In der täglichen Praxis werden die Begriffe „Allergie“ und „Unverträglichkeit“ häufig synonym verwendet. Während die Symptomatik, insbesondere im Gastrointestinaltrakt, Überschneidungen aufweisen kann, unterscheiden sich die zugrunde liegenden Pathomechanismen grundlegend. Eine präzise diagnostische Abgrenzung ist essenziell, um lebensbedrohliche Risiken zu minimieren und die Lebensqualität der Betroffenen durch gezielte Therapiekonzepte zu verbessern.
Die echte Allergie: Das Immunsystem im Alarmzustand
Eine Nahrungsmittelallergie ist eine spezifische Immunantwort auf harmlose Proteine. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Typ-I-Überempfindlichkeit, die durch Immunglobulin E (IgE) vermittelt wird.
Bei Kontakt mit dem Allergen kommt es zur massiven Ausschüttung von Entzündungsmediatoren wie Histamin. Das klinische Bild reicht von oralen Allergiesyndromen über juckende Ausschläge bis hin zum anaphylaktischen Schock. Charakteristisch für die Allergie ist die Dosisunabhängigkeit: Bereits kleinste Spuren können eine systemische Reaktion auslösen. Die Diagnostik stützt sich hierbei auf den Prick-Test sowie den Nachweis spezifischer IgE-Antikörper im Serum.
Die Zöliakie: Eine Sonderstellung
Eine besondere Herausforderung in der Klassifikation stellt die Zöliakie dar. Diese ist weder eine klassische Allergie noch eine reine Intoleranz, sondern eine autoimmunologische Systemerkrankung, die durch das Klebereiweiß Gluten ausgelöst wird. Hier führt die Zufuhr bereits kleinster Mengen zu einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut.
Präzise Diagnostik
Die Unterscheidung zwischen immunologischen und nicht-immunologischen Reaktionen ist die Basis jeder Ernährungsberatung. Während bei Allergiker:innen oft eine strikte Karenz lebensnotwendig ist, steht bei Patient:innen mit Intoleranzen die Ermittlung der individuellen Schwellenwert-Dosis im Vordergrund, um unnötige Ernährungseinschränkungen zu vermeiden.
Diagnostik der IgE-vermittelten Allergie
Bei Allergien steht die Identifikation immunologischer Kaskaden im Vordergrund. Die Diagnostik folgt hier einem stufenweisen Prozess.
• Hauttests (Prick-Test): Nach wie vor das primäre Screening-Instrument. Die Reaktion (Quaddelbildung) liefert innerhalb von 15–20 Minuten erste Hinweise auf eine Sensibilisierung.
• In-vitro-Diagnostik (Spezifisches IgE): Die Bestimmung von Antikörpern im Serum (z. B. via CAP-System (Carrier-Polymer-System)) erlaubt eine Quantifizierung der Sensibilisierung.
• Molekulare Komponentendiagnostik [CRD (Component-Resolved Diagnostics)]: Dieser Ansatz hat mittlerweile einen hohen Stellenwert. Statt ganzer Allergenextrakte werden einzelne Proteinmoleküle im Allergen untersucht. Dies ermöglicht eine präzisere Risikoabschätzung für schwere Anaphylaxien und die Abgrenzung zu Kreuzreaktionen.
• Oraler Provokationstest (OPT): Dieser Test bleibt unter ärztlicher Aufsicht das letzte Mittel zur Bestätigung der klinischen Relevanz, falls Anamnese und Labortests keine eindeutige Diagnose zulassen.
Im Gegensatz zur Allergie agiert das Immunsystem bei einer Intoleranz (Unverträglichkeit) im Hintergrund.
Hier liegt die Ursache meist in einer physiologischen Störung, bestimmte Stoffe zu resorbieren bzw. zu verarbeiten. Mehrere Auslöser kommen
infrage:
• Enzymmangel: Bei der Laktoseintoleranz führt ein Mangel an Laktase dazu, dass Milchzucker unverdaut in den Dickdarm gelangt und dort von Bakterien fermentiert wird.
• Transportdefekte: Bei der Fruktosemalabsorption ist das Transportsystem (GLUT-5) im Dünndarm überlastet.
• Pharmakologische Effekte: Reaktionen auf biogene Amine wie Histamin.
Ein entscheidendes Merkmal der Intoleranz ist die Dosisabhängigkeit. Die meisten Betroffenen verfügen über eine individuelle Toleranzschwelle. Die Symptomatik ist primär lokal auf den Verdauungstrakt begrenzt (Meteorismus, Diarrhoe etc.), wenngleich bei der Histaminintoleranz auch systemische Effekte wie Kopfschmerzen, Migräne oder Flush auftreten können.
Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Hier konzentriert sich die Diagnostik auf den Nachweis von Malabsorptionen und Enzymdefekten.
• H2-Atemtest (Wasserstoff-Exhalationstest): Nach Anamnese und Symptomtagebuch das Standardverfahren für Laktose- und Fruktoseintoleranz. Gemessen wird die Wasserstoffkonzentration in der Ausatemluft nach oraler Gabe der Testsubstanz. Ein Anstieg (typischerweise > 20 ppm über dem Basalwert) deutet auf eine Malabsorption hin.
• Diagnostische Diäten: Bei Verdacht auf Histaminintoleranz ist eine mehrwöchige Eliminationsdiät mit anschließendem Symptomtagebuch und ggf. titrierter Provokation nach wie vor entscheidend, da Labormarker wie die DAO-Aktivität im Serum allein oft nicht aussagekräftig genug sind.
• Zöliakie-Diagnostik: Hier wird eine Kombination aus Bluttest (Nachweis von Antikörpern wie tTG-IgA, EmA-IgA, Gesamt-IgA, Gliadin-IgG) und – bei Erwachsenen meist unverzichtbar – Dünndarmbiopsie (Gastroskopie mit Gewebeproben, Marsh-Klassifizierung) mittels Endoskopie angewandt. Wichtig ist, dass vor der Diagnose glutenhaltige Nahrung eingenommen wird, um die Werte nicht zu verfälschen.
Ernährungsempfehlungen
Während bei Allergien die Sicherheit bzw. komplette Lebensmittel-Karenz an oberster Stelle steht, zielt die Ernährungsempfehlung bei Unverträglichkeiten auf die kleinstmögliche Einschränkung der Lebensmittelwahl ab.
Ernährung bei IgE-vermittelten Allergien
Hier gilt das Prinzip der strikten Allergenkarenz, da bereits minimale Mengen lebensbedrohliche Reaktionen auslösen können. Diese umfasst neben dem strikten Meiden der individuell identifizierten Auslöser (z. B. Erdnüsse, Schalentiere etc.) auch ein fundiertes Wissen über Produkte, deren Kennzeichnung sowie das regelmäßige Studieren der Zutatenlisten. Die 14 Hauptallergene sind EU-weit kennzeichnungspflichtig und umfassen: Gluten, Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch, Schalenfrüchte (Nüsse), Sellerie, Senf, Sesam, Schwefeldioxid und Sulfite, Lupinen sowie Weichtiere.
Bei Pollenallergiker:innen ist zusätzlich auf Kreuzreaktionen zu achten. So können etwa bei Allergien gegen Birkenpollen auch pollenassoziierte Lebensmittelallergien auftreten, z. B. gegen Äpfel oder Haselnüsse. Der Fokus liegt generell auf frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln und dem bevorzugten Kochen zu Hause, um versteckte Allergene in Fertigprodukten zu vermeiden.
Mikronährstoffe bei Allergien und Unverträglichkeiten
Bei Allergien und Unverträglichkeiten hat sich die gezielte und individuell geprüfte Zufuhr von Mikronährstoffen als wichtige Begleittherapie etabliert. Sie können die zugrunde liegende Allergie oder Intoleranz zwar nicht heilen, jedoch die Reizschwelle des Immunsystems erhöhen und die Symptomlast reduzieren.
Das Ziel ist eine beschwerdearme Ernährung ohne unnötige Einschränkungen. Das Vorgehen erfolgt meist in drei Phasen:
• Karenzphase von ca. 2–4 Wochen Striktes Meiden des Auslösers (z. B. Laktose oder Fruktose), um den Körper zu beruhigen.
• Testphase
Schrittweise Wiedereinführung der Stoffe zur Ermittlung der individuellen Toleranzschwelle.
• Langfristige Ernährung
Dauerhafte Kostform, die so viel wie möglich zulässt, um Nährstoffmängel zu vermeiden.
Bei Laktoseintoleranz können laktosefreie Produkte oder Enzymsupplemente (Laktase-Tabletten) empfohlen werden. Bei Fruktosemalabsorption sollte v. a. isolierter Fruchtzucker vermieden werden. Oft wird Obst in Kombination mit Fett oder Eiweiß besser vertragen. Bei einer Histaminintoleranz sollten lang gereifte Produkte wie Hartkäse, Rotwein oder Konserven gemieden und frische Lebensmittel bevorzugt werden.
Mikronährstoffe bei Allergien (Immunmodulation)
Bei allergischen Reaktionen stehen die Stabilisierung der Mastzellen und die Dämpfung der Entzündungskaskade im Vordergrund.
• Vitamin D: Es gibt Hinweise, dass ein adäquater Vitamin-D-Spiegel wichtig für die Allergieprävention und -kontrolle ist. Vitamin D wirkt regulatorisch auf T-Zellen und kann die Ausprägung von Heuschnupfen und allergischem Asthma mildern (1.000–2.000 I.E /Tag – abhängig vom persönlichen Vitamin-D-Status).1
• Zink: Dieses Spurenelement ist für die Barrierefunktion der Schleimhäute und die Regulation der Immunantwort unverzichtbar. In experimentellen Modellen konnte gezeigt werden, dass Zink die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen hemmen kann (10–20 mg/Tag).2
• Vitamin C: Als Antioxidans wird Vitamin C häufig bei allergischen Reaktionen und Entzündungsprozessen zur Unterstützung eingesetzt (500–1.000 mg/Tag).
• Vitamin E: Bei Pollenallergien, Asthma und Neurodermitis kann das Vitamin entzündliche Prozesse im Körper abschwächen und wirkt in experimentellen Studien stabilisierend auf Mastzellen sowie histaminsenkend (200–400 I.E/Tag).3
• Omega-3-Fettsäuren: Diese Fettsäuren dienen als Gegenspieler zu entzündungsfördernden Botenstoffen und können dazu beitragen, die Überreaktivität des Bronchialsystems bei Allergiker:innen zu reduzieren (1,5–2 g/Tag).4
Mikronährstoffe bei Unverträglichkeiten (Enzymunterstützung)
Besonders bei der Histaminintoleranz ist der Körper auf spezifische Co-Faktoren angewiesen, um Abbauprozesse aufrechtzuerhalten.
• Vitamin B6, Vitamin C und Kupfer: Diese drei Nährstoffe sind essenzielle Co-Faktoren für das Enzym Diaminoxidase (DAO), das für den Abbau von Histamin im Darm verantwortlich ist. Ein Mangel kann die Enzymaktivität einschränken und die Symptomatik möglicherweise intensivieren (Vitamin B6: 10–15 mg; Vitamin C: 200–300 mg; Kupfer: 1–1,5 mg/Tag).
• Magnesium: Hilft bei der Entspannung der glatten Muskulatur im Darmtrakt und kann so häufige Bauchkrämpfe bei verschiedenen Nahrungsmittelintoleranzen lindern (200–400 mg/Tag).
• Quercetin: Quercetin wird als potentes natürliches Antihistaminikum diskutiert. Es stabilisiert die Zellmembranen der Mastzellen und wird zunehmend als begleitende Supplementierung bei saisonalen Allergien empfohlen (100–500 mg/Tag).5
Bei Wegfall von Grundnahrungsmitteln wie beispielsweise Milch, Obst oder Getreideprodukten sollten Alternativen wie mit Calcium angereicherte Pflanzendrinks oder moderat dosierte Nährstoffsupplemente sowie Ballaststoffquellen wie Flohsamenschalen empfohlen werden.
Eine ballaststoffreiche Ernährung mit gut verträglichen Gemüsesorten wie Zucchini oder Karotten unterstützt generell die Darmgesundheit und kann die Toleranz stabilisieren.
Quellen
1 Bakhshaee M, et al.: Therapeutic effect of vitamin D supplementation on allergic rhinitis. Eur Arch Otorhinolaryngol 2019;276(10):2797-2801
2 Maywald M, et al.: Zinc deficiency and zinc supplementation in allergic diseases. Biomolecules 2024; 19;14(7):863
3 Tettamanti L, et al.: Different signals induce mast cell inflammatory activity: inhibitory effect of Vitamin E. J Biol Regul Homeost Agents 2018;32(1):13-19
4 Schubert R, et al.: Effect of n-3 polyunsaturated fatty acids in asthma after low-dose allergen challenge. Int Arch Allergy Immunol 2009;148(4):321-9
5 Hattori M, et al.: Quercetin inhibits transcriptional up-regulation of histamine H1 receptor via suppressing protein kinase C-δ/extracellular signal-regulated kinase/poly(ADP-ribose) polymerase-1 signaling pathway in HeLa cells. Int Immunopharmacol 2013;15(2):232–39
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