Freund oder Feind?

Fieber

Mag. pharm. Magdalena Muralter
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Fieber © Shutterstock
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Fieber gehört zu den häufigsten Beschwerdebildern, bei denen Patient:innen Rat in der Apotheke suchen – sei es für sich selbst, ihre Kinder oder Angehörige. Eine sichere, evidenzbasierte Beratung durch Apotheker:innen setzt ein fundiertes Verständnis der Ursachen, der physiologischen Bedeutung und der therapeutischen Optionen voraus. 


Definition des Fiebers


Als Fieber wird ein Zustand erhöhter Körperkerntemperatur bezeichnet, der häufig Teil der Abwehrreaktion des Körpers gegen Krankheitserreger oder andere fremde Stoffe ist. Ab wann von Fieber gesprochen wird, ist nicht einheitlich definiert. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Körpertemperatur tageszeitlichen Schwankungen unterliegt und durch Stress, körperliche Aktivität und die Umgebung beeinflusst werden kann. Auch die Messmethode wirkt sich auf die Werte aus.



Laut aktueller AWMF-Leitlinie gilt eine Körperkerntemperatur ab 38,5 °C als Fieber, bei Säuglingen unter drei Monaten bereits ab 38 °C. Internationale Fachgesellschaften orientieren sich ebenfalls meist an rektal gemessenen Werten ab etwa 38 °C oder oral ab circa 37,5 °C. Diese Richtwerte dienen der Orientierung und können je nach Quelle variieren.


Pathogenese des Fiebers



Fieber ist eine aktive, unspezifische Reaktion des Körpers auf Infektionen, Entzündungen oder andere Reize und stellt einen regulierten Anstieg der Körperkerntemperatur über die normalen Schwankungen hinaus dar. Vermittelt wird Fieber durch endogene Pyrogene wie Zytokine (u. a. IL-1, IL-6, TNFα), die von Makrophagen und anderen Immunzellen gebildet werden, wenn der Körper auf exogene Pyrogene – z. B. bakterielle Lipopolysaccharide oder virale Bestandteile – reagiert. Die Zytokinfreisetzung löst eine Kaskade immunologischer Reaktionen aus, einschließlich der Produktion von Prostaglandin E₂, das den Sollwert im Hypothalamus erhöht. Normale Temperaturen werden als „zu niedrig“ wahrgenommen und der Körper beginnt, sich zu erwärmen (verringerte Wärmeabgabe u. a. durch Zittern und Vasokonstriktion). Neuere Erkenntnisse zeigen, dass die Körperkerntemperatur durch mehrere, relativ unabhängige thermoeffektorische Regelkreise gesteuert wird, wobei der Hypothalamus weiterhin das Hauptzentrum der Thermoregulation darstellt. 


Unterschied zur Hyperthermie


Im Gegensatz zum durch Pyrogene vermittelten Fieber entsteht Hyperthermie (z. B. maligne Hyperthermie, Hitzschlag) unabhängig vom Thermoregulationszentrum. Die Körpertemperatur steigt – obwohl der Sollwert unverändert bleibt – häufig über 40 °C, mit erhöhtem Risiko für Organschäden, neurologische Symptome und gesteigerte Mortalität.


Fieber behandeln oder nicht?

evidenzbasierte Empfehlungen nach Altersgruppen
Fieber messen

Säuglinge
• Rektale Messung mit Digitalthermometer am zuverlässigsten
• Thermometer gleitfähig machen

Kinder ab einem Jahr
• Infrarot-Ohrthermometer meist ausreichend genau
• Einfach, schnell, angenehm für das Kind
• Weniger präzise als rektal

Infrarot-Stirn- und -Schläfen-thermometer
• Weniger genau als rektal oder Ohrmessung

Jugendliche und Erwachsene
• Orale Messung mit Digitalthermometer unter der Zunge möglich
• Auf korrekte Anwendung achten: geschlossener Mund, nicht kurz vorher 
essen oder trinken

Axillarmessung
• In keiner Altersgruppe ausreichend verlässlich

Fieber ist ein zentraler Bestandteil der Immunantwort, der zahlreiche Abwehrreaktionen in Gang setzt. Unter anderem werden durch die Freisetzung von Zytokinen die T-Lymphozyten aktiviert, die im Zuge der erworbenen Immunabwehr eine wichtige Rolle spielen. Das Wachstum vieler Pathogene wird gehemmt, die bakterizide Aktivität der Neutrophilen gesteigert und diverse weitere immunologische Prozesse induziert.


Gleichzeitig belastet Fieber den Stoffwechsel, erhöht den Sauerstoffbedarf und steigert das Risiko für Krampfanfälle, Organbelastung oder Hirnschäden. Die häufigste Komplikation – vor allem bei Säuglingen, Kleinkindern und älteren Menschen – ist die Dehydratation. Auf eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und auf Anzeichen wie trockene Schleimhäute, geringe Urinmengen und Benommenheit ist zu achten.
Ob Fieber aktiv gesenkt werden soll, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Antipyretika lindern zwar die Symptome, beeinflussen den Krankheitsverlauf jedoch kaum nachweisbar. Einige Studien deuten sogar darauf hin, dass fiebersenkende Maßnahmen die Krankheitsdauer geringfügig verlängern und die Antikörperbildung beeinträchtigen können. Meta-Analysen zeigen zudem, dass Antipyretika die Mortalität und das Risiko schwerer Komplikationen nicht signifikant verändern.

RED FLAGS
Wann ärztliche Hilfe bei Fieber?


• Säuglinge unter drei Monaten: 
Fieber ≥ 38 °C


• Ältere und geschwächte Erwachsene: 
Fieber ≥ 39 °C


• Gesunde Kinder und Erwachsene: 
Fieber ≥ 40 °C


• Anhaltendes Fieber über drei Tage


• Schwere Vorerkrankungen: Autoimmunerkrankungen, Immundefekte, Herz-/Lungenerkrankungen


• Atemnot, Brustschmerzen 
→ Hinweis auf Pneumonie


• Schlechter Allgemeinzustand, Apathie, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen


• Anzeichen von Dehydratation: geringe Trinkmenge, wenig Urin, trockener Mund

• Zusätzlich Durchfall, Erbrechen, starke Bauchschmerzen


• Nach Fernreisen 
→ Risiko für Tropenkrankheiten


• Gleichzeitiger Harnwegsinfekt


• Steifer Nacken, starke Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit → Hinweis auf 
Meningitis


• Nicht wegdrückbarer Hautausschlag → mögliche Meningokokken-Infektion


• Fieberkrämpfe


Die Fieberhöhe korreliert weder mit der Schwere noch mit der Ursache einer Erkrankung. Häufig tritt Fieber bei selbstlimitierenden viralen oder unkomplizierten bakteriellen Infekten auf, die meist innerhalb einer Woche abklingen. Entscheidend für den Einsatz von Antipyretika ist primär der allgemeine Gesundheitszustand: Ziel ist die Linderung von Beschwerden wie etwa Schmerzen und die Verbesserung des Wohlbefindens. Dabei sollten mögliche Kontraindikationen sowie Neben- und Wechselwirkungen stets gegen den Nutzen abgewogen werden.
In seltenen Fällen kann Fieber auf eine ernsthafte Grunderkrankung hinweisen, wobei die Temperatur selbst meist unproblematisch ist. Morbidität und Mortalität hängen vielmehr vom Allgemeinzustand und der zugrunde liegenden Erkrankung ab. Bei wiederkehrendem oder periodischem Fieber oder Auftreten der Red Flags (siehe Kasten 2, links) sollte unbedingt ärztlicher Rat eingeholt werden.


Fiebersenkende Therapieoptionen

Kinder und Jugendliche
Im Mai 2025 wurde erstmals eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zum Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht. Laut dieser kann bei Bedarf zeitlich begrenzt Ibuprofen (ab drei Monaten) oder Paracetamol in alters- und gewichtsgerechter Dosierung eingesetzt werden (siehe Tabelle, S. 26). Reicht die Symptomlinderung durch einen Wirkstoff nicht aus, kann nach ärztlicher Rücksprache eine alternierende Gabe beider Substanzen erwogen werden. Bei unzureichendem Ansprechen auf beide Wirkstoffe kann auf Verschreibung auch Metamizol verabreicht werden. Eine prophylaktische Gabe, z. B. bei Impfungen, wird nicht empfohlen, da Fieberkrämpfe dadurch nicht verhindert werden.
Was Antibiotika betrifft, spricht sich die Leitlinie für einen zurückhaltenden Einsatz aus. Fieber allein ist keine Indikation, da die meisten Infekte bei Kindern viral bedingt sind. Antibiotika bergen Risiken wie Nebenwirkungen, Mikrobiomschädigung und Resistenzentwicklung. Hält das Fieber nach zwei bis drei Tagen unter Therapie an, ist eine Wirksamkeit des Antibiotikums unwahrscheinlich.

Abbildung © APOVERLAG
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Erwachsene
Für Erwachsene gibt es keine vergleichbare Leitlinie. Empfehlungen basieren auf pharmakologischen Daten und klinischer Erfahrung. Zur Fiebersenkung ab 18 Jahren können Paracetamol, NSAR (z. B. Ibuprofen, ASS) oder unter ärztlicher Kontrolle Metamizol eingesetzt werden. Die Auswahl und Dosierung richten sich nach Vorerkrankungen, regelmäßig eingenommenen Medikamenten und Verträglichkeit (siehe Tabelle, oben).

Wirkmechanismus der Antipyretika 
NSAR hemmen die Cyclooxygenase, reduzieren die Prostaglandinproduktion und wirken antiphlogistisch, analgetisch und antipyretisch (durch Senkung des thermoregulatorischen Sollwerts). Paracetamol wirkt ähnlich, jedoch ohne Entzündungshemmung. Die analgetische Wirkung ist vergleichbar, während Ibuprofen einen geringfügig stärkeren antipyretischen Effekt aufweist. 

Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Bei Fieber ist ausreichend Flüssigkeit wichtig, ebenso Ruhe und ungestörter Schlaf. Kühlende Maßnahmen sind in der Regel nicht erforderlich. Wadenwickel (v. a. für Kinder) sollten körperwarm sein und nur bei warmen Extremitäten angewandt werden. Bei Schüttelfrost gilt es, die Körperwärme zu erhalten. Für Kinder empfiehlt die Leitlinie, mindestens einen Tag fieberfrei zu sein, bevor sie wieder Gemeinschaftseinrichtungen besuchen.

Quellen
•   S3-Leitlinie: Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen (2025), AWMF Reg.Nr. 027-074
•   Mackowiak PA, et al.: Defining Fever. Open Forum Infect Dis 2021; 8(6): ofab161. DOI:10.1093/ofid/ofab161
•   Ogoina D: Fever, fever patterns and diseases called ‘fever’ – A review. J Infect Public Health 2011; 4(3): 108–124. DOI:10.1016/j.jiph.2011.05.002
•   Böhmer F, Altiner A: Fieber bei Erwachsenen aus Sicht der Allgemeinmedizin. Notfall Rettungsmed 2016; 19: 250–256
•   Holgersson J, et al.: Fever therapy in febrile adults: systematic review with meta-analyses and trial sequential analyses. BMJ 2022; 378: e069620. DOI:10.1136/bmj-2021-069620

Weitere Literatur auf Anfrage

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