ADHS betrifft rund 3–6 % aller Schulkinder,1 wobei die ersten Anzeichen einer ADHS meist vor dem sechsten Lebensjahr auftreten. Bei Babys kann sich ADHS in Form von Schlafproblemen oder Unruhe zeigen. Bei Kleinkindern sind typische Kennzeichen Hyperaktivität, Wutausbrüche und eine langsamere motorische Entwicklung. Schulkinder fallen im Unterricht vielfach durch Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit oder Leistungsschwäche auf. In der Pubertät kann ADHS vermehrt mit Ängstlichkeit, Trotz oder Depressionen einhergehen, wobei sich die Symptomatik mit dem Älterwerden oft verbessert. Schätzungen zufolge zeigen jedoch 30 bis 50 % aller Betroffenen auch im Erwachsenenalter Symptome.
Drei Typen der ADHS
Medizinisch werden bei ADHS entsprechend der Symptomatik drei Typen unterschieden: der unaufmerksame Typ (oft als ADS bezeichnet), der hyperaktiv-impulsive Typ und der kombinierte Typ als häufigste Form mit Symptomen beider Typen. Hier zeigen sich phänotypische Geschlechtsunterschiede: Bei Buben, die eher den impulsiv-hyperaktiven bzw. kombinierten Typ aufweisen, wird ADHS etwa 3-mal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, die eher den unaufmerksamen Typ zeigen.
Ursachen im Überblick
ADHS ist eine komplexe neurobiologische Störung, die durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren entsteht.
Genetische Veranlagung
Die Erblichkeit von ADHS wird auf 60–80 % geschätzt und stellt den bedeutendsten Faktor dar. Laut Untersuchungen können verschiedene Polymorphismen mit ADHS in Zusammenhang gebracht werden. So beeinflussen Veränderungen im Dopamintransporter-Gen (DAT) die Verfügbarkeit von Dopamin im synaptischen Spalt. Zudem wurden bei Betroffenen veränderte Konzentrationen des neurotrophen Faktors BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) festgestellt.2 BDNF ist ein Protein, das an der Entwicklung neuronaler Netzwerke beteiligt ist und dadurch in engem Zusammenhang mit der Pathophysiologie von ADHS steht.
Neurobiologische Besonderheiten
Im Gehirn von Betroffenen liegt ein Ungleichgewicht einiger Neurotransmitter vor. Es gibt Hinweise auf eine veränderte Dopamin- und Noradrenalin-Übertragung, die die Signalweiterleitung in Hirnregionen für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Handlungsplanung beeinträchtigen kann. Wirkstoffe wie Methylphenidat zielen darauf ab, die Konzentration dieser Botenstoffe im Gehirn zu erhöhen.
Einflüsse während der Schwangerschaft und Geburt
Bestimmte Risikofaktoren können die Gehirnentwicklung beim Embryo beeinflussen und Verhaltensauffälligkeiten verursachen. Dazu zählen Nikotin-, Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenkonsum der Mutter, eine Frühgeburt, ein niedriges Geburtsgewicht sowie Sauerstoffmangel während der Geburt. Auch bakterielle Infektionen sowie Virusinfektionen während der Schwangerschaft können eine Rolle spielen.
Entzündungen
Sollte eine erbliche Vorbelastung für ADHS bestehen, können Entzündungsprozesse den Ausbruch der Symptomatik beeinflussen. Es gibt Hinweise darauf, dass das Immunsystem bei ADHS eine zentrale Rolle spielt, insbesondere da Betroffene zusätzlich häufig unter Erkrankungen wie Allergien, Neurodermitis oder Asthma leiden.
Umweltfaktoren
Chronische Belastungen mit Blei, Cadmium, Kupfer, Quecksilber, Arsen und Aluminium kommen Studien zufolge bei ADHS-Betroffenen häufig vor.3 Diese können bereits in der Schwangerschaft von der Mutter zum Kind übertragen worden sein oder aus exogenen Quellen stammen. Wie beispielsweise von Bleibelastungen bekannt, können bereits kleinste Mengen kognitive Symptome verursachen. Bei begründetem Verdacht kann eine entsprechende Diagnostik, etwa auch mittels Haaranalyse, erwogen werden.
Lebensstil
ADHS-Symptome werden durch Faktoren wie Bewegungsmangel, Stress und einen unstrukturierten Tagesablauf begünstigt. Auch ein Zusammenhang mit erhöhtem Medienkonsum im Kindesalter wird diskutiert.
Ernährung
Auch die Ernährung scheint bei der Entstehung von ADHS eine Rolle zu spielen.4 Diskutiert werden Lebensmittelzusatzstoffe wie Farbstoffe, Konservierungsmittel, Süßstoffe, Phosphate oder Aromastoffe, die einen ungünstigen Einfluss ausüben können.5 Auch Unverträglichkeit gegenüber Kuhmilch, Weizen oder Eiern sowie erhöhte Histamin-Blutspiegel, die möglicherweise durch natürliche Salicylverbindungen verursacht werden, scheinen einen Beitrag zu leisten.
Mikronährstoffe in der ADHS-Therapie
Mikronährstoffe können als begleitende Maßnahme in der Therapie von ADHS eine sinnvolle Rolle spielen. Studien deuten darauf hin, dass gezielte Supplementierungen helfen können, Defizite auszugleichen und bestimmte Symptome zu lindern. Orientiert an Studiendaten können genannte Dosierungen unter fachärztlicher Kontrolle erwogen werden, insbesondere bei nachgewiesenem Mangel oder Risiko für einen Mangel.
Omega-3-Fettsäuren (EPA, DHA)
Die langkettigen Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) spielen beim Aufbau der Membranen von Nervenzellen, der Hirnfunktion und der Entzündungsbereitschaft eine zentrale Rolle und sind essenziell für Lernprozesse und Konzentrationsfähigkeit. Beide Fettsäuren können oxidativen Stress reduzieren, der bei ADHS vermehrt auftritt. Zudem wurde festgestellt, dass der Anteil an Omega-3-Fettsäuren bei ADHS-Patient:innen im Blut sowie der Omega-3-Index stark erniedrigt ist.6 Übersichtsarbeiten zeigen, dass die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren ADHS-Symptome verbessern kann, wobei die EPA-Dosis die vorrangige Rolle spielt. In einer Studie wurde bei jungen ADHS-Patient:innen, die zuvor auf eine 6-monatige Therapie mit Methylphenidat nicht angesprochen hatten, EPA und DHA bzw. ein Placebo eingesetzt. Nach drei Monaten waren noch keine Erfolge zu erkennen, nach sechs Monaten konnten jedoch signifikante Unterschiede hinsichtlich Aufmerksamkeit, Ruhelosigkeit, Aggressivität, Impulsivität, Arbeitsverhalten und Kooperation mit Eltern und Lehrer:innen festgestellt werden.7
Empfehlung
EPA/DHA: Kinder: 0,5–1,5 g/d;
Erwachsene: 1–2,5 g/d; mind. 6 Monate;
hoher EPA-Anteil von 600–1.200 mg/d
Omega-3-Index: 8–11 %
Omega-6-Fettsäuren (GLA)
Bei ADHS-Patient:innen konnten niedrige Blutspiegel an Gamma-Linolensäure (GLA) gemessen werden. Nachtkerzenöl kann daher phasenweise bzw. abwechselnd mit EPA- und DHA-Präparaten empfohlen werden. Bei kleinen Kindern hat sich auch das Einmassieren des Öls auf dem Rücken bewährt.8
Empfehlung
Nachtkerzenöl: 2–3 g/d Nachtkerzenöl
(je nach Alter)
Phosphatidylserin
Phosphatidylserin ist ein Phospholipid, das als Hauptbestandteil der Zellmembranen im Gehirn die kognitiven Funktionen, Gedächtnisleistung und Konzentration fördert. Es wird als Nahrungsergänzungsmittel zur Stressreduktion (Cortisol-Senkung), Verbesserung der Schlafqualität und Unterstützung der Gedächtnisleistung eingesetzt. Bei ADHS kann Phosphatidylserin die Symptomatik moderat verbessern und die Stressempfindung reduzieren.9
Empfehlung
Phosphatidylserin: 200–300 mg/d; 8–15 Wochen
Zink
Zink beeinflusst die dopaminerge Neurotransmission und kann so die Aktivität des Botenstoffs Dopamin modulieren. Zusätzlich reduziert Zink als antioxidatives Spurenelement oxidativen Stress und schützt die Nervenzellen. Wissenschaftler:innen vermuten, dass oxidativer Stress einen wichtigen Einflussfaktor für Verhaltensauffälligkeiten im Rahmen von ADHS darstellt.
Bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS ist der Zinkgehalt in den Zellen häufig erniedrigt. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass der Zinkgehalt direkt mit der Schwere der ADHS-Symptome zusammenhängt. Studien zeigen, dass die Einnahme von Zinkpräparaten einen positiven Effekt bei ADHS hat – sowohl als alleinige Therapie als auch in Verbindung mit dem ADHS-Wirkstoff Methylphenidat.10
Empfehlung
Zink: Kinder: 10–15 mg/d;
Erwachsene: 15–30 mg/d; 3 Monate
Magnesium
ADHS-Patient:innen zeigen häufig einen Magnesiummangel, allerdings ist die Wirksamkeit von Magnesiumpräparaten nicht eindeutig bewiesen. Besonders bei einem Magnesiummangel scheint die gezielte Ergänzung jedoch sinnvoll und vielversprechend zu sein.11
Empfehlung
Magnesium: Kinder: 6 mg/kg KG/d;
Erwachsene: 300–400 mg/d
Vitamin B6
Vitamin B6 spielt eine Schlüsselrolle in den Nervenzellen, insbesondere im Energiestoffwechsel und bei der Funktion der Nervenbotenstoffe Dopamin und Serotonin.
Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen zeigten vorläufige Studien, dass sich durch die gezielte Einnahme von Vitamin B6 die Serotoninspiegel normalisierten und die mangelnde Aufmerksamkeit bei ADHS besserte.
In Studien wurde Vitamin B6 als Pyridoxal-Phosphat (PLP) für mindestens zwei Monate eingesetzt. Eine längerfristige Supplementierung sollte unter fachlicher Begleitung erfolgen.
Empfehlung
Vitamin B6: Kinder 0,6 mg/kg KG/d;
Erwachsene: 10–20 mg/d; mind. 2 Monate
Vitamine und Mineralstoffe verbessern die Wirkung von Methylphenidat
Zink, Vitamin D3, Magnesium und Calcium können die Wirkung von Methylphenidat bei ADHS unterstützen und damit den Medikamentenbedarf reduzieren.
Die gleichzeitige Einnahme von Methylphenidat zusammen mit Zink, Calcium und Magnesium führte zu einer deutlich stärkeren Verbesserung der Aufmerksamkeitsprobleme als die Kombination aus Methylphenidat und einem Placebo.
Eine weitere vorläufige Studie zeigte, dass sich ADHS‑Symptome ausgeprägter besserten, wenn Methylphenidat in Kombination mit Vitamin D3 verabreicht wurde, verglichen mit einer Behandlung ohne Vitamin D3.
Um die Wirkung von ADHS-Medikamenten mit dem Wirkstoff Methylphenidat zu verstärken, werden daher folgende Mikronährstoffe empfohlen: Vitamin D3 (1.000–2.000 I.E. Vitamin D3), Zink (10–20 mg), Calcium (≥ 300 mg) und Magnesium (6 mg/kg KG).
Ernährung
Eine ausgewogene Ernährung kann die Symptome wie Unkonzentriertheit und Hibbeligkeit bei manchen Betroffenen lindern. Im Fokus stehen die Stabilisierung des Blutzuckerspiegels und die Versorgung des Gehirns mit wichtigen Baustoffen. Primär geht es um die Reduktion von Zucker, eine ausreichende Eiweißzufuhr zur Synthese der Botenstoffe, regelmäßige Mahlzeiten und komplexe Kohlenhydrate, um Blutzuckerschwankungen zu vermeiden. Zudem sollte auf eine ausreichende Zufuhr von Gemüse geachtet und möglichst mit frischen Grundnahrungsmitteln gekocht werden. Der Konsum von Fertigprodukten sollte drastisch reduziert werden. Als Hauptgetränke eignen sich Wasser und ungesüßter Tee.12,13
Mikrobiom
Ein gestörtes Darmmilieu sowie eine erhöhte Darmdurchlässigkeit werden häufig in Zusammenhang mit ADHS beobachtet. Der Einsatz von Breitspektrum-Probiotika kann dazu beitragen, die Diversität der Darmflora zu verbessern und dadurch einen positiven Einfluss auf die Symptomatik nehmen.14
Quellen
1 Roberts W, et al.: Primary symptoms, diagnostic criteria, subtyping, and prevalence of ADHD. In: Barkley RA (Hrsg),
Attention deficit hyperactivity disorder. A handbook for diagnosis and treatment; 4. Aufl., New York: Guilford, 2015, S 51–80
2 Núñez-Jaramillo L, et al.: ADHD: Reviewing the causes and evaluating solutions. J Pers Med 2021;11(3):166
3 Skogheim TS, et al.: Metal and essential element concentrations during pregnancy and associations with autism spectrum
disorder and attention-deficit/hyperactivity disorder in children. Environ Int 2021;152:106468
4 Heilskov Rytter MJ, et al.: Diet in the treatment of ADHD in children – a systematic review of the literature. Nord J Psychiatry 2015;69(1):1-18
5 Arnold LE, et al.: Artificial food colors and attention-deficit/hyperactivity symptoms: conclusions to dye for. Neurotherapeutics 2012;9(3):599-609
Weitere Literatur auf Anfrage