Sonne und Hautmikrobiom

Der unterschätzte Faktor


Mag.  Ruth Maria  Streibl, PhD


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Dass UV-Strahlung die Immunabwehr der Haut dämpft, ist seit Langem bekannt. Dieser Mechanismus ist ein wesentlicher Grund, warum chronische Sonnenexposition das Risiko für Hauttumore erhöht. Was bislang weniger beachtet wurde: Das Hautmikrobiom kann diesen Prozess aktiv modulieren. Bereits 2019 zeigten Patra et al. von der Meduni Graz, dass keimfreie Tiere nach UV-Bestrahlung eine deutlich stärkere Immunsuppression entwickelten als mikrobiomtragende Artgenossen. In Anwesenheit des Mikrobioms zeigte sich nach UV-Exposition ein anderes zelluläres und immunologisches Muster – mit insgesamt geringerer systemischer Immunsuppression.1 Die Ergebnisse stammen aus dem Mausmodell; ob ein gestörtes Mikrobiom – etwa durch aggressive Reinigung oder Antibiotikaexposition – beim Menschen ähnliche Effekte hat, bleibt zu untersuchen.

cis-Urocaninsäure: Ein Metabolit im Zentrum

Ein Schlüsselmolekül in diesem Zusammenhang ist die Urocaninsäure. In ihrer trans-Form absorbiert sie im Stratum corneum UV-Strahlung; unter UV-Einfluss entsteht daraus die immunsuppressiv wirkende cis-Form. In einer aktuellen Arbeit zeigten Patra et al. im Mausmodell, dass bestimmte Hautbakterien – darunter Staphylococcus epidermidis – die cis-Form enzymatisch abbauen, ihre Konzentration auf der Haut senken und damit die Immunsuppression abschwächen. Wurde dieser bakterielle Abbauweg experimentell blockiert, kehrte die Immunsuppression zurück. Ein erster Pilotversuch an sechs Proband:innen lieferte Hinweise, dass der Mechanismus auch beim Menschen relevant sein könnte – die Datenlage ist aber noch präliminär.2 Bemerkenswert ist dabei: Sonnenschutzprodukte, cis-Urocaninsäure und das Mikrobiom konkurrieren miteinander im Stratum corneum – dem Schauplatz, auf dem UV-Schutz, Mikrobiom und Immunmodulation unmittelbar aufeinandertreffen.

Hautmikrobiom:
Was wir wissen

(nach Smith et al.4)

• Datenlage dünn: Der Einfluss kommerzieller Sonnenschutzprodukte auf das Hautmikrobiom ist kaum systematisch untersucht; pauschale Aussagen zur Mikrobiom-
verträglichkeit sind (noch) nicht möglich.
• Gesamtformulierung entscheidet: Nicht allein der UV-Filter, sondern Partikelgröße, Oberflächenbeschichtung, Photostabilisatoren und Hilfsstoffe bestimme die möglichen Effekte auf das Mikrobiom.
• Nanopartikel: Für TiO2 und ZnO sind in vitro antimikrobielle Effekte beschrieben – ob klinisch relevant, ist ungeklärt.
• Ausblick: Probiotische, präbiotische und postbiotische Ansätze in Sonnenschutzprodukten befinden sich in der Entwicklung.

Das Mikrobiom als Stoffwechselpartner der Haut

Das Mikrobiom ist nicht nur über die Urocaninsäure in die UV-Reaktion der Haut eingebunden. In einem aktuellen Literaturreview wird zusammengefasst, dass Hautbakterien eine Reihe von Metaboliten produzieren, die nach UV-Exposition relevant sein können – von UV-absorbierenden Substanzen über entzündungsmodulierende Fettsäuren bis hin zu zellprotektiven Verbindungen, die teilweise bereits in Hautpflegeprodukten eingesetzt werden (siehe Tabelle 1, oben). UV-Exposition kann dieses Metabolitenprofil verändern – mit möglichen Folgen für Barrierefunktion und Immunregulation, die bislang kaum untersucht sind.3

Sonnenschutzformulierungen und Mikrobiom: Wissensstand mit Lücken

Während die Grundlagenforschung das Mikrobiom zunehmend als Schutzpartner identifiziert, stellt sich die Frage: Was machen die Produkte, die täglich empfohlen werden, mit dieser mikrobiellen Gemeinschaft? Smith et al. mahnen in ihrem Review allerdings zur Bescheidenheit: Der Einfluss kommerzieller Sonnenschutzprodukte auf das Hautmikrobiom ist bislang kaum systematisch erforscht. Eine Rangfolge nach „mikrobiomfreundlich“ ist nicht gesichert – entscheidend ist nicht allein der UV-Filtertyp, sondern die Gesamtformulierung (siehe Kasten, S.72).4 Die Übersichtsarbeiten plädieren übereinstimmend dafür, Mikrobiomkompatibilität künftig als eigenständiges Qualitätsmerkmal in der Sonnenschutzentwicklung zu etablieren.3,4

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Fazit

Das Hautmikrobiom rückt im Kontext des Lichtschutzes zunehmend in den Mittelpunkt. Es moduliert die immunologischen Folgen von UV-Exposition, produziert hautrelevante Metaboliten und wird durch die Produkte, die wir empfehlen, in noch wenig verstandener Weise beeinflusst. Das bedeutet: Die Beratungskompetenz im Bereich Sonnenschutz sollte das Hautmikrobiom künftig mitdenken – von der Produktauswahl über die Reinigungsempfehlung bis hin zur Nachpflege. Die Wissenschaft liefert dafür zunehmend die Grundlagen – die Praxis wird folgen.

Quellen

  1. Patra V, et al.: Skin microbiome modulates the effect of ultraviolet radiation on cellular response and immune function. iScience 2019; 15: 211–222. DOI: 10.1016/j.isci.2019.04.026 
  2. Patra V, et al.: Urocanase-positive skin-resident bacteria metabolize cis-urocanic acid and in turn reduce the immunosuppressive properties of UVR. J Invest Dermatol 2025; 145(11): 2839–2853. DOI: 10.1016/j.jid.2025.03.035 
  3. Mercer SD, et al.: The skin microbiome, microbial metabolites and the epidermal response to ultraviolet radiation – towards next generation suncare. Exp Dermatol 2025; 34: e70142.  DOI: 10.1111/exd.70142 
  4. Smith ML, et al.: Exploring associations between skin, the dermal microbiome, and ultraviolet radiation: advancing possibilities for next-generation sunscreens. Front Microbiomes 2023; 2: 1102315. DOI: 10.3389/frmbi.2023.1102315

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