Das Schicksal der eingangs beschriebenen Patientin steht stellvertretend für eine immense globale Ungleichheit: Betrachtet man die weltweite Lage, so teilen rund 4,5 Milliarden Menschen diese Erfahrung und haben keinen verlässlichen Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung.1 Verschärft wird diese ohnehin fragile Lage durch globale Krisenherde: Im Jahr 2025 befanden sich über 117 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht2 – vertrieben durch bewaffnete Konflikte, interethnische Gewalt oder politische Verfolgung. Zunehmend zwingen auch die Folgen des Klimawandels die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat: Andauernde Dürren, Überschwemmungen und Extremwetterereignisse zerstören in vielen Regionen die Lebensgrundlage dauerhaft.
Zahlreiche Länder sind jedoch kaum in der Lage, diese multiplen Krisen aus eigener Kraft zu bewältigen: Sie verfügen weder über belastbare Gesundheitssysteme noch über ausreichend qualifiziertes Personal oder verlässliche Lieferketten zur Bereitstellung essenzieller Arzneimittel. Korruption, politische Interessen oder die Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen verschärfen diese Lücken zusätzlich. Vor diesem Hintergrund übernehmen humanitäre Organisationen eine zentrale Rolle, indem sie versuchen, den Zugang zu medizinischer Versorgung für alle Bevölkerungsgruppen sicherzustellen.
Pharmazie in Krisengebieten
Der Autor Mag. pharm. Michael Zeier, aHPh, war für die humanitäre Organisation „Ärzte ohne Grenzen“/Médecins Sans Frontières (MSF) auf mehreren internationalen Einsätzen tätig, unter anderem in Sierra Leone am MSF Mother & Child Hospital in Kenema, im Kunduz Trauma Center (KTC) in Afghanistan sowie im Sudan in der Region Süd-Kordofan im Rahmen einer kurzfristigen Notfallintervention.
Mag. pharm. Michael Zeier, aHPh
Krankenhausapotheker in Wien
Schlüsselfunktion in Krisengebieten
Dass Apotheker:innen in humanitären Hilfsprojekten oft Schlüsselfunktionen einnehmen, ist vielen nicht bewusst. Da in vielen Einsatzländern die konstante Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Arzneimittel nicht gewährleistet werden kann, müssen diese importiert werden. Der Import ist dabei ein bürokratischer Kraftakt: Paradoxerweise liegt die Herausforderung oft nicht in strikten Gesetzen, sondern im Fehlen verlässlicher Regularien oder deren willkürlicher Auslegung vor Ort. Apotheker:innen müssen daher in der Lage sein, in diesem unsicheren Umfeld fachlich fundiert mit Behörden zu verhandeln, um die Einfuhr lebenswichtiger Güter überhaupt zu ermöglichen.
Koordination unter Extrembedingungen
Aufgrund dieser Herausforderungen benötigen Lieferungen nicht selten mehrere Monate bis hin zu einem Jahr, um ans Ziel zu kommen. Dementsprechend werden viele humanitäre Projekte nur drei- bis viermal pro Jahr beliefert. Eine Bestellung muss extrem vorausschauend geplant werden – kurzfristige Änderungen sind nach Absenden faktisch unmöglich. Ein kleiner Fehler kann monatelange Versorgungslücken zur Folge haben. Darum durchläuft jede internationale Bestellung auch mehrere organisationsinterne Bewilligungsebenen bis hin zur finalen Freigabe.
Um eine solche Bestellung adäquat planen zu können, übernehmen Apotheker:innen die Rolle der Koordinierenden: Sie stimmen sich eng mit den medizinischen Stakeholdern im Projekt ab und analysieren gemeinsam bestehende und geplante medizinische Aktivitäten. In diese Analyse fließen die epidemiologische Situation sowie gegebenenfalls saisonale Muster der vorherrschenden Krankheitsbilder ein. Relevant sind etwa Malaria-Peaks oder die sogenannte „Lean Season“, welche durch erhöhte Ernährungsunsicherheit oft zu einem drastischen Anstieg von Mangelernährung und Infektionskrankheiten führt, wovon Kinder besonders schwer betroffen sind.
Training und Qualitätssicherung
Neben der strategischen Planung und der Sicherstellung der Lieferkette übernehmen Apotheker:innen auch eine zentrale Rolle im Teammanagement. Der Fokus liegt dabei auf nachhaltigem Capacity Building: Gemeinsam mit dem lokalen Personal werden Prozesse optimiert und pharmazeutisches Wissen aufgebaut. Dies beinhaltet nicht nur die fachliche Supervision, sondern vor allem das „Training on the Job“ – etwa zum sicheren Umgang mit Hochrisikoarzneimitteln oder zur Umsetzung einfacher klinisch-pharmazeutischer Interventionen. Ziel ist es, nachhaltiges Know-how zu schaffen, welches auch nach Übergabe eines Projekts an die nationalen Behörden und Abreise des internationalen Personals Bestand hat.
Doch auch wenn klinische Aspekte an Bedeutung gewinnen: Das fundamentale Rückgrat der pharmazeutischen Tätigkeit im humanitären Sektor bilden weiterhin Verbrauchserfassung und Qualitätssicherung. Denn nur durch die Einhaltung der vorgegebenen Lagerungs- und Transportbedingungen sowie durch die Überwachung des rationalen Gebrauchs von Arzneimitteln kann sichergestellt werden, dass die mühsam importierten Medikamente über die Laufzeit einer Bestellung in ausreichender Menge vorhanden sind und auch ihre Wirksamkeit behalten, bis sie die Patient:innen erreichen.
Apotheker ohne Grenzen Österreich
Der gemeinnützige Verein Apotheker ohne Grenzen Österreich (AoG Ö) wurde 2017 nach dem Vorbild der „Pharmaciens Sans Frontières“ gegründet. AoG Ö leistet sowohl Akuthilfe im Katastrophenfall als auch Entwicklungszusammenarbeit in längerfristigen Projekten.
Einsatz im Krisengebiet
Um für AoG Ö in den Nothilfeeinsatz zu gehen, sind die Vereinsmitgliedschaft, die erfolgreiche Absolvierung der Einsatzkräfteschulungen (I & II) sowie die persönliche
Eignung (Sprachkenntnisse, Impfstatus) Voraussetzung. Die Einsatzdauer beträgt ca. zwei Wochen. Dieser Zeitraum wurde gewählt, um Berufstätigen die Teilnahme im Rahmen von Urlaub oder Freistellung zu ermöglichen. Die Tätigkeit erfolgt ehrenamtlich; Reise-, Versicherungs- und Einsatzkosten werden aber vom Verein übernommen.
Vielfältiges Engagement
Da Nothilfeeinsätze unregelmäßig stattfinden, bietet der Verein auch andere
Möglichkeiten, sich einzubringen:
• Öffentlichkeitsarbeit: Informationstätigkeit auf Kongressen und Fortbildungen.
• Training: Unterstützung bei den Einsatzkräfteschulungen.
• Fundraising: Organisation von Spendenaktionen (z. B. Punschstände, Benefizkonzerte, diverse Spendenaktionen in Apotheken).
• Projektarbeit: Leitung oder Unterstützung eines der längerfristigen Projekte.
Die Mitgliedschaft ist sehr facettenreich und bietet viele Wege, humanitäre Hilfe zu unterstützen.
Kontraste zur apothekerlichen Tätigkeit in Österreich
Während Apotheker:innen auch in Österreich mit der Nichtlieferbarkeit vieler Arzneimittel zu kämpfen haben, hat die Verfügbarkeitsproblematik in humanitären Projekten eine existentielle Dimension: Wie lässt sich der Krankenhausbetrieb aufrechterhalten, wenn die Lieferung mit lebenswichtigen Opioidanalgetika seit Monaten im Zoll feststeckt? Welche Optionen bleiben, wenn die Station für Schwerverbrannte die Monatsration an Verbandstoffen innerhalb weniger Wochen verbraucht und damit die Versorgung der anderen Stationen gefährdet? Nachbestellen? Das ist theoretisch möglich – doch die Lieferung trifft erst mehrere Monate später ein.
Diese Mangelverwaltung ist mehr als eine reine Rechenaufgabe; sie wird oft zur ethischen Zerreißprobe: Das Wissen um die medizinisch richtige Behandlung trifft auf die schmerzhafte Realität, dass diese aufgrund fehlender Ressourcen nicht durchführbar ist. In diesem Spannungsfeld fungiert das Team als entscheidender Anker. Da Sicherheitsregeln oft ein Leben auf engstem Raum im sogenannten „Compound“ erzwingen, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben völlig. Man teilt die Ohnmacht über das Unmögliche ebenso wie die Freude über das erfolgreich Improvisierte, und immer wieder entstehen aus Arbeitsbeziehungen Freundschaften. Genau dieser intensive Zusammenhalt schafft jene Resilienz, die notwendig ist, um am nächsten Tag trotz widrigster Bedingungen weiterzuarbeiten.
Fazit: Ein Perspektivenwechsel
Der Einsatz als Apotheker:in in der humanitären Hilfe ist kein Abenteuerurlaub, sondern harte Arbeit unter oft widrigen Bedingungen. Man verzichtet auf Privatsphäre, Komfort und Sicherheit. Doch die Tätigkeit erdet ungemein. Sie schärft den Blick für das Wesentliche und relativiert die Probleme des heimischen Alltags. Wer einmal erlebt hat, wie wertvoll eine einzige, rechtzeitig verfügbare Ampulle Ceftriaxon sein kann, betrachtet das österreichische Versorgungssystem mit anderen Augen. Man lernt, Ressourcen wertzuschätzen und zu improvisieren. Letztlich ist es die Rückkehr zur Essenz des Apothekerberufs: Heilmittel dort bereitzustellen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Quellen
1 https://www.who.int/news/item/18-09-2023-billions-left-behind-on-the-path-to-universal-health-coverage (letzter Zugriff: 01.01.2026)
2 https://www.unhcr.org/mid-year-trends?gad_source=1&gad_campaignid=22524919840&gbraid=0AAAAArCUaL7oV-kk2lgCfn99gbv89-FQI (letzter Zugriff: 01.01.2026)