Impftag 2026

„Da geht mir das Geimpfte auf!“

Mag. pharm. Dr. Angelika Chlud
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Impftag © Viennamotion KG
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Alle müssen an einem Strang ziehen, Apotheker:innen und Ärzt:innen müssen sich zusammensetzen und gemeinsam fortbilden“, forderte Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der MedUni Wien, anlässlich der Eröffnung des Österreichischen Impftages 2026. Nur solidarisch kann der Skepsis gegenüber den Impfungen begegnet werden, ist sich die Expertin sicher. 

Impfgegner in der Politik

Anhand der Masernausbrüche, von denen mehrere kanadische Provinzen in den vergangenen Jahren betroffen waren, zeigte Prof. Dr. Noni McDonald, emeritierte Professorin für Pädiatrie an der kanadischen Dalhousie University, wie entscheidend es ist, das Vertrauen in Impfungen zu stärken. Dabei machte sie auf ein vergleichsweise neues Phänomen aufmerksam: impfskeptische oder impfgegnerische Haltungen innerhalb der Politik beziehungsweise einzelner politischer Akteure. Diese könnten sich in unterschiedlichen Ausprägungen zeigen, etwa durch die Besetzung staatlicher Institutionen mit Impfgegner:innen oder die Reduzierung von Geldflüssen in Impfprogramme. Die derzeitige Situation in den USA sei ein entsprechendes Beispiel, so McDonald.


Raus aus den Echokammern


Köksal Baltaci, mehrfach preisgekrönter Wissenschaftsjournalist bei der Tageszeitung Die Presse, stellte praxisorientierte Strategien für die Umsetzung in der täglichen Arbeit vor. „Wir halten uns viel zu stark in unseren Blasen auf“, warnte Baltaci und forderte dazu auf, diese Echokammern, von denen niemand profitiert, zu verlassen. Der Kommunikationsexperte appellierte dazu, „offener zu sein und sich strittigen Diskussionen zu stellen“, und rief dazu auf, „mutig in den Ring zu steigen im Kampf mit Impfskeptiker:innen“. Außerdem warnte er vor überzogenen Versprechungen: „Kommunizieren Sie realistische Erwartungen und nicht Ihre eigenen Hoffnungen!“ Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt, dass überzogene Erwartungen an Impfstoffe – wie eine sterile Immunität – zu großer Enttäuschung führen.

„Kommunizieren Sie realistische Erwartungen  und nicht Ihre eigenen Hoffnungen“, forderte der Wissenschaftsjournalist Köksal Baltaci. © Viennamotion KG
„Kommunizieren Sie realistische Erwartungen und nicht Ihre eigenen Hoffnungen“, forderte der Wissenschaftsjournalist Köksal Baltaci. © Viennamotion KG
Zu Solidarität und gemeinsamem Handeln forderte  Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt  die Teilnehmer:innen am Impftag auf, um der  Skepsis gegenüber Impfungen zu begegnen. © Viennamotion KG
Zu Solidarität und gemeinsamem Handeln forderte Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt die Teilnehmer:innen am Impftag auf, um der Skepsis gegenüber Impfungen zu begegnen. © Viennamotion KG
„SARS-CoV-2 verursacht weiterhin mehr Krankenhausaufenthalte als andere impfpräventable Atemwegserkrankungen“,  machte PD Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek (links) klar. Dr. David Springer erläuterte die Details zum aktuellen Anstieg an  Hepatitis-A-Fällen und Dr. Angelika Wagner warnte vor Aedes-Stechmücken, die sich allmählich auch in unserem Land ausbreiten. © Viennamotion KG
Dr. David Springer © Viennamotion KG
„Impfungen bieten deutlich mehr als nur einen Schutz  vor Infektionen“, verdeutlichte Priv.-Doz. Ing. Dr. Monika Redlberger-Fritz in ihrem Vortrag. © Viennamotion KG
„Impfungen bieten deutlich mehr als nur einen Schutz vor Infektionen“, verdeutlichte Priv.-Doz. Ing. Dr. Monika Redlberger-Fritz in ihrem Vortrag. © Viennamotion KG
Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek © FOTOS  Viennamotion KG
Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek © FOTOS Viennamotion KG
Prof. Dr. Noni McDonald  machte auf ein relativ neues Phänomen aufmerksam:  den Einfluss der Politik auf   das Impfen. Die gegenwärtige Situation in den USA ist ein unrühmliches Beispiel dafür. © Viennamotion KG
Prof. Dr. Noni McDonald machte auf ein relativ neues Phänomen aufmerksam: den Einfluss der Politik auf das Impfen. Die gegenwärtige Situation in den USA ist ein unrühmliches Beispiel dafür. © Viennamotion KG
 Dr. Angelika Wagner © Viennamotion KG
Dr. Angelika Wagner © Viennamotion KG

Mehrwert von Impfungen

In die gleiche Kerbe schlug Priv.-Doz. Ing. Dr. Monika Redlberger-Fritz, Fachärztin für klinische Mikrobiologie und Virologie und Leiterin des Labors für Virusisolierung des Zentrums für Virologie, MedUni Wien. Auch sie forderte dazu auf, in der Kommunikation realistisch zu bleiben, und verglich die Influenzaimpfung mit einem Sicherheitsgurt, „der keine Unfälle verhindert, aber schwere Folgen abmildert“. Doch der Nutzen der Influenzaimpfung geht weit über die Vermeidung der direkt durch die Grippe verursachten Morbidität und Mortalität hinaus: So steigen Schlaganfall- und Myokardinfarkt-Risiko durch eine Influenzaerkrankung um das Achtfache, das Risiko für vermehrte Blutzuckerentgleisungen erhöht sich sogar um das 74-fache. Und das Risiko, die Selbstständigkeit zu verlieren, steigt mit einer Influenzaerkrankung auf das 23-fache. Auch rezente Daten zur Impfung gegen Herpes zoster weisen darauf hin, dass der Ausbruch einer Demenz signifikant um Jahre nach hinten verschoben wird. Insgesamt tragen Impfungen wesentlich dazu bei, „die Lebensqualität und Lebenserwartung zu erhöhen, Gesundheitskosten zu senken und das Gesundheitssystem zu entlasten“. Weitere Details dazu hören Sie im Podcast ÖAZ im Ohr #33. 


Österreichisches Impfprogramm: geringfügige Anpassungen


Im österreichischen Impfprogramm sind derzeit nur kleinere Veränderungen vorgesehen, erklärte PD Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. So wird im kostenlosen Kinderimpfprogramm künftig die dreimal zu verabreichende Schluckimpfung RotaTeq® anstelle der beiden Dosen Rotarix® zur Immunisierung gegen Rotaviren eingesetzt. Zudem ersetzt der Sechsfachimpfstoff Hexyon® den bisher verwendeten Infanrix hexa, wobei beide gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Hepatitis B, Poliomyelitis und Haemophilus influenzae Typ B schützen. „Die Sechsfachimpfstoffe sind für Auffrischungsimpfungen jedoch nicht beliebig austauschbar“, warnte die Expertin ausdrücklich. Grundsätzlich sollte die Grundimmunisierung mit jenem Sechsfachimpfstoff abgeschlossen werden, mit dem sie begonnen wurde. Ein Wechsel auf die neuen Vakzine ist frühestens bei der dritten Dosis vorgesehen; ein Umstieg bereits bei der zweiten Impfung ist nur in Ausnahmefällen möglich. Bei der Rotavirus-Impfung ist ein Wechsel zwischen den Präparaten ausdrücklich nicht empfohlen.


Saisonale Impfungen


Die RSV-Prophylaxe mit Beyfortus® wird im Rahmen des Kinderimpfprogramms während der ersten RSV-Saison angeboten. Dabei handelt es sich um eine ausschließlich saisonale Maßnahme für den Zeitraum vom 1. Oktober bis 31. März. Sollte sich die RSV-Saison unerwartet verlängern, werden entsprechende Empfehlungen ausgesprochen, betonte Paulke-Korinek.


Abschließend verdeutlichte die Expertin die Bedeutung der COVID-19-Impfung, die zuletzt etwas in den Hintergrund geraten sei: „SARS-CoV-2 verursacht weiterhin mehr Krankenhausaufenthalte als andere impfpräventable Atemwegserkrankungen. Ältere Menschen stellen nach wie vor die wichtigste Risikogruppe dar.“
Und für die Beratung in der Apotheke ebenfalls wichtig ist die Empfehlung, die FSME-Impfung jetzt zu beginnen bzw. aufzufrischen: „In den letzten Jahren hat sich der Beginn der Saison mit FSME-Fällen auf März/April vorverlagert. Daher sollten sowohl die ersten zwei Impfungen der Grundimmunisierung als auch alle weiteren Impfungen vor Beginn der Zeckensaison im Jänner/Februar erfolgen.“


Anstieg von Hepatitis-A-Fällen


Das Hepatitis-A-Virus (HAV) verursacht eine akute virale Hepatitis, die vor allem fäko-oral über kontaminierte Lebensmittel sowie durch engen Kontakt übertragen wird und weltweit 150 Millionen Erkrankungsfälle jährlich verursacht. In Österreich werden aufgrund hoher Hygienestandards und der Verfügbarkeit von Impfstoffen in den meisten Jahren typischerweise weniger als 100 Fälle jährlich gemeldet. 2025 wurde jedoch ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen beobachtet: „Insgesamt wurden 2025 bislang 239 Hepatitis-A-Fälle gemeldet. Dabei kam es auch bereits zu 5 Todesfällen“, gab Dr. David Springer vom Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität Wien zu bedenken. Betroffen sind vor allem Männer und da vor allem ältere und vorerkrankte Personen. Risikofaktoren umfassen Obdachlosigkeit, Kontakt zu anderen Erkrankten, sexuelle Übertragung, intravenösen Drogengebrauch sowie Auslandsaufenthalte. „Der Ausbruch ist mit einem größeren europäischen Hepatitis-A-Geschehen verknüpft, das insbesondere die Slowakei, Tschechien und Ungarn betrifft und dort bereits über 2.000 Fälle umfasst“, so Springer.  


Chikungunya- und Dengue-Viren


Die durch Stechmücken übertragbaren Chikungunya- und Dengue-Viren sind in den meisten (sub-)tropischen Regionen endemisch und lösen regelmäßig Epidemien aus. Doch kleinere Ausbrüche kommen durch die Verbreitung der Mücken auch in gemäßigteren Klimazonen vor, so Dr. Angelika Wagner, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, MedUni Wien. „2024 wurden in Österreich 11 Chikungunya-Fälle gemeldet. 2025 waren es bereits 26 Fälle.“


Die Chikungunya-Erkrankung weist eine geringe Letalität von unter 1 % auf, jedoch eine hohe Krankheitslast: „In über 50 % der Fälle treten chronische Gelenkbeschwerden nach der akuten Krankheitsphase auf, die über Monate andauern“, so die Expertin. Für Chikungunya sind der Lebendimpfstoff Ixchiq® und der Totimpfstoff Vimkunya® für Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene zugelassen. Der Lebendimpfstoff zeichnet sich durch eine hohe Seroprotektionsrate von 98 % über 12 Monate aus. Nachteil ist die schlechte Verträglichkeit: Chikungunya-ähnliche Symptome wie Arthralgien nach der Impfung traten bei 17 % der Geimpften auf und persistierten in seltenen Fällen über Monate. Schwere Nebenwirkungen sind insbesondere bei älteren Menschen möglich. Der Totimpfstoff Vimkunya® ist besser verträglich und sollte insbesondere bei älteren Menschen über 65 und Menschen mit Grunderkrankung eingesetzt werden.


Dengue-Impfstoff


„Denguefieber gehört mittlerweile zu den häufigsten Reiseerkrankungen“, bestätigte Wagner: „In Österreich wurden 2024 203 importierte Fälle nachgewiesen.“ Es gibt 4 Serotypen, die Denguefieber auslösen. Die Erkrankung verläuft meist asymptomatisch bis mild symptomatisch, kann jedoch nach der akuten Krankheitsphase einen schweren Verlauf mit einer erhöhten Letalität nehmen. „Zur symptomatischen Therapie eignet sich Paracetamol. NSAR sollten nicht verwendet werden“, strich die Fachärztin heraus. Der lebend-attenuierte Dengue-Impfstoff Qdenga®, der zwei Mal im Abstand von drei Monaten subkutan verabreicht wird, ist wirksam gegenüber Infektion und Hospitalisierung, weist jedoch eine unterschiedliche Wirksamkeit gegen die einzelnen Serotypen auf. Die Wirksamkeit ist zudem höher bei zuvor Dengue-Erkrankten. Nach 4,5 Jahren fällt die Wirksamkeit gegen bestätigte Dengue-Infektionen ab, jedoch bleibt die Wirksamkeit gegen Hospitalisierung hoch. „Da häufig akute Überempfindlichkeitsreaktionen bei Qdenga® beobachtet wurden, sollen Personen nach der Impfung unbedingt 30 Minuten in der Ordination beobachtet werden“, weist Wagner auf nötige Sicherheitsmaßnahmen hin.
Mit einem amüsanten literarischen Streifzug durch den Impfplan schloss das Programm des heurigen Impftages.

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Österreichischer Impftag 2027
23.Jänner 2027

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