Die Begriffe Unfruchtbarkeit, Infertilität und Sterilität werden dabei nicht immer einheitlich verwendet und sollten daher nicht zu streng voneinander abgegrenzt werden. Generell können die Ursachen sowohl bei Männern als auch bei Frauen liegen. So finden sich in etwa einem Drittel der Fälle überwiegend weibliche und in einem weiteren Drittel überwiegend männliche Faktoren. Bei einem weiteren Teil sind beide beteiligt, während in manchen Fällen keine eindeutige Ursache festgestellt werden kann. Bei Männern zeigt sich eine eingeschränkte Fruchtbarkeit häufig durch eine verringerte Spermienqualität, beispielsweise eine verminderte Beweglichkeit, oder eine zu geringe Spermienproduktion beziehungsweise Spermienzahl im Ejakulat.
Bei Frauen zählen unter anderem Störungen der Eierstöcke und des Eisprungs, Veränderungen der Eileiter sowie Erkrankungen wie Endometriose oder das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) zu häufigen Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch. Zusätzlich können auch Lebensstilfaktoren wie Nikotin, Drogenkonsum und starkes Übergewicht einen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit beider Geschlechter haben.
Auch Abläufe im Rahmen einer künstlichen Befruchtung können Einfluss darauf haben, wie viele Eizellen letztlich für eine weitere Behandlung zur Verfügung stehen. Eine 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Studie untersuchte, ob bei der herkömmlichen manuellen Suche in der Follikelflüssigkeit Eizellen übersehen werden können. Vor einer In-vitro-Fertilisation (IVF) werden die Eierstöcke zunächst mit Hormonen stimuliert, damit mehrere Eibläschen, sogenannte Follikel, gleichzeitig heranreifen. In diesen Follikeln befinden sich die Eizellen, umgeben von Follikelflüssigkeit. Sind die Follikel ausreichend entwickelt, werden sie punktiert und die Flüssigkeit abgesaugt. Anschließend suchen Embryolog:innen darin unter dem Mikroskop nach den enthaltenen Eizellen. In der Studie wurde bereits kontrollierte und eigentlich zur Entsorgung vorgesehene Follikelflüssigkeit von 582 IVF-Patient:innen mithilfe eines mikrofluidischen Verfahrens erneut untersucht. Dabei wird die Follikelflüssigkeit durch einen speziellen Chip mit sehr feinen Kanälen geleitet, der die enthaltenen Eizellen gezielt zurückhält beziehungsweise herausfiltert. Dabei konnten zusätzliche Eizellen gefunden werden, die bei der konventionellen Suche nicht entdeckt worden waren.
In einer kleineren klinischen Pilotgruppe wurden bei mehr als der Hälfte der Patient:innen zusätzliche Eizellen identifiziert. Ein Teil davon war bereits reif und konnte für eine Befruchtung verwendet werden. Aus einer auf diese Weise zusätzlich gewonnenen Eizelle entstand sogar ein Embryo, der nach dem Transfer zu einer Lebendgeburt führte.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei einer IVF möglicherweise nicht nur die Anzahl der gebildeten Eizellen entscheidend ist, sondern auch, wie zuverlässig diese nach der Punktion aus der Follikelflüssigkeit gewonnen werden. Ob ein solches Verfahren jedoch tatsächlich die Schwangerschafts- oder Lebendgeburtenrate erhöht, muss erst in größeren Studien untersucht werden.
Quelle
Mutlu BR, et al.: Microfluidic automation improves oocyte recovery from follicular fluid of patients undergoing in vitro fertilization. Nat Med 2026; 32: 906–914