ÖAZ Mehrere hundert Medikamente sind aktuell nicht verfügbar, gleichzeitig steigen Herstellkosten und regulatorische Anforderungen. Der Ministerratsbeschluss vom 18. November 2025 verlängert das Preisband bis 2029 – ist das Planungssicherheit oder Todesstoß für günstige Medikamente?
Dr. Wolfgang Andiel Die Lage der Lieferengpässe hat sich entspannt, vor allem bei saisonalen Medikamenten. An den ökonomischen Ursachen hat sich jedoch nichts geändert. Maßnahmen wie das Vertriebseinschränkungsregister und die Bevorratungsverordnung sind lediglich symptomatisch, nicht ursächlich. Die verlängerten Preisband- und Preisbildungsregelungen schaffen etwas Planungssicherheit, reichen aber nicht aus. Die Kostenschere öffnet sich weiter – wir brauchen daher bessere Möglichkeiten zu Preisanpassungen an steigende Kosten sowie mehr Flexibilität bei den Preisen unter der Rezeptgebühr. Auch für Patentabläufe aus der gelben Box benötigen wir Planungssicherheit für neue Generika. Soll deren Aufnahme in die grüne Box erfolgen, drohen unkalkulierbare zusätzliche Preisabschläge – das muss sich ändern.
Wenn die EU die Förderung europäischer Produktion anstrebt, ist das zu begrüßen. Dafür braucht es aber auch marktseitige Maßnahmen: Versorgungs- und Resilienz-Kriterien müssen in die Erstattungspreisbildung einfließen, EU-Anteile bei Wirkstoff- und Fertigprodukten sollten belohnt werden.
ÖAZ Was kann die Apothekerschaft dazu beitragen, das Bewusstsein der Patient:innen für Generika zu schärfen? Sehen Sie Bedarf an mehr Aufklärung, damit günstige Medikamente nicht zu Unrecht ein Imageproblem haben?
Andiel Wir haben im Frühjahr 2025 gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Triple M im Rahmen verschiedener Fokusgruppen dieses Thema genauer beleuchtet. Apotheker:innen berichten von einem sehr hohen Aufklärungsbedarf der Patient:innen, vor allem wenn es um Umstellungen oder veränderte Darreichungsformen geht. Diese Aufklärung erfolgt auch – aber unter hohem zeitlichen Druck und organisatorischem Aufwand. Gute Abstimmung zwischen Ärzt:innen, Apotheken und Spitälern ist daher aus unserer Sicht essenziell. Die Ergebnisse der Fokusgruppen haben uns das bestätigt, was wir in unserer täglichen Arbeit erleben: Es braucht noch immer viel Aufklärung. Generika sind sichere, lebenswichtige Arzneimittel – aber das ist noch nicht allen bewusst.
ÖAZ Angesichts häufiger Lieferengpässe: Befürworten Sie, dass Apotheker:innen in Zukunft fehlende Medikamente durch wirkstoffgleiche Generika eigenmächtig substituieren dürfen? Sollte es mehr Spielraum geben, um Patient:innen rasch Alternativen anzubieten?
Andiel Das Ziel, mit einer aut-idem-Substitution die Patient:innen besser zu versorgen, ist in Österreich nicht umsetzbar. Eine solche Maßnahme ist zwingend verknüpft mit ökonomischen Abgaberegeln, die der Dachverband per Richtlinie festlegt. Bei mehreren gleichwertigen Alternativen muss stets die günstigere, letztlich die billigste, abgegeben werden. Dies erhöht den Preisdruck auf Generika massiv, gefährdet die Verfügbarkeit vieler Produkte und führt zu ständigen Umstellungen für Patient:innen.