Ziel ist es, eventuell auftretende Stoffwechselstörungen zu therapieren, die Lebensqualität zu sichern und die Prognose der Patient:innen maßgeblich zu verbessern.
Krebsdiät wissenschaftlich nicht bewiesen
Bisher fehlt der wissenschaftliche Nachweis, dass eine spezifische Ernährungsform Krebszellen direkt bekämpfen kann.1 Dennoch ist die klinische Relevanz unbestritten: Ein stabiler Ernährungszustand ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg antitumoraler Therapien. Dieser stabilisiert den Stoffwechsel, verbessert die Verträglichkeit der Behandlung und erhält die körperliche Leistungsfähigkeit.2
Die Herausforderung: Mangelernährung und Tumorkachexie
Die Prävalenz von Mangelernährung und Kachexie bei Tumorpatient:innen liegt, je nach Entität und Stadium, zwischen 20 und 70 %. In Europa sind schätzungsweise eine Million Menschen betroffen.3 Die Folgen sind gravierend: Etwa 50 % aller Krebspatient:innen versterben mit Symptomen einer Kachexie, bei bis zu 20 % ist der massive Substanzverlust die direkte Todesursache.4 Das Spektrum reicht von der Präkachexie mit einem geringen Gewichtsverlust und entzündlichen Veränderungen bis hin zu schwerem Muskelschwund und völligem Leistungsverlust.
Entzündungen und anabole Resistenz
Die Entstehung einer Tumorkachexie ist ein komplexer Prozess, der durch entzündungsfördernde Mediatoren wie IL-6, TNFα oder IFN-γ gekennzeichnet ist. Diese führen zu systemischen Entzündungsprozessen, metabolischen Veränderungen (z. B. Insulinresistenz), Appetitlosigkeit und einer gestörten Nährstoffverwertung (anabole Resistenz). Zusätzlich erschweren therapieunabhängige Geschmacksveränderungen die adäquate Nahrungsaufnahme, was den Verlust an Muskelmasse weiter beschleunigt.5
Strategien gegen Kachexie und Muskelschwund
Die Tumorkachexie ist weit mehr als nur ein Gewichtsverlust. Sie führt zu einer fortschreitenden Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit, chronischer Fatigue und einem Verlust der Selbstständigkeit. Dies schränkt nicht nur die Lebensqualität ein, sondern verschlechtert auch die klinische Prognose.
Da die Entstehung der Kachexie multifaktoriell ist, greifen konventionelle Ernährungsmaßnahmen oft zu kurz. Um Kachexie und Muskelschwund effektiv zu verhindern, ist der Einsatz multimodaler Therapiekonzepte gefragt. Diese umfassen u. a. eine individuelle Ernährungsstrategie bzw. eine erhöhte Proteinzufuhr, antiinflammatorische Strategien sowie körperliches Training.
Protein im Fokus
Krebserkrankungen führen zu einem gesteigerten Proteinumsatz im gesamten Körper. Daher ist die Zufuhr von hochwertigem Eiweiß ein wichtiger Erfolgsfaktor. Metabolische Studien belegen, dass Krebspatient:innen durch eine erhöhte Zufuhr von Proteinen bzw. Aminosäuren die Muskelprotein-synthese signifikant steigern können.6
Gut untersucht ist dieser Effekt im Zusammenspiel mit Bewegung: Eine proteinreiche Ernährung verstärkt den durch körperliches Training gesetzten Reiz zum Muskelaufbau. Dieser anabole Stimulus ist essenziell, um die Muskelmasse stabil zu halten. Pilotstudien deuten zudem darauf hin, dass eine optimierte Eiweißversorgung direkt mit einer besseren Lebensqualität und einer höheren Toleranz gegenüber onkologischen Therapien korreliert.7
Proteinbedarf: Von Basis bis Intensiv
Der Eiweißbedarf variiert je nach Gesundheitszustand und Alter (DGE – Deutsche Gesellschaft für Ernährung):
• Gesunde Erwachsene: 0,8 g/kg Körpergewicht (KG) täglich (ca. 10–15 % der Gesamtenergie)
• Senior:innen (ab 65 Jahren): 1,0 g/kg KG täglich
• Onkologische Patient:innen & postoperativ: Bei Krebserkrankungen, chronischen Infektionen oder nach schweren Operationen steigt die Empfehlung auf 1,0 bis 1,5 g/kg KG täglich.
• Akute Phasen: Bei schweren Entzündungsprozessen oder einer bereits fortgeschrittenen Kachexie kann in bestimmten Situationen der Bedarf sogar bis zu 2,0 g/kg KG täglich ansteigen.
Praktische Umsetzung: Hochwertige Proteinquellen
Um den erhöhten Proteinbedarf onkologischer Patient:innen zu decken, sollte zu jeder Haupt- und Zwischenmahlzeit bewusst eine Proteinquelle integriert werden.
Empfohlene Quellen:
• Tierisch: Fisch, Eier, Milchprodukte (Joghurt, Käse) sowie in moderaten Mengen mageres Fleisch. Diese Quellen bieten eine hohe biologische Wertigkeit.
• Pflanzlich: Hülsenfrüchte, Nüsse sowie eiweißreiche Pseudogetreide wie Buchweizen, Quinoa, Amaranth und Hirse.
Proteinkonzentrate als sinnvolle Ergänzung
Proteinkonzentrate kommen ergänzend zum Einsatz, wenn der Bedarf nicht allein über die normale Ernährung gedeckt werden kann. Hochwertige Produkte enthalten in der Regel alle neun essenziellen Aminosäuren und werden daher als vollständige Proteinquellen bezeichnet.
Vollbilanzierte medizinische Trinknahrungen
Wenn neben Eiweiß auch ein Mangel an Energie (Kalorien) und Mikronährstoffen besteht, wird häufig auf fertige medizinische Trinknahrungen zurückgegriffen. Diese hochkalorischen Produkte sind nicht nur eiweißreich, sondern enthalten oft auch spezifische Zusätze wie Omega-3-Fettsäuren oder Mikronährstoffe, die besonders bei Entzündungsprozessen und fortgeschrittener Kachexie hilfreich sind.
Regelmäßige Bewegung: Eine Säule der Prävention
Die tumorpräventive Wirkung von regelmäßiger körperlicher Aktivität ist durch eine Vielzahl epidemiologischer Studien klar belegt.8 Bewegung und Sport reduzieren nachweislich das Risiko für mehrere häufige Krebserkrankungen, insbesondere Kolon-, Brust- und Endometriumkarzinome; für weitere Entitäten wie Prostata- und Lungenkarzinome gibt es ebenfalls Hinweise auf ein verringertes Risiko. Aus präventiver Sicht wird eine Kombination aus regelmäßigem Ausdauer- und Krafttraining empfohlen.
Mikronährstoffe: Vielversprechende Ansätze gegen Kachexie
Forschungsergebnisse deuten auf interessante Ansätze im Bereich spezifisch dosierter Mikronährstoffe hin, die potenziell die pathophysiologischen Mechanismen der Tumorkachexie beeinflussen könnten.9 Zu den untersuchten Substanzen zählen neben der essenziellen Aminosäure Leucin auch der Leucin-Metabolit HMB (β-Hydroxy-β-Methyl-butyrat), L-Carnitin sowie die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA).
Quellen
1 Arends J, et al.: S3-Guideline of the German Society for Nutritional Medicine (DGEM) in Cooperation
with the DGHO, the ASORS and the AKE. Aktuelle Ernährungsmedizin 2015;40 (05):e1–74
2 Arends J, et al.: ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin Nutr 2017;36(1):11–48
3 von Haehling S, et al.: Prevalence, incidence and clinical impact of cachexia: facts and numbers-update 2014. J Cachexia Sarcopenia Muscle 2014;5(4):261–3
4 Aapro M, et al.: Early recognition of malnutrition and cachexia in the cancer patient: a position paper of a european school of oncology task force. Ann Oncol 2014;25(8):1492–9
5 Schalk P, et al.: Influence of cancer and acute inflammatory disease on taste perception: a clinical pilot study. Support Care Cancer2018;26(3):843–851
Weitere Literatur auf Anfrage