84. FIP-Weltkongress in Montréal

One Health, One Pharmacy

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Das Palais des Congrès de Montréal verwandelte sich für drei Tage zum Treffpunkt der internationalen Pharmazie. © beigestellt
Das Palais des Congrès de Montréal verwandelte sich für drei Tage zum Treffpunkt der internationalen Pharmazie. © beigestellt

Schon der Veranstaltungsort hätte kaum besser zu einem Kongress passen können, der Veränderung und neue Perspektiven zum Thema machte. Vom 30. August bis zum 2. September war das Palais des Congrès de Montréal Treffpunkt der internationalen Pharmazie. Das Kongresszentrum ist selbst ein architektonisches Statement: Seine Fassade besteht aus 390 transparenten Glaspaneelen in leuchtenden Farben. Im Inneren setzte der kanadische Landschaftsarchitekt Claude Cormier mit 52 pinkfarbenen Beton-Baumstämmen einen weiteren unübersehbaren Akzent.

Unter dem Motto „One Health, One Pharmacy – Bridging science, practice and education“ kamen 3.250 Teilnehmer:innen aus 112 Ländern zusammen. Vier Tage lang ging es um Wissenschaft und Praxis, Ausbildung und Regulierung, Digitalisierung, neue pharmazeutische Dienstleistungen – und um die Frage, welche Rolle Apotheker:innen künftig in Gesundheitssystemen übernehmen können und sollen.

Kanada: Fachkräftemangel 

Der Kongress startete mit einem Blick auf die Pharmazie des Gastgeberlandes. Kanada verfügt über elf pharmazeutische Hochschulen, die jährlich rund 1.560 Studierende ausbilden; etwa 1.230 Apotheker:innen schließen pro Jahr ihr Studium ab. Dennoch fehlen derzeit rund 3.000 Apotheker:innen. Nova Scotia versucht daher mit einem vereinfachten Zulassungsverfahren, ausgebildete Apotheker:innen unter anderem aus den USA, Australien und Jordanien zu gewinnen.

Damit stand gleich zu Beginn ein Thema im Raum, das den gesamten Kongress begleiten sollte: Gesundheitssysteme übertragen Apotheker:innen zunehmend neue Aufgaben – gleichzeitig müssen genügend qualifizierte Expert:innen vorhanden sein, um diese auch zu übernehmen.

„One FIP“ – eine gemeinsame Stimme

FIP-Präsident Paul Sinclair griff das Kongressmotto auf: „Wenn wir eine Brücke zwischen Wissenschaft, Praxis und Ausbildung schlagen, werden wir nicht nur zu ‚One Pharmacy‘ und ‚One Health‘, sondern vereinen uns auch als ‚One FIP‘.“

Seine Botschaft war klar: Die Pharmazie kann ihren Beitrag zur globalen Gesundheit nur dann ausbauen, wenn sie international geschlossen auftritt und die Zusammenarbeit etwa mit der Weltgesundheitsorganisation intensiviert.
Wie konkret diese internationale Interessenvertretung mittlerweile ist, zeigte Sinclair anhand der 79. Weltgesundheitsversammlung im Mai 2026. Eine 55-köpfige FIP-Delegation war dort bei mehr als 80 Veranstaltungen vertreten – unter anderem zu Selbstmedikation, humanitärer Hilfe, Zugang zu Arzneimitteln und Tabakentwöhnung.

Dahinter steht eine wichtige Entwicklung: Viele Entscheidungen, die den Apothekerberuf verändern, werden längst nicht mehr ausschließlich national vorbereitet. Wer dort nicht vertreten ist, wo internationale Gesundheitsstrategien entstehen, kann später oft nur noch auf Entwicklungen reagieren.

Österreichische Innovationen auf inter­nationaler Bühne

Für die österreichische Delegation begann der Montag früh. Bereits um acht Uhr präsentierten Mag. pharm. Stefan Deibl und Mag. iur. Franz Ferrari von der Österreichischen Apothekerkammer gemeinsam mit Kolleg:innen aus Indonesien und Indien aktuelle Entwicklungen.

Deibl und Ferrari stellten die APO-App sowie die in ELGA integrierte Software zur Medikationsüberprüfung vor und berichteten über den „Improved Drug Trial“, der eine signifikante Reduktion arzneimittelbezogener Probleme und Verbesserungen bei patientenberichteten Ergebnissen zeigte. Darüber hinaus skizzierten sie die nächsten Entwicklungsschritte: apothekenbasierte Impfangebote und den Ausbau patientennaher Labortests, für die jüngste gesetzliche Änderungen neue Möglichkeiten geschaffen haben.

Audrey Clarissa vom Indonesischen Apothekerverband wiederum beschrieb Apotheker:innen als Akteure entlang des gesamten Arzneimittellebenszyklus – von Forschung und GMP-konformer Herstellung über Patientenversorgung bis zum Arzneimittelrückruf. Als Beispiele für ihre Bedeutung in Krisenzeiten nannte sie die Umwidmung von Arzneimitteln während der COVID-19-Pandemie und die Reaktion auf die Ethylenglykol-Kontamination, die in Indonesien Todesfälle bei Kindern verursacht hatte.

Jayapal Show Reddy Thumma verwies schließlich auf die globale Bedeutung Indiens als Produktionsstandort: Rund ein Drittel der weltweit verwendeten Generika stammt demnach aus Indien.

Von der Abgabestelle zum Gesundheitsdienstleister

Vor allem der Montag zeigte, wie sehr sich die Apothekenpraxis international verändert: weg von einer primär produktorientierten Arzneimittelabgabe, hin zu einer proaktiven, klinisch stärker eingebundenen und mit anderen Gesundheitsberufen vernetzten Versorgung.

Die öffentliche Apotheke wird zunehmend als niederschwelliger Zugang zum Gesundheitssystem verstanden. Prävention, Medikationsmanagement, Impfungen, patientennahe Diagnostik und die Begleitung chronisch Erkrankter erweitern das traditionelle Aufgabenspektrum.

Neue Kompetenzen brauchen allerdings entsprechende Ausbildungsmodelle, regulatorische Rahmenbedingungen und nachhaltige Finanzierung. Auch beim Zugang zu hochpreisigen innovativen Therapien und neuer Prävention – etwa im Bereich HIV – spielen globale Partnerschaften und moderne Ausbildungsstrukturen eine wachsende Rolle.
Gerade aus österreichischer Perspektive war der Vergleich interessant. Viele Leistungen, über deren Einführung hierzulande noch intensiv diskutiert wird, sind andernorts längst pharmazeutische Praxis. Die Frage, ob sich das Berufsbild verändern wird, scheint international weitgehend beantwortet. Entscheidend ist vielmehr, wie schnell und unter welchen Bedingungen diese Veränderung gelingt.

KI als Kongressbegleiter

Nicht nur über Digitalisierung wurde gesprochen – sie war während des Kongresses unmittelbar erlebbar. Erstmals konnten Vorträge in Echtzeit in mehr als 70 Sprachen übertragen werden. Über die FIP-App und Snapsight ließen sich Beiträge auf Smartphone oder Tablet simultan übersetzen; zusätzlich standen Zusammenfassungen und kurze Abstracts zur Verfügung. So konnten selbst parallel stattfindende Sitzungen zumindest in ihren wesentlichen Aussagen nachverfolgt werden.

Die App erleichterte auch das Networking: Teilnehmer:innen konnten gezielt Personen und Poster suchen, Kontakte herstellen, sich über eine digitale Karte orientieren und wurden über unmittelbar bevorstehende Veranstaltungen informiert.

Der KI-unterstützte Begleiter demonstrierte damit ganz praktisch, worüber in vielen Sitzungen gesprochen wurde: Technologie entfaltet ihren größten Nutzen nicht dort, wo sie Menschen ersetzt, sondern dort, wo sie Zugang zu Wissen und Kommunikation erleichtert.

Nachhaltig & persönlich

Auch Ressourcenschonung wurde praktisch umgesetzt. Lunchboxen bestanden größtenteils aus Karton, das Besteck aus Holz, mehr als die Hälfte des Essens war pflanzenbasiert. Alle Teilnehmer:innen erhielten zudem eine wiederbefüllbare Wasserflasche für die zahlreichen Nachfüllstationen im Kongresszentrum.

Während der Pausen boten kom­fortable Meetingkojen Raum für Gespräche. Industrieausstellung und umfangreiche Posterpräsentationen ermöglichten zusätzlich den direkten Austausch mit Unternehmen, Forscher:innen und Autor:innen. Überhaupt ging das Programm weit über klassische Vorträge hinaus. Workshops wurden ebenso angeboten wie Führungen durch pharmazeutische Universitätseinrichtungen, ein Krankenhaus und einen Hersteller pharmazeutischer Verpackungen. Sportliche Teilnehmer:innen konnten beim fünf Kilometer langen „FIP Foundation Fun Run“ Bewegung und Networking verbinden.

Wenn aus Kontakten Begegnungen werden

Eine wichtige Rolle spielten auch die Abendveranstaltungen. Die österreichische Delegation nahm unter anderem am Dinner der Community Pharmacy Section teil. Die Teilnehmer:innen waren gebeten worden, ihre Landesflaggen mitzubringen; wer wollte, konnte sich zudem musikalisch präsentieren. Überraschend viele nahmen dieses Angebot an – und aus einem internationalen Netzwerk wurde für einige Stunden eine sehr persönliche Gemeinschaft.

Was von Montréal bleibt

3.250 Menschen aus 112 Ländern bringen zwangsläufig sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme, Ausbildungstraditionen und berufspolitische Realitäten mit. Dennoch war in Montréal eine erstaunlich gemeinsame Richtung erkennbar.

Die Pharmazie definiert sich international zunehmend nicht mehr ausschließlich über das Arzneimittel, sondern über die Verantwortung für dessen bestmöglichen Einsatz. Das verändert Ausbildung und Berufspraxis ebenso wie das Verhältnis zu anderen Gesundheitsberufen. Digitalisierung und künstliche Intelligenz beschleunigen diese Entwicklung zusätzlich.

Für Österreich liegt darin eine klare Botschaft: Wir verfügen über hervorragend ausgebildete Apotheker:innen, eine leistungsfähige Infrastruktur und einen niederschwelligen Zugang zur Bevölkerung. Dieses Potenzial stärker für Prävention, Arzneimitteltherapiesicherheit, Impfungen und patientennahe Diagnostik zu nutzen, wäre keine Revolution. Es wäre die konsequente Weiterentwicklung eines Berufs, die international längst begonnen hat.
Vielleicht war deshalb das Motto dieses Kongresses treffender, als es zunächst erschien: „One Health, One Pharmacy“ bedeutet nicht, dass Pharmazie überall gleich aussehen muss. Es bedeutet, Wissenschaft, Ausbildung und Praxis so miteinander zu verbinden, dass pharmazeutische Kompetenz dort ankommt, wo sie gebraucht wird – bei den Menschen.

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