Eine Erkrankung mit wachsender Bedeutung

Demenz in Österreich: Prävention, Umgang und Perspektiven nach der Diagnose

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Demenz © Shutterstock
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Aktuelle internationale Analysen gehen davon aus, dass ein erheblicher Anteil der Demenzfälle auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen ist. Laut der aktuellen Lancet-Kommission könnten bis zu 45 % der Fälle potenziell vermeidbar oder verzögerbar sein 1.

Prävention: Lebensstil als Schlüssel

Die Evidenzlage ist klar: Ein gesunder Lebensstil reduziert das Demenzrisiko messbar. Regelmäßige körperliche Aktivität gehört zu den am besten belegten Schutzfaktoren. Kohortenstudien zeigen eine signifikante Assoziation zwischen Bewegung und reduziertem Demenzrisiko 2. Bereits moderate Aktivität – etwa zügiges Gehen – kann einen Unterschied machen.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Studien weisen darauf hin, dass gesunde Ernährungsgewohnheiten  wie z.B. die mediterrane Ernährung mit einem geringeren Risiko für kognitive Beeinträchtigungen verbunden sind3. das bedeutet konkret: Mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger stark verarbeiteter Produkte und ein bewusster Umgang mit Zucker und gesättigten Fetten.

Nicht zu unterschätzen sind soziale Kontakte und geistige Aktivität. Lebenslanges Lernen und soziale Teilhabe fördern die sogenannte kognitive Reserve, die neurodegenerative Prozesse kompensieren oder verzögern kann 1,4.

Medizinische Risikofaktoren früh adressieren

Neben Lebensstilfaktoren spielen behandelbare Erkrankungen eine zentrale Rolle. Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas und Rauchen zählen zu den wichtigsten Risikofaktoren 1,5. Gerade im mittleren Lebensalter können präventive Maßnahmen langfristige Auswirkungen auf die kognitive Gesundheit haben.

Auch sensorische Einschränkungen – insbesondere Hörverlust – rücken zunehmend in den Fokus. Aktuelle Metaanalysen zeigen, dass unbehandelter Hörverlust ein relevanter Risikofaktor für Demenz ist, vermutlich durch reduzierte kognitive Stimulation und soziale Isolation 1.

Multimodale Prävention: Der integrative Ansatz

Einzelmaßnahmen sind sinnvoll, doch besonders effektiv scheint ein kombinierter Ansatz. Multidomain-Interventionen, die Bewegung, Ernährung, kognitives Training und Risikofaktorenmanagement verbinden, zeigen signifikante Effekte auf kognitive Endpunkte bei gefährdeten älteren Menschen. 4

Für die Praxis bedeutet das: Prävention sollte nicht fragmentiert gedacht werden, sondern als langfristige Strategie über die gesamte Lebensspanne hinweg.

Wenn die Diagnose gestellt wird: Früherkennung als Chance

Eine Demenzdiagnose ist für Betroffene und Angehörige meist ein Einschnitt. Gleichzeitig bietet eine frühe Diagnose wichtige Chancen: Therapieplanung, rechtliche Vorsorge und psychosoziale Unterstützung. Leitlinien empfehlen eine frühzeitige Abklärung sowie eine empathische Kommunikation unter Einbeziehung der Angehörigen 5.

Therapie: Mehr als Medikamente

Eine Heilung gibt es derzeit nicht, doch das therapeutische Spektrum ist breiter als oft angenommen. Medikamentöse Therapien können bei bestimmten Demenzformen Symptome lindern oder den Verlauf moderat verlangsamen 5.

Ebenso wichtig sind nicht-pharmakologische Ansätze: strukturierte Tagesabläufe, kognitive Trainingsprogramme, Bewegung und psychosoziale Interventionen. Nicht-medikamentöse Maßnahmen zeigen konsistent positive Effekte auf Lebensqualität und funktionelle Fähigkeiten 5.

In Österreich existieren regionale Versorgungsangebote wie Gedächtnisambulanzen, Tageszentren oder mobile Dienste, deren Verfügbarkeit jedoch regional variiert 6.

Angehörige im Fokus

Demenz ist immer auch eine Erkrankung des sozialen Systems. Ein Großteil der Betreuung wird von Angehörigen geleistet – oft über Jahre hinweg. Die Belastung ist hoch und reicht von emotionalem Stress bis zu finanziellen Herausforderungen.

Studien zeigen, dass strukturierte Angehörigenprogramme Überforderung reduzieren und die Versorgungsqualität verbessern können 5. In Österreich gewinnen Initiativen wie Demenzservicestellen und Schulungsprogramme zunehmend an Bedeutung, dennoch besteht weiterhin Bedarf an niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten, insbesondere im ländlichen Raum 6.

Österreichische Perspektiven: Prävention als Public-Health-Aufgabe

Mit der steigenden Zahl Betroffener wird Demenz zunehmend zur gesellschaftlichen Herausforderung. Nationale Strategien betonen daher die Bedeutung von Prävention, Aufklärung und dem Ausbau demenzfreundlicher Strukturen 6 

Quellenverzeichnis

  1. Livingston G, Huntley J, Sommerlad A, Ames D, Ballard C, Banerjee S, et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet Commission. Lancet. 2024.
  2. Marino M, et al. Physical activity and risk of dementia: findings from longitudinal cohort studies. JAMA Netw Open. 2025.
  3. Scarmeas N, Anastasiou CA, Yannakoulia M. Nutrition and prevention of cognitive impairment. Lancet Neurol. 2018;17(11):1006–15.
  4. Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A, et al. A multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring. Lancet. 2015;385:2255–63.
  5. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN). S3-Leitlinie Demenzen. 2023.
  6. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Österreichischer Demenzbericht. Wien; 2023.

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