persönlichen Konstitutionstyp und den klimatischen Einflüssen. Die thermische Wirkung nach der TCM-Lehre entspricht dabei selten der tatsächlichen Temperatur, es handelt sich vielmehr um die Wirkung des Lebensmittels im Körper.

Die fünf thermischen Wirkungen

Kalt & Kühl (Yin)
Lebensmittel aus dieser Kategorie entziehen dem Körper Energie, wirken beruhigend, befeuchtend und senken die Temperatur. Sie werden besonders an heißen Sommertagen oder bei Symptomen wie innerer Unruhe und Hitzegefühl eingesetzt. Beispiele: frische Früchte (Wassermelonen, Zitrusfrüchte, Birnen), rohe Blattsalate, Gurken, Tomaten, Zucchini, Joghurt, grüner Tee. 


Neutral

Thermisch neutrale Lebensmittel bilden die Basis der täglichen Ernährung, stärken die Verdauung und harmonisieren den Körper. Beispiele: Kartoffeln, Karotten, Wurzelgemüse, sehr reifes Obst, die meisten Getreidesorten (Haferflocken, Reis, Hirse), Hülsenfrüchte, Rindfleisch. 

Warm & Heiß (Yang)
Thermisch warme und heiße Lebensmittel führen dem Körper Energie (Qi) zu, fördern den Stoffwechsel und die Durchblutung. Sie wärmen bei Kälteempfinden und sind ideal für den Winter. Beispiele: Gewürze (Zimt, Ingwer, Chili, Knoblauch, Nelken), gekochtes Fleisch, Lamm- und Wildfleisch, fettreicher Fisch, Fenchel, Lauch, geröstete Nüsse.

Zubereitungsart bestimmt die Thermik

Auch die Zubereitungsart beeinflusst die thermische Wirkung eines Lebensmittels. Kühlend wirken rohe, blanchierte, gedünstete, gedämpfte oder mit reichlich Wasser gekochte Speisen. Wärmend wirken hingegen langes Schmoren, Braten, Grillen, Backen und Rösten – neutrale Lebensmittel können so einen wärmenden Effekt (Yang) erlangen, etwa wenn ein Apfel durch langes Kochen zu wärmendem Apfelkompott wird.

Quellen

1   Eigenschink M, et al.: Cross-sectional survey and Bayesian network model analysis of traditional Chinese                       medicine in Austria: investigating public awareness, usage determinants and perception of scientific support.              BMJ Open 2023; 13: e060644
2   Zhao X, et al.: Nutrition and traditional Chinese medicine (TCM): a system's theoretical perspective. Eur J Clin         Nutr 2021; 75(2): 267-273
3   Huemer G.: Hitze in der TCM. zkm 2017; 1: 24-27
4   Chiu C.: Kälte in der TCM. zkm 2021; 5: 56-58
5   Siedentopp U.: Ernährung in der chinesischen Medizin. zkm 2018; 2: 41-45

Das könnte Sie auch interessieren