Mehr Kosten, weniger Sicherheit

Das Dispensierrecht unter der Lupe

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Unter der Lupe © shutterstock
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Am 13. Mai 2026 präsentierte die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien ihr neuestes Anliegen: Niedergelassene Ärzt:innen sollen apotheken- und verschreibungspflichtige Arzneimittel direkt in ihren Ordinationen abgeben dürfen. Als Begründung nannte Präsident Johannes Steinhart internationale Studien, die angeblich belegen, dass 10 bis 25 % der Rezepte nie eingelöst werden. Wenn Ärzt:innen direkt abgeben könnten, würde das die Therapietreue ­verbessern. Das Problem: Die vorgebrachten Argumente halten einer näheren Überprüfung nicht stand.

Falsche Systeme, falsche Schlüsse

Die zitierte Bandbreite von „10–25 % nicht eingelöster Rezepte“ setzt sich aus zwei methodisch nicht vergleichbaren Studien zusammen. Fischer et al.1 analysierten knapp 196.000 elektronische Rezepte in Massachusetts – im US-amerikanischen Privatversicherungssystem, wo hohe finanzielle Eigenbeteiligungen der stärkste Treiber für Nicht-Einlösung sind. Zudem hatten 8,3 % der dortigen Bevölkerung damals keinen erreichbaren Apothekenstandort in der Nähe. Beides existiert im österreichischen Kassensystem strukturell nicht. Die zweite Zahl stammt aus Dänemark2 – ebenfalls ein fundamental anderes Gesundheitssystem.
Die Kombination dieser Zahlen zu einer einzigen Bandbreite ist methodisch unzulässig. Die umfassendste verfügbare Metaanalyse zu primärer Non-Adhärenz von Cheen et al.3 mit über 500.000 Patient:innen warnt ausdrücklich vor genau solchen Pauschalübertragungen zwischen Systemen. In der Argumentation der Ärztekammer findet diese Arbeit keine Erwähnung.
Dazu kommt: Die Maßnahme, die Fischer et al.1 selbst zur Reduktion von Non-Adhärenz empfehlen, nämlich die direkte elektronische Rezeptübermittlung, ist in Österreich bereits seit 2022 flächendeckend ausgerollt. Die eigentlichen Ursachen für Nicht-Einlösung (Vergessen, Skepsis gegenüber Medikamenten, Angst vor Nebenwirkungen) bleiben durch eine Abgabe in der Ordination unberührt.

“Viele Ärzte und Ärztinnen sind schon jetzt zeitlich überlastet. Statt aus Profitinteressen die zusätzliche Abgabe von Medikamenten in den Ordinationen zu forcieren, wäre die Standesvertretung gut beraten, über Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Beratungs- und Behandlungsdauer in den Ordinationen nachzudenken. Davon hätten die Menschen tatsächlich etwas. Die fachgerechte Lagerung, die Arzneimittelberatung, das Erkennen von Wechselwirkungen, die Aufklärung über Dosierung und Anwendung – all das erfordert eine eigenständige, jahrelange pharmazeutische Fachausbildung und genügend Zeit. Beides haben Mediziner:innen nicht.“
Mag. pharm. Susanne Ergott-Badawi Vizepräsidentin der Wiener Apothekerkammer

Was passiert, wenn Ärzte auch verkaufen

Dass ein wirtschaftlicher Anreiz das Verschreibungsverhalten von Ärzt:innen verändert, ist keine bloße Vermutung, sondern wissenschaftlich belegt. Müller et al.4 analysierten im Jahr 2023 eine Reform in zwei großen Schweizer Städten, die Ärzt:innen erstmals erlaubte, Medikamente direkt abzugeben. Das Ergebnis: Die Medikamentenkosten pro Patient:in stiegen um 4 bis 5 %. Ärzt:innen verschrieben häufiger kleinere Packungsgrößen (höhere Marge pro Tablette) und wählten bevorzugt teurere Originalpräparate – ohne therapeutischen Mehrwert. Die Autor:innen bezeichnen dieses Verhalten als „Rent-seeking“: Die Ärzt:innen maximierten ihren Ertrag, ohne die medizinische Versorgungsqualität zu verbessern.
Eine von santésuisse in Auftrag gegebene Analyse5 mit über 10,5 Millionen ambulanten Konsultationen bestätigt das Muster: In Praxen mit Selbstdispensation wird bei 62 % der Konsultationen mindestens ein Medikament verschrieben – gegenüber 49 % in Praxen ohne Selbstdispensation. Die Arzneimittelkosten pro Erkrankten und Jahr liegen um rund 79 Schweizer Franken höher.

“Statt untaugliche Studien zu kombinieren, lohnt sich ein Blick ins Ausland: Von den 1.700 ‚dispensing doctors‘ in der EU finden sich 880 in Österreich, also gut die Hälfte. Die meisten Staaten lehnen ärztliche Notabgabestellen dezidiert ab, da ökonomische Faktoren das ärztliche Verschreibungsverhalten beeinflussen.“
Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger 2. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Wer Apotheken schwächt, schwächt die Versorgung

Österreich verfügt über ein dichtes Netz öffentlicher Apotheken, das die Bevölkerung rund um die Uhr versorgt – an Abenden, Wochenenden und Feiertagen, 365 Tage im Jahr. Niedergelassene Ordinationen kommen im Schnitt auf rund 20 Wochenstunden; Apotheken können seit 2024 bis zu 72 Stunden geöffnet sein und sind durch den gesetzlichen Nacht- und Bereitschaftsdienst jederzeit erreichbar.
Dieses Versorgungsnetz trägt sich wirtschaftlich nur, weil die Arzneimittelabgabe in Apotheken stattfindet. Wird ein relevanter Teil dieser Abgabe dauerhaft in ­Ordinationen verlagert, entzieht das den Apotheken schrittweise die wirtschaftliche Grundlage – und damit die Basis für Lagerhaltung, Personal und Bereitschaftsdienste. Was zunächst wie eine harmlose Ergänzung klingt, kann mittelfristig Apotheken schließen lassen und das Versorgungsnetz ausdünnen. Am stärksten träfe das jene, die verlässliche Erreichbarkeit am meisten brauchen: chronisch Kranke, ältere Menschen, vulnerable Gruppen.

Die richtigen Antworten auf die richtigen Fragen

Die tatsächlichen Herausforderungen der Arzneimittelversorgung liegen woanders: in fragilen globalen Lieferketten, in der Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten und in strukturell niedrigen Arzneimittel­preisen. Diese Probleme löst kein Dispensierrecht. Sie erfordern koordinierte politische Maßnahmen auf europäischer Ebene – Lieferkettendiversifizierung, strategische Lagerhaltung, Rückverlagerung von Teilen der Arznei­mittelproduktion nach Europa.
Was bereits heute funktioniert: Mit der ApoApp der Österreichischen Apothekerkammer finden Patient:innen in Echtzeit die nächste Apotheke in ihrer Nähe, die ein bestimmtes Präparat vorrätig hat – schnell, verlässlich und niederschwellig.

“Wer Apotheken die Grundlage entzieht, fördert nicht die Gesundheitsversorgung. Er zerstört sie – langsam, aber sicher. Und die, die das am härtesten trifft, sind nicht die Ärztinnen und Ärzte, sondern die Patientinnen und Patienten.“
Priv.-Doz. DDr. Philipp Saiko  Präsident der Wiener Apothekerkammer

Quellen

1   Fischer MA, et al.: Primary Medication Non-Adherence: analysis of 195,930 Electronic Prescriptions. J Gen Intern Med 2010; 25(4): 284–290
2   Pottegård A, et al.: Primary non-adherence in general practice: a Danish register-based study. Eur J Clin Pharmacol 2014; 70(6): 757–763
3   Cheen MHH, et al.: Prevalence of and factors associated with primary medication non-adherence in chronic disease: 
a systematic review and meta-analysis. Int J Clin Pract 2019; 73(6): e13350
4   Müller T, et al.: Rents for pills: financial incentives and physician behavior. J Health Econ 2023; 87: 102711 
5   Kaiser B: Analyse zur Rolle der Selbstdispensation im praxisambulanten Bereich. BSS Volkswirtschaftliche Beratung im Auftrag von santésuisse, 2024
Weitere Literatur auf Anfrage

Text: Mag. pharm. Irene Senn, PhD & Mag. pharm. Dr. Angelika Chlud

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