Die Lidrandhygiene ist ein zentraler Bestandteil im Management entzündlicher Lidranderkrankungen wie Blepharitis und Meibom-Drüsen-Dysfunktion (Meibomian Gland Dysfunction, MGD). Diese Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen für chronische Augenreizung, Trockenheit und damit einhergehend reduzierte Lebensqualität. Die Behandlung basiert primär auf hygienischen Maßnahmen, Wärmeapplikation und mechanischer Reinigung des Lidrandes, bevor medikamentöse Therapien zum Einsatz kommen.
Bedeutung der Lidrandpflege
Lidrand und Wimpern tragen wesentlich zur Gesundheit des Auges bei, da in diesem Bereich die Meibom-Drüsen liegen. Diese sind für die Produktion der lipidreichen Schicht des Tränenfilms verantwortlich. Diese Fettschicht ist wichtig, weil sie das Verdunsten der Tränenflüssigkeit verlangsamt und damit den Tränenfilm stabil hält. Wenn diese Drüsen nicht richtig funktionieren, spricht man von einer Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MGD) – der Hauptursache des evaporativen trockenen Auges. Eine gestörte Funktion kann daher zu Problemen wie Trockenem Auge, Blepharitis und Verstopfung der Meibom-Drüsen führen, was Reizungen, Rötung und Juckreiz zur Folge haben kann. Eine regelmäßige Reinigung unterstützt also die Entfernung von Schmutz, Make-up-Resten, Talg und abgestorbenen Hautzellen, beugt Infektionen vor und stabilisiert den Tränenfilm, um Trockenheit und Irritationen zu reduzieren.
Blepharitis
Blepharitis ist eine chronische Entzündung des Lidrandes, die mit Rötung, Schuppenbildung, Verklebungen und Reizung einhergeht. Die Ätiologie ist multifaktoriell, umfasst bakterielle Besiedelung, Dysfunktion der Meibomschen Drüsen, Hauterkrankungen wie seborrhoische Dermatitis und Demodex-Milbenbefall. Bei MGD ist die Sekretabgabe der Meibomschen Drüsen gestört, was zu instabilem Tränenfilm, erhöhter Verdunstung und Reizung führt. Eine funktionelle Normalisierung der Drüsenaktivität ist therapeutisches Ziel.
Grundprinzipien
• Ansammlungen von Schuppen, Sekret und Biofilm zu entfernen, die Bakterienwachstum begünstigen
• Bakterielle Lipasen zu reduzieren, welche die Meibumzusammensetzung schädigen
• Demodex-Belastung zu senken
• Die meibomische Sekretion zu fördern und den Tränenfilm zu stabilisieren
Standardmaßnahmen
• Warme Kompressen (5–10 Minuten), um Verkrustungen zu erweichen und Meibum zu verflüssigen
• Mechanische Reinigung der Lidkante mit geeigneten Reinigungslösungen oder tüchern
• Massage des Lidrands zur Förderung des Meibumausflusses.
Empfohlene Produkte
Geeignet sind milde, pH-neutrale Reinigungsprodukte, die frei von aggressiven Tensiden oder Duftstoffen sind. Es stehen gebrauchsfertige Lidrandreiniger wie sterile Tücher, Reinigunsgele, Reinigungslösungen auf Mizellen-Basis oder antimikrobielle Lösungen zur Verfügung. Letztere kommen bei bakterieller Besiedlung oder chronischer Blepharitis zum Einsatz. Die Produkte sollten augenverträglich, konservierungsmittelarm und steril sein, um Reizungen und Infektionen zu vermeiden. Die Basis aller Lidpflegeprodukte ist Wasser, gemeinsam mit reinigenden und feuchtigkeitsspendenden Komponenten. Milde Tenside lösen sanft Sekrete und Krusten, ohne die Haut stark zu irritieren. Glycerin, Hyaluronsäure und Aloe vera spenden Feuchtigkeit und beruhigen die Haut. Unterstützend und beruhigend bei gereizter Haut wirken zum Beispiel Ectonin, D-Panthenol und pflanzliche Extrakte aus Euphrasia.
Reinigungstechnik
Ebenso wichtig wie ein passendes Produkt ist die richtige Reinigungstechnik. Hier können warme Kompressen (Anwendung 5 bis 10 Minuten) die Meibom-Drüsen öffnen und das Abfließen des Sekrets erleichtern. Sanftes Massieren des Lidrandes entlang der Wimpernlinie unterstützt ebenfalls die Sekretproduktion und den Abfluss. Eine praktische Anwendung bieten auch Wärmebrillen, die ein feuchtes, warmes Klima direkt am Auge erzeugen und dadurch verdickte Meibom-Sekrete verflüssigen. Es kommt zu einer Verbesserung der Tränenfilmqualität, Reduzierung der Verdunstung, Linderung von Symptomen bei Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MGD), Hagelkorn, Blepharitis und okulärer Rosazea. Nicht anwenden sollte man derartige Medizinprodukte bei akuten Augenentzündungen, Verletzungen oder kurz nach Augenoperationen.
Mehr Tragekomfort durch Lidrandhygiene
Regelmäßig durchgeführte Lidrandhygiene kann bei Kontaktlinsenträger:innen:
• Verstopfte Meibom-Drüsen öffnen und die Lipidsekretion verbessern
• Bakterielle Belastung und entzündliche Mediatoren reduzieren
• Die Stabilität des Tränenfilms erhöhen
• Symptome des Trockenen Auges lindern
• Die Kontaktlinsenverträglichkeit und damit Tragezeit verlängern
Risiken
Obwohl Lidrandhygiene in der Regel gut verträglich ist, sollten Pharmazeut:innen auf mögliche Probleme hinweisen. So kann es beispielsweise zu Kontaktdermatitis oder Reizung bei zu aggressiven Tensiden oder ätherischen Ölen kommen. Übermäßige mechanische Reibung kann Beschwerden verschlechtern oder es können allergische Reaktionen auf Inhaltsstoffe auftreten.
Im Anschluss an die Wärmeanwendung wird eine Lidrandmassage und -reinigung empfohlen. Die Reinigung sollte immer entlang des Lidrandes bei geschlossenem Auge von innen nach außen erfolgen. Auch eine gewisse Regelmäßigkeit ist wesentlich. Besonders bei trockenem Auge, Kontaktlinsenträger:innen oder chronischer Blepharitis sollte die Reinigung täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich erfolgen. Patient:innen, die Lidrandhygiene über einen längeren Zeitraum fortsetzten, zeigen signifikante Verbesserungen im MGD-Stadium über sechs Monate. Nach Absetzen der Hygiene verschlechtert sich der MGD-Status allerdings wieder.
Postoperative Augenhygiene
Die Pflege und Reinigung nach Operationen hat aus ophthalmologischer Sicht einen hohen Stellenwert, da sie hilft, Komplikationen zu vermeiden und die Heilung zu fördern. Der Tränenfilm wird dadurch stabilisiert und postoperative Beschwerden reduziert. Nach Augenoperationen wie Kataraktoperation, Augenlaser-Behandlung (LASIK/PRK), Glaukom-Operation oder Lidoperationen dient die Reinigung und Pflege dazu:
• Infektionen zu verhindern: Die Hornhaut und Operationswunden sind anfällig für Keime. Lidrandhygiene reduziert die Besiedelung mit Bakterien wie z. B. Staphylococcus aureus, die zu Endophthalmitis oder Wundinfektionen führen können.
• Die Heilung zu förden: Sekrete, Krusten oder getrocknete Tränen, die die Wundheilung stören könnten, werden entfernt und die normale Funktion des Tränenfilms unterstützt.
• Entzündungen zu reduzieren: Ablagerungen und Krusten können Fremdkörpergefühl und lokale Entzündungsreaktionen verstärken. Sanfte Reinigung reduziert die mechanische Reizung durch diese Ablagerungen.
• Kontrolle von Symptomen: Trockenheit, Brennen und Fremdkörpergefühl, die postoperativ oft auftreten, werden gelindert.
Lidrandhygiene bei Kontaktlinsen
Viele Kontaktlinsenträger:innen klagen über Symptome wie Brennen, Trockenheitsgefühl oder Fremdkörpergefühl mit damit verbundenen reduzierten Tragezeiten. Ein zentraler, häufig unterschätzter Faktor ist der Zustand des Lidrandes und insbesondere die Funktion der Meibom-Drüsen. Die Lidrandhygiene stellt daher eine einfache Maßnahme dar, um die Augengesundheit von Kontaktlinsenträger:innen zu unterstützen. Der Tränenfilm besteht aus drei Schichten: Lipidphase, wässrige Phase und Muzinschicht. Die Lipidphase verhindert das vorzeitige Verdunsten der Tränenflüssigkeit. Bei Kontaktlinsenträger:innen ist diese Schicht besonders relevant, da Kontaktlinsen den Tränenfilm mechanisch und biochemisch beeinflussen. Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MGD) – häufig verursacht durch verstopfte Drüsenöffnungen und entzündliche Veränderungen am Lidrand – gilt als Hauptursache des evaporativen trockenen Auges.
MGD ist bei Kontaktlinsenträger:innen ein zentraler Risikofaktor für Beschwerden und reduzierte Linsenverträglichkeit. Kontaktlinsen können die Blinkfrequenz reduzieren (v. a. bei Bildschirmarbeit), die Zusammensetzung des Tränenfilms verändern, bakterielle Biofilme am Lidrand begünstigen sowie Entzündungen am Lidrand (Blepharitis) verstärken. Ein entzündeter oder verschmutzter Lidrand führt zu einer instabilen Lipidschicht – mit der Folge, dass die Tränen schneller verdunsten. Dies resultiert in typischen Symptomen wie Trockenheits- und Spannungsgefühl, Brennen oder Stechen, Schleiersehen und verkürzter Tragedauer der Kontaktlinsen. Lidrandhygiene erfolgt ohne eingesetzte Kontaktlinsen. Linsen können nach der Anwendung und gegebenenfalls kurzer Wartezeit wieder eingesetzt werden.
Quellen
• Amano S, et al.: Meibomian gland dysfunction clinical practice guidelines. Jpn J Ophthalmol 2023; 67, 448–539
• McCann P, et al.: Prevalence and incidence of dry eye and meibomian gland dysfunction in the United States: A systematic review and meta-analysis. JAMA Ophthalmol 2022; 140(12): 1181-1192
• Guillon M, et al.: Symptomatic relief associated with eyelid hygiene in anterior blepharitis
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• Sim HS, et al.: A randomized, controlled treatment trial of eyelid-warming therapies in meibomian gland dysfunction. Ophthal Ther 2014; 3(1-2): 37-48
• Ahn H, et al.: How long to continue eyelid hygiene to treat meibomian gland dysfunction. J Clin Med 2022; 11(3): 529
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