Differenzialdiagnose Kopfschmerz

Wenn nicht Migräne, was dann?

Mag. pharm Alexander Schmidt-Ilsinger, MSc
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Kopfschmerzformen im Überblick 

Migräne äußert sich typischerweise durch halbseitige, pulsierende Kopfschmerzen mit Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie teils vorausgehender Aura. Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist mit einer 1-Jahres-Prävalenz von rund 10 % (Frauen) bzw. 6,5 % (Männer) die häufigste Kopfschmerzform. Der Schmerz ist hier beidseitig, dumpf-drückend und ohne vegetative Begleitsymptome wie Erbrechen. Der deutlich seltenere Clusterkopfschmerz ist demgegenüber streng einseitig-periorbital, extrem heftig, dauert nur 15–180 Minuten und geht mit autonomen Symptomen (Tränenfluss, rotes Auge) sowie Bewegungsdrang statt Rückzugsbedürfnis einher.

Therapie: Begrenzen statt eskalieren 

Beim Spannungskopfschmerz sind Paracetamol, ASS und Ibuprofen Akutmittel der ersten Wahl. Die maximale Einnahmedauer sollte auf 10–15 Einnahmetage/Monat beschränkt sein. Bei chronischem Verlauf (≥ 15 Tage/Monat über > 3 Monate) kann eine Prophylaxe mit Amitriptylin erwogen werden. Gerade bei Amitriptylin sollte der Einsatz jedoch immer gegen die häufig damit einhergehenden Neben- und Wechselwirkungen abgewogen werden. Nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Ausdauertraining oder Entspannungsverfahren werden in den Leitlinien ebenfalls als prophylaktische Maßnahmen empfohlen. Beim Clusterkopfschmerz sind orale Analgetika wegen der kurzen Attacken-Dauer wirkungslos. Das Mittel der Wahl zur Akuttherapie sind subkutanes Sumatriptan oder nasal appliziertes Zolmitriptan bzw. Sauerstoffinhalation. Als Prophylaktikum erster Wahl wird in den Leitlinien Verapamil genannt. 

“Kopfschmerzen sind eine ‚Parade-Indikation‘ dafür, wie komplex eine Beratung durch uns Apotheker:innen sein kann. Neben der Frage nach der Schmerzform an sich und der Schmerzdauer wollen auch Faktoren wie UAWs und möglicher Schmerzmittelabusus, Bluthochdruck, Zahn- oder Kieferprobleme, Infekte, Dehydratation etc., aber auch psychosomatische Aspekte, Stressbelastung, Schlafprobleme und Persönlichkeitstyp berücksichtigt werden. Unsere Kompetenz ist hier gefragt!“
Mag. pharm. Raimund Podroschko 1. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Gefahr von NSAR-Übergebrauch

Wird ein Analgetikum als unzureichend wirksam erlebt, wechseln viele Betroffene zwischen mehreren NSAR (z. B. Ibuprofen, ASS, Naproxen) oder kombinieren diese sogar. Ein Zusatznutzen entsteht dadurch nicht – der Ceiling-Effekt der COX-Hemmung ist bereits mit einem Präparat in ausreichender Dosis erreicht –, wohl aber ein additives Risiko für gastrointestinale Blutungen, Nierenschäden und kardiovaskuläre Ereignisse. Besonders riskant ist die Kombination von NSAR mit ACE-Hemmern/Sartanen und Diuretika bei Hypertonie – der sogenannte „Triple Whammy“: Volumenmangel durch das Diuretikum, Dilatation des efferenten Arteriols durch den ACE-Hemmer sowie Hemmung der kompensatorischen Prostaglandin-Dilatation des afferenten Arteriols durch das NSAR erhöhen gemeinsam das Risiko für akutes Nierenversagen. Ab ≥ 15 Einnahmetagen/Monat (bzw. ≥ 10 bei Kombinationspräparaten) über mehr als drei Monate droht zudem ein Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch, welcher in der Praxis oft schwer vom klassischen Spannungskopfschmerz zu unterscheiden ist. 

“Es ist zunächst zu unterscheiden, ob die Kopfschmerzen nur gelegentlich und mit leichter bzw. mittlerer Stärke auftreten oder ob sie häufig und stark sind. Im ersteren Fall können im Wege der Selbstmedikation bereits bewährte Arzneimittel zum Einsatz kommen, im zweiteren bedarf es zunächst einer profunden Diagnostik. In beiden Fällen erfolgt die Therapieumsetzung mit apothekerlicher Beratung, geht es doch auch um etwaige Arzneimittel-Wechselwirkungen und um nichtmedikamentöse Therapieelemente.“
Mag. pharm. Dr. Gerhard Kobinger 2. Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer

Fazit für die Apotheke 

Bei wiederkehrendem Kopfschmerz zählen sowohl die Differenzialdiagnose (Lokalisation, Begleitsymptome, Verhalten in der Attacke) als auch die tatsächliche Einnahmehäufigkeit und -kombination von Schmerzmitteln, besonders im Kontext der Gesamtmedikation. In der Apotheke sollten häufiger NSAR-Gebrauch (v. a. in Kombination) sowie Wechsel innerhalb der Substanzklasse als Alarmsignale erkannt werden.

hintergrundinformationen:
fall des monats september

Frau Christine W., 52 Jahre, Angestellte im Kundenservice, kommt an einem Freitagnachmittag in ihre Stammapotheke und möchte „irgendein starkes Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen“. Seit rund acht Jahren leidet sie an wiederkehrenden, beidseitigen, drückenden Kopfschmerzen, die sich in den letzten Monaten deutlich häufen – aktuell an etwa 18 bis 20 Tagen im Monat. Um die Schmerzen in den Griff zu bekommen, nimmt sie abwechselnd Ibuprofen, ASS und Naproxen ein. Wenn ein Präparat „nicht schnell genug wirkt“, ergänzt sie gelegentlich ein zweites NSAR. Eine strukturierte Abklärung der Kopfschmerzen hat bislang nicht stattgefunden.

Vor fünf Tagen ist Frau W. von einer zweiwöchigen Safarireise aus Südafrika (Region Kruger-Nationalpark, Malaria-Risikogebiet) zurückgekehrt. Reisemedizinisch wurde ihr Atovaquon/Proguanil als Chemoprophylaxe verordnet, die sie planmäßig auch nach der Rückkehr noch für zwei weitere Tage fortsetzt. Sie fragt in der Apotheke sicherheitshalber nach, ob sie die Malariaprophylaxe und ihre Schmerzmittel gleichzeitig einnehmen darf. Wegen einer Adipositas spritzt sie sich außerdem seit einigen Monaten einmal wöchentlich Semaglutid, was sie gut verträgt.

Bekannte Vorerkrankungen
Arterielle Hypertonie, Adipositas Grad I

Aktuelle Medikationsliste (lt. ELGA & Kundenkartei)
Ramipril/HCT Tbl. 5/12,5 mg 1-0-0-0
Semaglutid 1 mg Injlsg. im Fertigpen 1 x wöchentlich s.c. (Mo)
Ibuprofen Tbl. 400 mg b. Bed. bis 1–2 Tbl. täglich
ASS Tbl. 500 mg b. Bed. bis 1–2 Tbl. täglich
Naproxen Tbl. 200 mg b. Bed. Bis 1–2 Tbl. täglich
Atovaquon/Proguanil Tbl. 250/100 mg 1-0-0-0 (noch für 2d)

Den kompletten Fall inkl. Auflösung finden Sie auf der e-Learning-Plattform der Österreichischen Apothekerkammer unter www.apofortbildung.at

Quellen

  1. S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp (2023), AWMF-Reg.Nr. 030-077
  2. S1-Leitlinie: Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Prophylaxe von Cluster-Kopfschmerz, anderen trigemino-autonomen Kopfschmerzen, schlafgebundenem Kopfschmerz und idiopathisch stechenden Kopfschmerzen (2015)
  3. AMBOSS: Clusterkopfschmerz / Spannungskopfschmerz. Wissen für Mediziner 2026

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