Die versteckten Auslöser im Tiegel

Kontaktallergene in Kosmetika

Mag. pharm. Sonja Sofeit, MSc
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Allergie © Shutterstock/APOVERLAG
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Duftstoffe, ätherische Öle und Pflanzenextrakte spielen eine sehr große Rolle bei Kontaktallergien. Oft werden sie unterschätzt, weil sie als „natürlich“ wahrgenommen werden – obwohl sie zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien gehören.


Reaktionen

Allergische Kontaktreaktionen auf Kosmetika äußern sich meist als allergische Kontaktdermatitis. Zu den typischen Symptomen zählen: Rötung der Haut, oft starker Juckreiz, Brennen oder Stechen, Schwellung, trockene, schuppende oder rissige Haut, Bläschen oder kleine Pusteln, die auch nässen können, und ekzemartige Veränderungen, vor allem bei längerem Kontakt. 


Die Beschwerden entwickeln sich meist 24 bis 72 Stunden nach Kontakt mit dem auslösenden Produkt (verzögerte Typ-IV-Reaktion). Reaktionen können auch beim erneuten Gebrauch eines Produkts auftreten, welches zuvor gut vertragen wurde, und zeigen sich meist genau an den Hautstellen, wo das Kosmetikprodukt zuvor aufgetragen wurde.


Abzugrenzen von der allergischen Kontaktdermatitis sind Irritationsreaktionen (nicht allergisch), die meist sofort oder innerhalb weniger Stunden nach Anwendung auftreten und sich ähnlich äußern. Irritationen sind insgesamt häufiger und hängen oft mit hohen Konzentrationen von Duftstoffen, Alkohol, Säuren oder Tensiden zusammen.


Kontaktallergene im OTC-Sortiment


Hier soll eine umfassende Übersicht über die häufigsten Kontaktallergene in Kosmetika – inklusive solcher, die oft auch in apothekenexklusiver Dermokosmetik vorkommen – gegeben werden: 

Duftstoffe/Fragrances
Duftstoffe sind eine der häufigsten Ursachen für Kontaktallergien – auch in Apothekenkosmetik. Sie bestehen meist aus komplexen Molekülmischungen, die oxidieren können, wobei deren Oxidationsprodukte oft stärker allergen sind als der Ausgangsstoff. Sie sind in ca. 80 bis 90 % aller Kosmetika enthalten – selbst in „sensitiven“ Produkten. Auch „parfumfreie“ Produkte können Duftstoffe als „masking agents“ enthalten. Sie sind oft nur im INCI (International Nomenclature of Cosmetic Ingredients) erkennbar.

Zu den allergenen Duftstoffen zählen: 
• Limonene
• Linalool 
• Citral
• Geraniol
• Eugenol
• Cinnamal 
• Farnesol
• Hydroxycitronellal 
• Isoeugenol 
• Coumarin

Konservierungsstoffe
Besonders relevant sind: 
• Methylisothiazolinone (MI)
• Methylchloroisothiazolinone (MCI)
→ gemeinsames Gemisch der beiden: Kathon CG
0 Formaldehydabspalter (DMDM Hydantoin, Imidazolidinyl urea, Diazolidinyl urea, Quaternium-15)
• Parabene (Methyl-, Ethyl-, Propylparaben)
• Phenoxyethanol – relativ verträglich, aber potenziell irritierend, selten allergen

Emulgatoren und Tenside
Diese können die Hautbarriere schwächen oder sensibilisieren. Häufige problematische Vertreter sind:
• Cocamidopropylbetaine (CAPB)
• Wollwachsalkohole (Lanolin alcohol)
• PEG/PPG-Derivate (selten allergen, eher 
irritierend)

Sonnenschutzfilter 
Insbesondere chemische Filter zählen zu den bekannten Kontaktallergenen:
• Octocrylene
• Benzophenone-3 (Oxybenzone)
• PABA-Derivate (historisch sehr allergen)
• Ethylhexylmethoxycinnamate (UVB-Filter, eher irritierend)


Exkurs 
natürliche pflegeprodukte

Propolis enthält eine Vielzahl potenter Sensibilisatoren: Kaffeesäurederivate, Zimtalkohol, Zimtsäure und Zimtsäureester (Cinnamate), Benzoesäurederivate, Flavonoide und Terpene. Diese Stoffe sind chemisch mit klassischen Allergenen verwandt.

Perubalsam enthält eine hohe Konzentration hochpotenter Kontaktallergene. In Kombination kann die allergene Wirkung kumulieren. Perubalsam enthält u. a.: Zimtalkohol, Zimtaldehyd, Zimtsäure, Cinnamate (z. B. Benzylcinnamat), Benzoate (z. B. Benzylbenzoat), Vanillin-ähnliche Stoffe, Farnesol, Nerolidol (Terpene), Harzsäuren und Ester.


Pflanzenextrakte & ätherische Öle


Auch Naturkosmetika können Allergien auslösen. Ätherische Öle werden oft als natürlich und somit verträglich gekauft – in Wirklichkeit sind sie äußerst allergenpotent. Ätherische Öle gehören zu den stärksten Sensibilisatoren in der Kosmetik. Sie sind problematisch, weil sie sehr hohe Konzentrationen an Duftstoff-Allergenen enthalten. Teebaumöl trägt z. B. bis zu 30 potenzielle Allergene in einem einzigen Öl. Darüber hinaus oxidieren ätherische Öle leicht, wodurch neue, noch stärker allergisierende Stoffe entstehen. Sie sind nicht nur allergen, sondern häufig auch reizend, besonders auf empfindlicher oder vorgeschädigter Haut.


Pflanzenextrakte sind komplexe Stoffgemische – oft mit vielen einzelnen allergenen Molekülen. Sie enthalten natürliche Duftstoffbestandteile wie Linalool oder Geraniol.


Pflanzenextrakte bestehen aus Dutzenden sekundären Pflanzenstoffen (Flavonoide, Terpene, Phenole), die potenziell sensibilisierend wirken. Manche enthalten latexähnliche Proteine (z. B. Aloe vera). Extrakte unterscheiden sich je nach Ernte, Herkunft und Reifegrad. Die chemische Zusammensetzung ist nie identisch und somit schwer kontrollierbar.

Potenziell allergieauslösend sind:
• Teebaumöl
• Lavendelöl
• Zitrusöle (Orange, Zitrone, Bergamotte) 
• Eukalyptus
• Pfefferminze
• Rosmarin
• Ylang-Ylang
• Zimtöl
• Aloe vera
• Echinacea
• Arnika
• Calendula
• Kamille (insbesondere Chamomilla recutita 
wegen Matricin)
• Echinacea
• Propolis
• Perubalsam

Pflanzenextrakte sind führende Auslöser für Kontaktallergien (Spättyp-Allergien, Typ IV), Ekzeme, Rötung, Jucken, Brennen, Photosensibilisierung und Verschlechterung bei Neurodermitis und Rosazea. Daher ist Naturkosmetik oft nicht die beste Wahl für Allergiker:innen. Apothekenexklusive Marken sind nicht automatisch frei von Allergenen. Sie verzichten zwar oft auf starke synthetische Allergene wie MI/MCI, enthalten aber sehr häufig Duftstoffe oder Pflanzenextrakte. 


Hypoallergene Alternativen


Am besten weisen sie Siegel wie ECARF oder Allergy Certified auf.
Hypoallergene Kosmetika sind so formuliert, dass sie ein möglichst geringes Risiko für Kontaktallergien, Irritationen oder Sensibilisierung haben. Es gibt keine gesetzlich definierte „hypoallergen“-Formulierung, aber in der Praxis folgen solche Produkte sehr klaren und strengen Formulierungsprinzipien.

Siegel und Aussagekraft

Es gibt kein gesetzlich normiertes Siegel, 
das garantiert, dass ein Produkt „hypoallergen“ ist. Der Begriff „hypoallergen“ ist in vielen 
Fällen eher Marketing.

ECARF ist eines der wenigen Siegel, das sich konkret mit allergiepotenziellen Inhaltsstoffen befasst und diese evaluiert. Ein „dermatologisch getestet“-Hinweis (z. B. Dermatest) kann ein Hinweis auf gute Hautverträglichkeit sein, aber er garantiert nicht, dass alle allergieauslösenden Inhaltsstoffe ausgeschlossen sind.

Naturkosmetik-Siegel (z. B. NATRUE, COSMOS) verbieten bestimmte synthetische Chemikalien, aber das heißt nicht automatisch, dass das Produkt keine natürlichen Allergene enthalten kann.

ECARF 
• Speziell entwickelt für allergikerfreundliche Kosmetik
• Bestimmte bekannte Allergene werden ausgeschlossen oder genau geprüft. 
• Produkte werden auch an Menschen mit empfindlicher oder allergischer Haut geprüft. 

Dermatest
• Wissenschaftliche, unabhängige Prüfungen: Hautverträglichkeit wird durch Tests wie Epikutantests geprüft. 
• Es gibt unterschiedliche Stufen, je nach Dauer und Umfang der Tests. 
• Auch Mikrobiomfreundlichkeit kann geprüft werden. 

Tipps für Verbraucher:innen, 
denen Hypoallergenität wichtig ist
1 Inhaltsstoffliste genau lesen
Nicht nur auf das Siegel schauen – die INCI-Liste verrät, ob potenziell reizende oder allergene Stoffe enthalten sind.

2 Seriöse Siegel bevorzugen
ECARF ist hier besonders relevant für Allergien.
Naturkosmetik-Siegel sind gut, aber bedeuten nicht immer, dass sie allergikerfreundlich sind.

3 Patch-Test machen
Bei empfindlicher oder zu Allergien neigender Haut ein neues Produkt zunächst an einer kleinen Stelle testen.

4 Produkte mit wenigen Inhaltsstoffen 
(Minimalformulierung)
Weniger ist nicht immer gleich besser, aber eine übersichtliche Formulierung kann helfen, problematische Inhaltsstoffe zu vermeiden.


Hypoallergene Produkte sind typischerweise folgendermaßen aufgebaut:


1 Minimalistische Formulierungen 
Hypoallergene Kosmetika enthalten so wenig Inhaltsstoffe wie möglich. Weniger potenzielle Trigger bedeuten weniger Interaktionen und höhere Verträglichkeit.
2 Keine Duftstoffe
Duftstoffe sind einer der häufigsten Allergieauslöser, daher werden sie vollständig weggelassen. Bei echten hypoallergenen Serien ist „duftstofffrei“ ein Muss (auch keine Masking fragrances).

3 Keine ätherischen Öle oder Pflanzenextrakte
In Naturkosmetik üblich, aber für Allergiker:innen problematisch. Hypoallergene Kosmetika enthalten keine ätherischen Öle (Lavendel, Zitrus, Teebaum etc.) und keine Pflanzenextrakte (Arnika, Kamille, Aloe, Propolis, Echinacea …).

4 Verwendung milder, gut geprüfter Konservierungsstoffe
Da jede Creme Wasser enthält, braucht sie Konservierung. Hypoallergene Produkte verwenden nur wenige, gut verträgliche Optionen, z. B.: Sodium benzoate, Potassium sorbate, Phenoxyethanol, und Caprylyl glycol. NICHT verwendet werden sollen: Methylisothiazolinone (MI), Methylchloroisothiazolinone (MCI) und Formaldehydabspalter.

Typische INCI-Struktur: Aufbau einer hypoallergenen Creme

• Wasser (Aqua)
• Feuchthaltemittel (Glycerin)
• Barrierestoffe (Squalane, Ceramide)
• Emulgatoren (Hydriertes Lecithin, mild)
• Lipide (Sheabutter ohne Duftkomponenten oder Mineralölalternativen)
• Milde Konservierer (Sodium benzoate/Phenoxyethanol)
• antioxidativer Stabilisator (Tocopherol)


5 Sehr milde Tenside (bei Reinigungsprodukten)
Hypoallergene Reiniger verwenden Tenside, die die Hautbarriere möglichst wenig stören. Bevorzugt werden Cocoglucoside, Lauryl glucoside, PEG-derivierte und milde Emulgatoren. Ausgeschlossen werden sollten Sodium lauryl sulfate (SLS) und starke Betain-Verbindungen (Cocamidopropyl betaine).

6 Fokus auf Hautbarriere-Schutz
Da die Allergiegefahr durch eine geschwächte Barriere steigt, enthalten hypoallergene Produkte oft Ceramide, Hyaluronsäure, Squalane, Panthenol sowie Glycerin. Diese sind gut verträglich, nicht sensibilisierend und barriereunterstützend.

7 Keine Farbstoffe
Farbstoffe gehören ebenfalls zu den unnötigen, potenziell irritierenden Zusätzen. Hypoallergene Produkte sind daher farblos, ohne CI-Farbstoffe und ohne pflanzliche Färberextrakte.

8 Sterile oder konservierungsarme Verpackungssysteme
Viele hypoallergene Produkte nutzen sterile Kosmetik-Technologien wie luftdichte Pumpflaschen, Sterilfilter und Einwegventile. Dadurch können sie Konservierungsstoffe minimieren, Oxidation vermeiden und die Keimbelastung senken. 

9 Klinische Tests an empfindlicher/atopischer Haut
Hypoallergene Produkte werden oft an Allergiker:innen, Personen mit atopischer Dermatitis, Personen mit geschwächter Barriere oder Kontaktallergiker:innen getestet. Oft finden sich Zertifizierungen wie ECARF, Allergy Certified oder Dermatologically tested.

Fazit
Hypoallergene Kosmetika sind so aufgebaut, dass sie die Haut möglichst wenig stimulieren – chemisch, sensorisch oder immunologisch. Zusammenfassend kann man sagen, sie sind duftfrei, frei von Pflanzenextrakten, minimalistisch zusammengesetzt, hautbarrierestärkend, mild konserviert und kontrolliert getestet.

Quellen
•   Travassos AR, et al.: Non-fragrance allergens in specific cosmetic products. Contact dermatitis vol. 65,5 (2011): 276-85
•   Goossens A: New cosmetic contact allergens. Cosmetics 2015; 2(1):22-32
•   Bruusgaard-Mouritsen MA, et al.: Facial contact dermatitis caused by cosmetic-relevant allergens. Contact dermatitis vol. 85,6 (2021): 650-659
•   Hafner MFS, et al.: Allergic contact dermatitis to cosmetics: retrospective analysis of a population 
subjected to patch tests between 2004 and 2017. An Bras Dermatol 2020; 95(6):696-701
•   Németh D, et al.: Preservative contact hypersensitivity among adult atopic dermatitis patients. Life 2022; 12(5):715

Weitere Literatur bei der Autorin

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