Interview

Neurologie im Wandel

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Miriam Mehlman (l.), beigestellt (r.) © Miriam Mehlman (l.), beigestellt (r.)
© Miriam Mehlman (l.), beigestellt (r.)

Die Neurologie stellt auch die pharmazeutische Beratung vor neue Herausforderungen. Und exakt diese werden bei den APOkongressen in Salzburg (7.–8.11.26) und Wien (14.–15.11.26) thematisiert. Das Tagungspräsidium – Mag. pharm Catherine Bader und Assoc. Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Paulus Rommer – im Interview über Veränderungen, Empfehlungen und Grenzen. 

ÖAZ Neurologische Erkrankungen nehmen in der täglichen Gesundheitsversorgung einen immer größeren Stellenwert ein. Warum haben Sie gerade „evidenzbasierte Therapie und Beratung bei neurologischen Indikationen“ zum Schwerpunkt des diesjährigen Kongresses gemacht?
Mag. pharm. Catherine Bader Die Neurologie hat sich besonders angeboten, weil sich in den letzten Jahren hier viel getan hat. Gleichzeitig sind die fünf Indikationen – Migräne, Demenz, Schwindel, Schlaganfall und Multiple Sklerose – für die Apothekerinnen und Apotheker relevant, weil viele Menschen davon betroffen sind, ein hoher Leidensdruck besteht und wir Apotheker:innen oft die ersten Ansprechpartner für die Patient:innen sind, vor allem bei unklarer Symptomatik. In der Behandlung wiederum steht und fällt der Therapieerfolg bei neurologischen Erkrankungen mit der Adhärenz der Patientin, des Patienten. Allerdings ist sie gerade in diesem Indikationsgebiet sehr schwierig auf dem erforderlichen Niveau zu halten, insbesondere langfristig. Hier können wir Apotheker:innen mit unserer Beratung und Begleitung, mit Präsenz und Empathie einen maßgeblichen Unterschied machen.
Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Paulus Rommer Die Fortschritte in der Neurologie bringen große Veränderungen mit sich – für die Patientinnen und Patienten, für die Medizin, aber auch für die Apothekerinnen und Apotheker. Die Neurologie ist zwar ein traditionsreiches Fachgebiet, gleichzeitig hatten wir früher gerade bei vielen neurologischen Erkrankungen nur sehr begrenzte Therapiemöglichkeiten. Aber wir haben unglaublich gute Diagnostiker:innen und daher können wir heute deutlich besser behandeln. Das zeigt sich etwa bei Migräne und Multipler Sklerose, aber auch bei Demenzerkrankungen, wo neue Therapieansätze und Medikamente hinzugekommen sind.

ÖAZ Wie lässt sich evidenzbasiertes Wissen vermitteln und was bedeutet dies überhaupt? 
Rommer Die Evidenz ist die wissenschaftliche Grundlage, auf der wir unsere Therapieentscheidung treffen sollten. Allerdings ist der Begriff Evidenz sehr breit gefasst. Auch persönliche Beobachtungen und klinische Erfahrungen können eine Form von Evidenz darstellen. Wenn wir jedoch von allgemeinen Therapieempfehlungen sprechen, benötigen wir wissenschaftlich belastbare Evidenz aus großen, methodisch hochwertigen Studien, die zeigt, dass die Patientinnen und Patienten tatsächlich von der Behandlung profitieren. Evidenzbasiertes Wissen zu vermitteln bedeutet aber nicht nur, Studienergebnisse weiterzugeben, sondern auch, deren Aussagekraft, Grenzen und praktische Bedeutung verständlich zu machen. Entscheidend ist, wie wir diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auf den einzelnen Patienten übertragen. Es reicht nicht, nur auf das Medikament und das Therapieziel zu schauen, es müssen auch individuelle Risikofaktoren wie Lebensstil, Begleiterkrankungen, bestehende Medikation oder geplante Schwangerschaft mitgedacht werden. Nehmen wir einen Patienten, der an Diabetes erkrankt ist, mehrere Medikamente einnimmt und vom Hausarzt ein Mittel gegen hohen Blutdruck verschrieben bekommt. Da stellt sich die Frage: Hat jeder behandelnde Arzt den vollständigen Überblick über die Medikamente, Erkrankungen und Wechselwirkungen? Hier können Apotheker:innen eine wichtige Rolle übernehmen – wie dies im AKH bereits gehandhabt wird. Hier gibt es eine enge Zusammenarbeit und Interaktion zwischen Medizin und Pharmazie. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein gutes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Evidenz in konkrete, sichere und individuell abgestimmte Therapieentscheidungen umgesetzt werden kann.
 
ÖAZ Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für die pharmazeutische Beratung bei neurologischen Patient:innen? 
Bader Die Rolle der Apothekerinnen und Apotheker beginnt nicht erst bei der Abgabe eines Präparates. Sie ist auch bei der richtigen Anwendung, bei der Therapie und bei zusätzlichen Empfehlungen besonders wichtig. Gerade bei Erkrankungen wie Migräne oder Schwindel gibt es viele Möglichkeiten für eine ergänzende Beratung. Denn nicht jede/r Patient:in mit Migräne bekommt beispielsweise einen monoklonalen Antikörper verschrieben – diese Therapie ist bestimmten Patientengruppen vorbehalten. Viele Menschen haben nur gelegentlich Migräne und brauchen keine solche spezifische Therapie. Gerade bei diesen Patientinnen und Patienten kann die Apotheke eine wichtige Anlaufstelle sein: durch Aufklärung über die Erkrankung selbst, Beratung zur richtigen Anwendung der Medikamente und zusätzliche Empfehlungen, um den Umgang mit Beschwerden zu erleichtern. 

ÖAZ Wie kann die Apotheke erkennen, wann eine Selbstmedikation bei neurologischen Beschwerden noch vertretbar ist und wann eine ärztliche Abklärung notwendig wird? 
Bader Genau das ist eines der essenziellen Themen dieses Kongresses. Wir müssen wissen und erkennen können, wo die Grenzen der Beratung in der Apotheke liegen und auch, wann sogenannte Red Flags vorliegen und wir auf den/die Fachärzt:in verweisen. 

ÖAZ Wie kann interprofessionelle Zusammenarbeit verbessert werden, wenn etwa bei Erkrankungen wie MS oder Demenz häufig mehrere Arzneimittel und unterschiedliche Berufsgruppen beteiligt sind?
Rommer Am Beispiel der MS-Therapien lässt sich das sehr gut veranschaulichen: Allein bei der Multiplen Sklerose gibt es inzwischen mehr als ein Dutzend unterschiedliche Wirkstoffe beziehungsweise Therapieoptionen. Diese greifen auf unterschiedliche Weise in das Immunsystem ein, einige führen auch zu einer ausgeprägten Immunsuppression. Entsprechend müssen mögliche Nebenwirkungen, Infektionsrisiken und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten berücksichtigt werden. Hier nehmen die Apotheken eine bedeutende Rolle ein. Man könnte etwa von „Gatekeepern“ sprechen, wobei ich nicht von einer zusätzlichen Prüf- oder Kontrollinstanz spreche. Denn wenn ein/e Patient:in unterschiedliche Medikamente einnimmt, ist es wichtig, die gesamte Medikation im Blick zu haben. Es geht um Nebenwirkungen, um das Zusammenwirken der einzelnen Arzneimittel und die richtige Dosierung. Gerade bei chronischen Erkrankungen und einer langfristigen Behandlung ist dieser zusätzliche Blick besonders wertvoll. Es ist eben besser, wenn statt zwei vier Augen auf die Medikation schauen. Genau diese Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pharmazie trägt wesentlich zur Arzneimittelsicherheit bei. Wichtig sind dabei ein regelmäßiger Informationsaustausch und möglichst vollständige Informationen über die bestehende Medikation.
 
ÖAZ Welche Rolle übernimmt die Apotheke betreffend Medikationssicherheit und dem Erkennen von arzneimittelbezogenen Problemen?
Bader Eine wichtige, gerade weil die öffentliche Apotheke für viele Menschen die erste Anlaufstelle ist, wenn gesundheitliche Fragen oder Probleme auftreten, auch aufgrund ihres niederschwelligen Zugangs. Dadurch haben wir die Möglichkeit, frühzeitig zu erkennen, ob bei der Medikation etwas nicht stimmt oder die erforderliche Adhärenz nicht gegeben ist. Dann kann man gegebenenfalls gemeinsam – in Absprache mit dem Arzt und unter enger Einbeziehung des/der Patient:in – nachjustieren.

ÖAZ Gibt es bei neurologischen Erkrankungen Therapieempfehlungen, bei denen die Apotheker:innen künftig stärker eingebunden werden sollten?
Bader
Meiner Meinung nach sollten gerade Klinische Pharmazeut:innen und Pharmazeut:innen noch stärker in die interdisziplinäre Zusammenarbeit eingebunden werden. In manchen Krankenhäusern gehen Klinische Pharmazeut:innen mit auf Visite und bringen ihre Expertise direkt ein. Verbreitete Praxis ist aber, dass die KH-Pharmazeut:innen ihre Empfehlungen schriftlich festhalten und den behandelnden Ärzt:innen so zur Verfügung stellen. Insgesamt kann der Erfolg einer Therapie unter Einbeziehung unserer Kompetenzen sicherlich optimiert werden; das gilt ebenso für die öffentliche Apotheke.

ÖAZ Wenn wir heute in fünf Jahren auf den APOkongress zurückblicken, was hat sich verändert, verbessert?
Bader Ich wünsche mir, dass wir bei einer größeren Vielfalt an Indikationen die Möglichkeiten bekommen, die Menschen noch besser zu unterstützen und sie über die reine Arzneimittelabgabe hinaus zu begleiten. Ich sehe die Apothekerinnen und Apotheker in der Rolle des Gesundheitscoaches. In weiterer Folge sollten wir auch in Richtung Gesundheitszentren denken, wo Menschen Fragen stellen können und verständliche Informationen bekommen.
Rommer Ich hoffe, dass wir nach diesem Kongress nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob interprofessionelle Zusammenarbeit sinnvoll ist, sondern dass die Zusammenarbeit zwischen Neurologie und Pharmazie noch selbstverständlicher geworden ist. Und ich hoffe, dass wir für die Polypharmazie konkrete Ansätze gefunden haben, um die Vielzahl an Medikamenten, die manche Patientinnen und Patienten einnehmen müssen, noch besser zu überblicken und mögliche Wechselwirkungen und Risiken frühzeitig zu erkennen. Möglicherweise haben wir auch Synergien entdeckt – nicht nur zwischen Medikamenten, sondern auch zwischen Berufsgruppen.

ÖAZ Welche Frage hätten Sie gerne noch beantwortet, die nicht gestellt wurde?
Rommer Wird die Neurologie noch komplizierter?

ÖAZ Wird sie?
Rommer Ja, und das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Wenn die Neurologie komplizierter wird, bedeutet das auch, dass sich unser Fach weiterentwickelt. Es wird wahrscheinlich immer mehr therapeutische Möglichkeiten geben und die Behandlung wird zunehmend individueller, im Sinne einer Präzisionsmedizin. Die zunehmende Komplexität kann jedoch durch Leitlinien strukturiert und besser beherrschbar gemacht werden. Leitlinien sind aber keine starren Vorschriften, sondern Leitplanken, die auf jeden einzelnen Patienten kompromisslos angewendet werden müssen. Das ist ein bisschen wie beim Kochen: Man kann ein Rezept als Grundlage nehmen, aber man wird ein Gericht nicht unbedingt genauso kochen, wie es die Oma gemacht hat. Es ist eine Anleitung, die Raum für individuelle Anpassungen lässt. Und, wenn es besser schmeckt, füge ich Pfeffer hinzu.

ÖAZ Warum muss man beim APOkongress dabei sein?
Bader Weil man am neuesten Stand der Wissenschaft bleibt, wodurch wir unseren Beruf auch für die Zukunft absichern, und die Themen sehr gut und praxisnah aufbereitet sind. Aber ein Kongress lebt natürlich auch vom Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen – darauf freue ich mich schon.

ÖAZ Danke für das Gespräch.

“Die Rolle der Apothekerinnen und Apotheker beginnt nicht erst bei der Abgabe des Präparates. Sie ist auch bei der richtigen Anwendung und Therapie besonders wichtig. “
Mag. pharm. Catherine Bader Tagungspräsidentin APOkongress
“Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzt:innen und Apotheker:innen zeigt, wie wissenschaftliche Evidenz in konkrete Therapieentscheidungen umgesetzt werden kann.“
Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr. Paulus Rommer Tagungspräsident APOkongress

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