Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer

„Prävention in Österreich muss generell neu gedacht und organisiert werden“

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Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr © Martin Hörmandinger
Apothekerkammer-Präsidentin Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr im Gespräch mit der APA. © Martin Hörmandinger

ÖAZ Die Apothekengesetznovelle brachte 2024/25 erweiterte Öffnungszeiten und die Möglichkeit, vielfältige Gesundheitstests anzubieten. Wie haben sich diese neuen Befugnisse im Apothekenalltag bewährt – und wo sehen Sie noch Hürden bei der Umsetzung?
Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr Die Apothekengesetznovelle hilft uns, die Menschen noch besser zu versorgen. Mit der Flexibilisierung der Öffnungszeiten wurde eine langjährige Forderung umgesetzt. So können die Apotheker:innen noch umfassender für die Bevölkerung da sein, wenn Versorgung dringend benötigt wird. Die Menschen in Österreich können sich innerhalb des kriselnden Gesundheitssystems immer auf die Apothekerschaft verlassen. Und das nicht erst dann, wenn eine Erkrankung bereits vorliegt. Das pharmazeutische Leistungsspektrum umfasst jetzt auch Gesundheitstests auf höchstem medizinischen Niveau im Bereich der Herz-Kreislauf- und Infektionskrankheiten sowie Screenings zur Diabetes-Früherkennung. Aber: Prävention in Österreich muss generell neu gedacht und organisiert werden. Wir haben dazu klare und detaillierte Vorschläge unterbreitet – von der Initiierung eines interdisziplinär besetzten „Nationalen Präventionsgremiums“ über die Formulierung einer bundesweiten Präventionsstrategie bis hin zur Schaffung eines persönlichen Präventionskontos. Was es jetzt noch braucht, ist der politische Wille zur Umsetzung, damit Prävention nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Denn klar ist: Präventionsarbeit – egal in welcher Form – entlastet das Gesundheitssystem, verbessert die Gesundheit der Bevölkerung und spart wertvolle Ressourcen.

ÖAZ Apotheken sollen laut Regierungsprogramm als „Gesundheitslotsen“ etabliert werden. Was braucht es konkret, damit Apotheken 2026 diese Rolle wirklich ausfüllen können?
Mursch-Edlmayr Statt über Ambulanzgebühren zu diskutieren, müssen wir den Menschen eine gute und einfach erreichbare Alternative und Orientierung im Gesundheitssystem anbieten. Apotheken sind wohnortnah, niederschwellig und immer da – und zwar am Land und in der Stadt. Apotheken sind die einzige Gesundheitsinstitution, die so flächendeckend verteilt ist und die es ermöglicht, ohne Termin von einer akademischen Gesundheitsfachkraft persönlich beraten und versorgt zu werden. Die Apotheken sind prädestiniert, bei der Patientensteuerung eine führende Rolle zu übernehmen. Nur wenn Politik und Sozialversicherung die Potenziale der Apotheken zur Optimierung der Patientenpfade gezielt nutzen, lässt sich das im Zuge der Gesundheitsreform formulierte Ziel „digital vor ambulant vor stationär“ erreichen. Damit diese Aufgabe im Sinne der Patientenversorgung optimal erfüllt und bedarfsgerecht erweitert werden kann, ist es höchste Zeit, dass diese verantwortungsvolle und systementlastende Rolle auch als Leistung anerkannt und finanziell honoriert wird. Denn mit den Apotheken als Lotsen wird nicht nur die Versorgung verbessert, wir helfen damit auch, überlastete medizinische Ressourcen im intra- und extramuralen Bereich zu entlasten und unnötige Kosten im medizinischen Bereich zu senken.

ÖAZ Etwa 3.000 qualifizierte Apotheker:innen stehen bereit, um Impfungen durchzuführen. Der entsprechende Antrag im Gesundheitsausschuss wurde bereits dutzende Male vertagt, zuletzt im Dezember 2025. Welche Schritte plant die Apothekerkammer für 2026, um das Thema Impfen in Apotheken voranzubringen?
Mursch-Edlmayr Für mich ist klar: Nur mit einem zusätzlichen Impf-Angebot in den Apotheken wird es möglich sein, die niedrigen Durchimpfungsraten in Österreich zu steigern. Rund 3.000 intensiv ausgebildete Apotheker:innen könnten quasi morgen Auffrischungsimpfungen gegen Influenza, COVID-19 oder FSME anbieten, wenn der Gesetzgeber die Basis dafür schafft. Die Kompetenz der Apothekerschaft steht außer Zweifel, das hat auch die Ärztekammer zuletzt bekundet. Allerdings ist das Impfen in der Apotheke kein Eintauschobjekt gegen die Wünsche anderer. Die Gesundheitspolitik ist kein Basar. Impfungen in Apotheken sind ein internationales Erfolgsmodell. Ich bin überzeugt, dass es auch bei uns nur noch eine Frage des „Wann“, aber nicht mehr des „Ob“ ist. Es gibt keine erfolgreichere Präventionsmaßnahme als Impfungen. Daher begrüßen wir es auch ausdrücklich, dass die Öffentlichen Impfprogramme sukzessive ausgebaut werden. Damit diese gelingen und die Durchimpfungsraten erhöhen, müssen die Apotheken als Impfstellen in das Öffentliche Impfprogramm aufgenommen werden. Und auch bei der Distribution der Impfstoffe ist die Etablierung bürokratischer Parallelsysteme unter Umgehung der bewährten Vertriebswege zu vermeiden. Die Versorgungskette vom Großhandel über die Apotheken bis zu den Ärzt:innen hat sich über Jahrzehnte erfolgreich bewährt und muss in Zukunft auch für das Öffentliche Impfprogramm eingehalten werden. 

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