Gendermedizin beschäftigt sich sowohl mit biologischen als auch mit sozioökonomischen und kulturellen Unterschieden zwischen den Geschlechtern und damit, wie diese die Gesundheit des/der Einzelnen beeinflussen. Dazu zählen etwa der Einfluss von Hormonen und biologischem Geschlecht auf Krankheitshäufigkeiten, aber auch soziale Verhaltensweisen, zugeschriebene Rollen und deren Folgen für die Gesundheit.
Unterschiedliche Lungenphysiologie
Frauen haben im Durchschnitt kleinere Lungen und Atemwege und weisen dadurch eine geringere ventilatorische Reserve sowie einen erhöhten Atemwegswiderstand auf. Die ventilatorische Reserve beschreibt, wie stark die Ventilation bei körperlicher Belastung noch gesteigert werden kann. Bei Gesunden ist die Atmung in der Regel nicht leistungsbegrenzend. Relevant kann dieser Unterschied jedoch beispielsweise bei Leistungssportlerinnen werden, die bei sehr hoher Belastung früher an ventilatorische Grenzen stoßen können.
Auf einen Blick
Asthma bronchiale
erhöhte Prävalenz bei Frauen ab dem 18. Lebensjahr
Geschlechtshormone & Asthma
• Östrogene:
Begünstigung einer proallergischen/proasthmatischen Konstellation
• Testosteron:
Protektiver Effekt
Asthmaprävalenz und Asthmakontrolle sind unterschiedlich im Hormonverlauf der Frau.
Die Datenlage bzgl. Schwangerschaft ist unzureichend für klare Empfehlungen hinsichtlich des Managements.
Asthma – Hormone machen den Unterschied
Im Kindesalter leiden Burschen häufiger an Asthma. Dabei spielen anatomische und immunologische Faktoren sowie Unterschiede in der Allergiesensibilisierung eine Rolle. Mit der Pubertät verändert sich dieses Verhältnis: Im Erwachsenenalter ist Asthma bei Frauen häufiger als bei Männern. Geschlechtshormone dürften dabei eine wichtige Rolle spielen. Studien weisen unter anderem darauf hin, dass Östrogene bestimmte entzündliche Prozesse fördern können, während Androgene wie Testosteron eher protektive Effekte zeigen (siehe Abb. 1, S. 56). Es gibt noch nicht ausreichend Hinweise darauf, dass Kontrazeptiva oder Hormonersatztherapien (HRT) die Asthmahäufigkeit beeinflussen.
Lungenfunktion nach der Menopause
Im Übergang zur Menopause und danach kann sich der altersbedingte Rückgang der Lungenfunktion beschleunigen. Besonders für die forcierte Vitalkapazität (FVC) wurde ein verstärkter Rückgang beschrieben. Hormonelle Veränderungen, insbesondere der sinkende Östrogenspiegel, dürften dabei eine Rolle spielen. Besonders betroffen sind Frauen mit geringerem Körperfettanteil, da weniger Fettgewebe für die periphere Östrogenbildung zur Verfügung steht. Ein weiterer relevanter Faktor ist Osteoporose: Wirbelkörpereinbrüche können die Ausdehnung des Brustkorbs einschränken und dadurch die Atmung beeinträchtigen.
Weibliche Lungen sind empfindlicher
Während in Österreich ca. jeder vierte Mann raucht, haben die Frauen hier traurigerweise aufgeholt und nähern sich mit ca. 18 % Raucherinnen den Männern an. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen gegenüber den schädlichen Auswirkungen von Tabakrauch teilweise empfindlicher sein können. Anatomische Unterschiede, hormonelle Faktoren und Veränderungen im Laufe des Lebens werden als mögliche Ursachen diskutiert. Auch bei chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen wie COPD zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen berichten beispielsweise häufiger über Dyspnoe und ausgeprägte funktionelle Einschränkungen, während Männer in manchen Untersuchungen häufiger Husten und Auswurf angeben. Diese unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbilder können unter anderem mit anatomischen Unterschieden, wie kleineren Atemwegen im Verhältnis zur Lungengröße bei Frauen, zusammenhängen.
GenderMedizin
1993 sprach sich die FDA erstmals für eine stärkere Einbeziehung von Frauen sowie für die Untersuchung möglicher geschlechtsspezifischer Unterschiede aus. Seit 1998 müssen bei Arzneimittelzulassungen in den USA Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten zudem nach wichtigen demografischen Gruppen, darunter Geschlecht, Alter und ethnische Zugehörigkeit, ausgewertet werden.
Key-Message für die Praxis
Was wir daraus mitnehmen können: Biologische und geschlechtsspezifische Unterschiede sollten bei Prävention, Diagnostik und Behandlung stärker berücksichtigt werden. Auch Kommunikationsmuster und die Art, wie Beschwerden geschildert werden, können sich unterscheiden. Entscheidend ist daher, Symptome und Risikofaktoren individuell zu erfassen und geschlechtsspezifische Aspekte mitzudenken. So können Risikofaktoren früher erkannt und Präventionsmaßnahmen sowie notwendige Therapien rechtzeitig eingeleitet werden.