Ohrengesundheit & In-Ear-Ohrenstöpsel

Krankmacher Kopfhörer

Mag. Christina Altmutter

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Nach Einschätzung der WHO sind weltweit mehr als eine Milliarde junger Menschen durch schädliches Hörverhalten gefährdet.1

Diese Zahl verdeutlicht die Relevanz des Themas für die öffentliche Gesundheit und somit auch für die Beratung in der Apotheke. Hörschäden entwickeln sich dabei meist nicht akut oder dramatisch, sondern schleichend. Gerade dieses langsame Fortschreiten führt dazu, dass erste Anzeichen oft ignoriert oder fehlinterpretiert werden.

Pathophysiologie und Risikofaktoren

Lärminduzierte Hörschäden betreffen primär das Innenohr, insbesondere die Haarzellen in der Gehörschnecke, auch Cochlea genannt. Diese hochspezialisierten Sinneszellen wandeln mechanische Schallreize in elektrische Signale um und werden über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet. Haarzellen können durch übermäßige Belastung geschädigt werden und – einmal zerstört – nicht regenerieren.2

Die Schädigung erfolgt dosisabhängig. Entscheidend ist die Kombination aus Schalldruckpegel und Expositionsdauer. Bereits geringe Pegelerhöhungen können eine sichere Hördauer deutlich verkürzen. 
Laut WHO gilt ein Pegel von etwa 80 Dezibel über viele Stunden hinweg noch als vergleichsweise unkritisch, während bei 90 Dezibel die tolerierbare Expositionszeit deutlich abnimmt.3 Werte darüber hinaus können bereits nach kurzer Zeit irreversible Schäden verursachen.

In der Praxis zeigt sich, dass dieses Wissen bei vielen Nutzer:innen nicht ausreichend vorhanden ist. Insbesondere die subjektive Wahrnehmung von Lautstärke ist trügerisch und wird durch Umgebungsgeräusche zusätzlich beeinflusst.

Frühe Warnzeichen erkennen

Ein wesentliches Problem besteht darin, dass frühe Symptome häufig nicht ernst genommen werden.
Ein typisches Warnzeichen ist etwa ein Tinnitus: Unterschieden werden das akute Lärmtrauma durch kurzzeitigen sehr starken Lärm (z. B. Schüsse, Silvesterkracher, laute Musik oder Rockkonzerte) und das chronische Lärmtrauma durch langzeitige Lärmeinwirkung.4

Außerdem kann es zu einem Druck- oder Völlegefühl im Ohr oder zu Schwierigkeiten beim Sprachverstehen in geräuschvoller Umgebung kommen. Dies kann darauf hindeuten, dass das auditorische System überlastet ist. Für die Apotheken ergibt sich daraus die wichtige Aufgabe, diese frühen Signale aktiv anzusprechen und einzuordnen.

Direkte Schallübertragung problematisch

In-Ear-Kopfhörer weisen gegenüber anderen Kopfhörertypen spezifische Risikofaktoren auf. Der Schall gelangt direkt in den Gehörgang, wodurch das Trommelfell dem Schalldruck fast ungefiltert ausgesetzt ist.

Ein weiterer Aspekt ist, In-Ear Kopfhörer in lärmintensiver Umgebung zu nutzen: etwa im Straßenverkehr oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Um Umgebungsgeräusche zu überdecken, wird die Lautstärke häufig erhöht. Dieser sogenannte „Lombard-Effekt“ führt dazu, dass Nutzer:innen unbewusst höhere Pegel wählen.5

Zusätzlich kommt die oft lange Nutzungsdauer hinzu. Musik begleitet viele Menschen durch den gesamten Tag, wodurch dem Gehör nur unzureichende Erholungsphasen zur Verfügung stehen.
Eine internationale Studie zeigt, dass insbesondere Jugendliche dazu neigen, hohe Lautstärken mit langer Expositionsdauer zu kombinieren.6

Begleitende Beschwerden

Neben der direkten Hörschädigung treten im Zusammenhang mit In-Ear-Kopfhörern weitere Beschwerden auf, die regelmäßig Anlass für Beratungsgespräche in der Apotheke sind: So stellt etwa die Zerumenverlagerung ein häufiges Problem dar. Durch das Einführen der Ohrstöpsel kann Ohrenschmalz tiefer in den Gehörgang gedrückt werden, wodurch die natürliche Selbstreinigung gestört wird. Dies kann zu Verlegungen führen, die sich durch Hörminderung, Druckgefühl oder auch Ohrgeräusche äußern.7

Nicht selten reagieren Betroffene darauf mit einer weiteren Erhöhung der Lautstärke, was die Problematik zusätzlich verstärkt. Ein solcher Kreislauf sollte im Beratungsgespräch gezielt thematisiert werden.

Auch Infektionen des äußeren Gehörgangs (Otitis externa) sind relevant. Das feuchtwarme Milieu im Gehörgang, kombiniert mit mechanischer Reizung durch die Kopfhörer, begünstigt die Keimvermehrung. Hinzu kommt, dass Kopfhörer häufig unzureichend gereinigt oder mit anderen Personen geteilt werden. Dies kann zur Übertragung von Mikroorganismen beitragen. Mechanische Irritationen durch schlecht sitzende Ohrstöpsel können zudem Mikroverletzungen verursachen, die als Eintrittspforte für Infektionen dienen.7

Prävention als zentrale Aufgabe

Die genannten Aspekte machen deutlich, dass die Apotheke eine wichtige Rolle in der Prävention lärminduzierter Hörschäden einnimmt. Niederschwellige Beratungsgespräche ermöglichen es, Bewusstsein zu schaffen und Verhaltensänderungen anzustoßen.

Die WHO empfiehlt im Rahmen der „Make Listening Safe“-Initiative mehrere grundlegende Maßnahmen. Dazu zählt, die Lautstärke zu begrenzen und die Hördauer zu reduzieren.1

Eine praxisnahe Orientierung bietet die sogenannte 60/60-Regel: Die Lautstärke sollte 60 % des maximal möglichen Pegels nicht überschreiten und die Nutzungsdauer 60 Minuten am Stück nicht übersteigen. Ergänzend wird empfohlen, dem Gehör regelmäßige Ruhephasen zu gönnen.8

Technische Lösungen wie geräuschunterdrückende Kopfhörer können dazu beitragen, die notwendige Lautstärke zu reduzieren – insbesondere in lauter Umgebung. Der Einsatz von Gehörschutz bei zusätzlicher Lärmbelastung – etwa bei Konzerten oder in Clubs – sollte thematisiert werden. Auch eingebaute Lautstärkebegrenzungen können helfen. Diese Technologien reduzieren die notwendige Wiedergabelautstärke und damit die Gesamtbelastung des Innenohrs.1

Beratung in der Apotheke

Die Apotheke ist bei Ohrenbeschwerden oft die erste Anlaufstelle. So lassen sich vorbeugende Maßnahmen früh vermitteln. Die Beratung findet zum Beispiel in Gesprächen über Ohrenschmerzen, Zerumenprobleme oder Tinnitus statt. Gezielte Fragen können den Einstieg erleichtern, etwa zur Nutzung von Kopfhörern oder zu bestehenden Symptomen. Entscheidend ist eine klare und verständliche Kommunikation. Vor allem sollte die Beratung vermitteln, dass lärminduzierte Hörschäden irreversibel, durch entsprechendes Verhalten aber vermeidbar sind. Die Verbindung von Information und konkreten Handlungsempfehlungen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene die Inhalte im Alltag umsetzen.

Unterstützende Maßnahmen

Wichtig ist es, auf Wattestäbchen zu verzichten, da diese häufig zu einer weiteren Verlagerung des Ohrenschmalzes beitragen.7

Auch Hygienemaßnahmen sind wichtig: Dazu zählen die regelmäßige Reinigung von In-Ear-Kopfhörern sowie deren ausschließliche Nutzung durch eine Person.

Gut sitzende Kopfhörer sind ebenfalls wichtig, damit die Lautstärke nicht unnötig erhöht werden muss.1
Ergänzend zur Beratung stehen in der Apotheke verschiedene Produktgruppen zur Verfügung. Diese sollten stets als Ergänzung zur Verhaltensberatung verstanden werden und diese nicht ersetzen. Gehörschutzprodukte können helfen, die Lärmbelastung im Alltag zu reduzieren. Für das Zerumenmanagement eignen sich Ohrensprays oder zerumenlösende Präparate, die die natürliche Reinigung des Gehörgangs unterstützen. Bei Entzündungen oder Reizungen eignen sich antiseptische Ohrentropfen – bei Bedarf auch rezeptpflichtige Medikamente. Bezüglich Hygiene wäre ein Reinigungsmittel für In-Ear-Kopfhörer und Aufsätze sinnvoll.

Abgrenzung zur ärztlichen Abklärung

Nicht alle Beschwerden sind für die Selbstmedikation geeignet. Eine ärztliche Abklärung ist insbesondere bei anhaltendem oder plötzlich auftretendem Tinnitus, akuter Hörminderung, Schmerzen oder Ausfluss aus dem Ohr erforderlich. In solchen Fällen ist ein rasches Weiterverweisen essenziell, um mögliche Komplikationen oder bleibende Schäden zu vermeiden. Die Apotheke übernimmt hier eine wichtige Lotsenfunktion im Gesundheitssystem.

In-Ear-Kopfhörer sind ein fester Bestandteil des modernen Alltags und per se nicht problematisch. Das Risiko entsteht durch unsachgemäßen Gebrauch – insbesondere durch zu hohe Lautstärke, lange Nutzungsdauer und fehlende Erholungsphasen. Lärminduzierte Hörschäden sind irreversibel, jedoch in vielen Fällen vermeidbar. Die Apotheke kann durch gezielte Ansprache, evidenzbasierte Information und passende Empfehlungen einen wesentlichen Beitrag zur Prävention leisten. Oft genügt bereits ein kurzer Hinweis im richtigen Moment, um das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Hörgewohnheiten zu schärfen und langfristig zur Erhaltung der Hörgesundheit beizutragen.

Quellen

  1. https://www.who.int/activities/making-listening-safe, aufgerufen am 07.05.2026
  2. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/hno/info/ohr-gehoer.html#wie-funktioniert-das-hoeren, aufgerufen am 07.05.2026
  3. https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/deafness-and-hearing-loss-safe-listening, aufgerufen am 07.05.2026
  4. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/hno/ohrenerkrankungen/ursachen-symptome.html, aufgerufen am 07.05.2026
  5. Zollinger SA, Brumm H. The Lombard effect. Curr Biol 2011 Aug 23;21(16):R614-5. DOI: 10.1016/j.cub.2011.06.003. PMID: 21854996
  6. Dillard LK, et al.: Prevalence and global estimates of unsafe listening practices in adolescents and young adults: a systematic review and meta-analysis. BMJ Glob Health 2022 Nov;7(11):e010501. DOI: 10.1136/bmjgh-2022-010501
  7. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/hno/ohrenerkrankungen/gehoergangsentzuendung-otitis-externa.html, aufgerufen am 07.05.2026
  8. https://newsnetwork.mayoclinic.org/discussion/mayo-clinic-minute-the-60-60-rule-for-safer-listening/, aufgerufen am 07.05.2026

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