ie Prävalenz und Schwere von allergischen Erkrankungen hat in den letzten Jahrzehnten durch den Klimawandel deutlich zugenommen; weltweit in den letzten 40 Jahren um etwa 25 %. Die steigende Häufigkeit stellt zunehmend eine Herausforderung für die Apotheke als Erstanlaufstelle für Betroffene dar. In Österreich leidet etwa jede:r Fünfte an allergischer Rhinitis mit Symptomen wie geschwollener Nasenschleimhaut, Niesattacken oder auch Bindehautentzündung. Obwohl das Auftreten allergischer Erkrankungen eine starke genetische Komponente aufweist, spielen Umwelt und Lebensstil auch eine entscheidende Rolle in der Entstehung und Entwicklung der Erkrankung.
Längere Blütezeit und aggressivere Allergene
Der globale Anstieg der Temperatur, die Wärmeinseln (vor allem in dicht bebauten Gebieten), die Veränderung der Regenmuster und die Erhöhung der atmosphärischen CO2-Konzentration haben eine tiefgreifende Änderung der biologischen Zyklen vieler Arten zur Folge. Höhere Temperaturen verursachen eine frühere und längerdauernde Blütesaison – beispielsweise blüht die Esche heutzutage in etwa zwei Wochen früher als Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Höhere CO2-Konzentrationen lösen bei einigen Pflanzen ein schnelleres Wachstum und eine höhere Proteinkonzentration in den Pollen aus, die wiederum allergieauslösend bzw. -erschwerend wirkt. Hinzu kommt, dass viele Pflanzen auf trockene Perioden mit der Bildung größerer Pollenmengen reagieren, um das Überleben der Pflanzen zu sichern. Andere Umweltverschmutzungen wie troposphärisches Ozon, Stickstoff und Feinstaub reagieren mit dem Pollen, der oxidiert und fragmentiert wird – so werden Allergene aggressiver. Durch diese Zerkleinerung und die zusätzliche Reizung der Atemwege gelangen die Partikel tiefer in die Lunge, wodurch das Risiko für schwerwiegende allergische Reaktionen steigt.
All diese Faktoren führen zu längeren, intensiveren und weniger berechenbaren Pollensaisonen. Diese verursachen eine stärkere Belastung der Patient:innen und erhöhen den Bedarf an pharmazeutischer Beratung und Arzneimitteltherapie. Während Antihistaminika an der Tara früher ein typisches „Frühlings-Thema“ waren, beginnen die Anfragen mittlerweile häufig im späteren Winter und ziehen sich bis in den Herbst durch.
Neue Allergene und „Gewitter-Asthma“
Das Allergenprofil, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist, hängt auch stark von den klimatischen Bedingungen ab und verändert sich mit diesen. So stellen neu entwickelte Allergien, aber auch Kreuzallergien und sich stets verändernde Allergiemuster Belastungen für das Gesundheitssystem dar, die unmittelbar auf den Klimawandel zurückzuführen sind.
Mit den veränderten Wetterverhältnissen verschiebt sich auch das räumliche Vorkommen vieler Pflanzen. Einige Arten stehen vor einer massiven Ausbreitung, da mildere Winter ein Überleben in Gegenden ermöglichen, die früher zu widrige Bedingungen aufwiesen. Durch das Ansiedeln neuer Arten, wie etwa Ambrosia spp. (Traubenkräuter, bspw. Ragweed), ist die Bevölkerung neuen Allergenen ausgesetzt. Vor allem Ambrosia artemisiifolia (Beifußblättriges Traubenkraut) produziert nicht nur eine enorme Menge Pollen, diese können aufgrund ihrer geringen Größe auch größere Distanzen zurücklegen. Die späte Blüte bis in den September belastet Allergiker:innen über einen langen Zeitraum, auch weil schon eine geringe Pollenkonzentration der Pflanze allergische Symptome auslösen kann. Ein seltenes, aber zunehmend relevantes Phänomen ist das „Gewitter-Asthma“. Dabei werden während und nach schweren Gewittern häufiger Asthmaanfälle verzeichnet. Forschende gehen davon aus, dass dies mit dem Aufwirbeln und anschließendem Bersten der Pollen durch die elektrostatische Ladung zu tun hat. Die wesentlich kleineren Pollenfragmente gelangen tiefer in die Atemwege und können dort etwa Bronchospasmen auslösen. Da heftige Gewitter infolge der globalen Erwärmung zunehmen, wird vermutet, dass künftig auch mehr Menschen von Gewitter-Asthma betroffen sein können.
Herausforderungen in der Therapie
Antihistaminika bleiben die Grundlage der symptomatischen Behandlung der Allergien. Apotheker:innen sollten in der Allergieberatung, besonders bei steigenden Temperaturen, darauf Rücksicht nehmen, dass Antihistaminika anticholinerg wirken können und somit eine Beeinflussung der Thermoregulation des Körpers möglich ist. Dies gilt vor allem für Antihistaminika der ersten, teilweise aber auch der zweiten Generation. Die teilweise Hemmung der Schweißproduktion reduziert Wärmeverluste und führt, vorwiegend bei älteren, chronisch kranken oder besonders hitzeexponierten Patient:innen, zu einem höheren Risiko einer Überhitzung. Eine Vermeidung des Aufenthalts im Freien zu den wärmsten Stunden sowie das Aufsuchen von Schatten und Pausen an kühleren Orten sollten Teil der pharmazeutischen Beratung werden.
Mundtrockenheit und vermindertes Durstgefühl sind ebenfalls häufige Nebenwirkungen dieser Arzneimittel. Im Kontext häufiger werdender Hitzewellen kann das schneller zu Dehydrierung
führen, weshalb Patient:innen auf dieses Risiko und auf adäquates Trinkverhalten hingewiesen werden sollten. Die allergenspezifische Immuntherapie stellt eine weitere, gut wirksame therapeutische Möglichkeit bei vielen Allergenen dar. Diese sollte möglichst frühzeitig begonnen werden, um eine Ausweitung der allergischen Reaktion auf weitere Allergene oder das Auftreten von allergischem Asthma zu verhindern. Über mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen, die vor allem am Anfang der Therapie auftreten können, sollten Patient:innen informiert werden, um eine bessere Adhärenz und dadurch einen Therapieerfolg zu ermöglichen.
Zusammenfassend müssen sich Apotheker:innen auf einen wachsenden Bedarf an Antihistaminika vorbereiten. Zusätzlich muss die Patientenberatung nicht nur an diesen Bedarf, sondern auch an die herrschenden klimatischen Bedingungen angepasst werden. Dieser Bedarf an hitzespezifischer pharmazeutischer Beratung stellt kein Einzelphänomen dar, sondern ist als Beispiel anzusehen für eine ganzheitliche Betrachtung der Gesundheit im Kontext des Klimawandels. Diese wird unabdingbar werden, um eine sichere und wirksame Therapie, die diesen Herausforderungen entgegenstehen kann, zu ermöglichen. Hierbei kann die Heidelberger Hitzetabelle herangezogen werden, die aufzeigt, bei welchen Arzneimitteln während Hitzeperioden ein besonderer Beratungsbedarf besteht.
Verantwortung und Vorbildwirkung von Apotheker:innen
Apotheken können ihre Verantwortung jedoch nicht nur in der täglichen Beratung wahrnehmen, sie können auch als Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen und sich mit ihrer umweltsozialen Verantwortung auseinandersetzen. Maßnahmen wie die stärkere Berücksichtigung klimafreundlicher Lieferketten oder auch die allergiefreundliche Bepflanzung urbaner Beete können zu einer Verbesserung der Luftqualität und einer Begrenzung des globalen Erwärmens beitragen. Zusätzlich können Apotheker:innen auch über die persönliche Beratung hinaus für wichtige Themen sensibilisieren, indem sie mit Infomaterial oder Beiträgen auf die Co-Benefits von Klimaschutz und Gesundheit eingehen. Die klimafreundliche Mobilität etwa ist ein gutes Beispiel dafür: Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrädern führt nicht nur zu weniger Luftschadstoffen, sondern fördert auch direkt die Gesundheit der Betroffenen – durch mehr Bewegung und ein geringeres Risiko von Atemwegserkrankungen durch bessere Luftqualität. Als niederschwellige Gesundheitsdienstleister können Apotheker:innen durch fachliche Beratung und Aufklärung die (klimarelevante) Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken.
Mag. phil. Cornelia Zacek, Lic. Albert Botta i Orfila, MU, aHPh
Quellen
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• Gutowska-Slesik J, et al.: The increase in allergic conditions based on a review of literature. Postepy Dermatol Alergol 2023; 40(1): 1-7
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Abt. Gebäudeverwaltung - Amtsdruckerei.
• Kato A, Kita H: The immunology of asthma and chronic rhinosinusitis. Nat Rev Immunol 2025; 25(8): 569-587
• Traidl-Hoffmann C, Trippel K: Überhitzt. Die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit. Was wir tun können (2021); Dudenverlag, Berlin