Traditionelle Europäische Medizin

Die Wiederentdeckung der Ganzheitlichkeit

Mag. pharm. Dr

Karin

Rahman

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Vor Einzug der modernen Medizin war die TEM das Medizinsystem, das praktiziert wurde. Die fünf Säulen der Gesundheit bilden die Grundlage für die Erhaltung von Gesundheit und die Heilung von Krankheiten. Dazu gehören Ernährung, Wasser, Bewegung, Lebenskraft/Lebensrhythmus und Schlaf. Sie wirken zusammen, um Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht zu halten.


Durch die Verknüpfung von humoralmedizinischen Wurzeln und der Fünf-Elemente-Lehre geht die TEM weit über die reine Anwendung von Heilpflanzen hinaus.


Das Individuum im Fokus


Hinter dem häufig geäußerten Wunsch nach „etwas Natürlichem“ verbirgt sich oft die Sehnsucht nach einer Therapie, die der eigenen Konstitution entspricht. Die TEM liefert hierfür das notwendige Instrumentarium. Sie betrachtet Gesundheit nicht als statisches Gut, sondern als ein fließendes Gleichgewicht der Kräfte. Pathologische Zustände werden in diesem Kontext als „Dyskrasie“– ein Ungleichgewicht der Körpersäfte – bezeichnet. Die Aufgabe der Pharmazeut:innen und PKA an der Tara besteht darin, durch eine ganzheitliche Anamnese das zugrunde liegende Muster der Dysbalance zu identifizieren. Dies macht die Beratung nicht nur präziser, sondern verbessert auch das Verständnis für die individuelle Situation der Kund:innen.


Ein europäisches Erbe neu definiert


Die Bezeichnung TEM (oft synonym mit TEN für Traditionelle Europäische Naturheilkunde verwendet) fungiert als Sammelbegriff für ein über Jahrtausende gewachsenes Heilsystem, das fest in der europäischen Kulturgeschichte verwurzelt ist. Es handelt sich um ein traditionsreiches, erfahrungsbasiertes Ordnungssystem, das den Menschen als Einheit aus Körper, Geist, Seele und Umwelt betrachtet. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass jeder Organismus über eine „Vis Medicatrix Naturae“ („Heilende Kraft der Natur“), eine inhärente Regulationskraft, verfügt. Die pharmazeutische Intervention zielt darauf ab, diese Selbstheilungsprozesse u. a. durch pflanzliche und mineralische Zubereitungen, spagyrische Essenzen und eine rhythmische Lebensführung zu unterstützen.


Von der Wiege der Zivilisation zur modernen Regulation


Die Genese der TEM gleicht einem Mosaik aus verschiedenen Epochen. Die Geschichte der Medizin begann unmittelbar mit der Geschichte der Menschheit, als man sich bereits früh mit den Themen Gesundheit, Krankheit, Leben und Tod auseinandersetzte. Die Wiege der TEM liegt in der mesopotamischen Kultur (4000 bis 3000 v. Chr.); ein weiterer Zweig entwickelte sich im alten Ägypten. Im antiken Griechenland formulierte um 400 v. Chr. Hippokrates die Grundlagen der bis heute gültigen Vier-Säfte-Lehre (Humorallehre, Humoralpathologie).
Über anderthalb Jahrtausende bildete diese Humoralpathologie, weiterentwickelt durch Galenus von Pergamon, das Fundament der europäischen Heilkunst. Im Mittelalter wurde dieses Wissen in den Klöstern bewahrt und durch die systematische Erfassung der heimischen Flora erweitert. Theophrastus Bombastus von Hohenheim, bekannt als Paracelsus, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Spagyrik der Neuzeit. Paracelsus trug wesentlich dazu bei, die authentische Tradition der Heilkunst im Abendland bis heute zu erhalten. Er verstand es, selbstständig und zugleich authentisch aus dem innersten Kern urzeitlich-zeitloser heilkundlicher Tradition zu wirken und die Alchemie für die Medizin nutzbar zu machen. Sein Prinzip der „Trennung und Vereinigung“ prägt die spagyrische Aufbereitung von Arzneipflanzen in der Apotheke bis heute.


Grundlagen


Die Vier-Säfte-Lehre (synonym: Humorallehre) beschreibt den Menschen über vier Elemente, deren Qualitäten die Temperamente und körperlichen Funktionen prägen (siehe Abbildung, rechts). Feuer, Wasser, Erde und Luft wirken als grundlegende Wirkprinzipien im Organismus. Ergänzend wird der Äther als fünftes Element verstanden, der Raum in dem sich die vier Elemente physisch manifestieren. Er steht für Bewegung, Fülle und Lebenskraft und verknüpft die Elemente miteinander. 


Auf dieser Basis werden in der Humorallehre die vier Säfte verstanden, die keine messbaren Flüssigkeiten darstellen, sondern funktionelle Prinzipien im Organismus. Sanguis/Blut (warm–feucht) ist dem Herzen zugeordnet, Phlegma/Schleim (kalt–feucht) dem Magen- und Lymphsystem, Cholera/gelbe Galle (warm–trocken) der Leber und Gallenblase, Melancholera/schwarze Galle (kalt–trocken) vor allem der Milz.


Aus der Dominanz eines dieser Säfte ergeben sich schließlich die vier Temperamente: das sanguinische, phlegmatische, cholerische und melancholische Temperament. Sie prägen Konstitution, körperliche Erscheinung sowie Wesens- und Reaktionsmuster eines Menschen.


Jeder Mensch besitzt alle vier Qualitäten, jedoch dominiert von Geburt an eine bestimmte Mischung, die die Konstitution prägt. Diese kann sich im Laufe des Lebens durch innere und äußere Einflüsse verändern.

Praxis-Tipp 
Die „Mitte“ im Fokus

Ein zentrales Dogma der TEM ist die Bedeutung der Verdauungskraft, oft als „Verdauungsfeuer“ bezeichnet. Viele chronische Beschwerden haben ihre Wurzel in einer herabgesetzten Stoffwechselleistung.


Fragen Sie bei rezidivierenden Infekten gezielt nach dem Verdauungsstatus. Wenn Völlegefühl oder Blähungen vorliegen, können Bitterstoffe (Amara) signifikante Erfolge erzielen. Sie stimulieren die Sekretion der Verdauungssäfte und unterstützen die thermische Regulation.

• Heilpflanzen wie Artischocke (Cynara scolymus), Enzian (Gentiana lutea), Tausendguldenkraut (Centaurium erythraea) und viele andere Bitterstoffdrogen können hier sowohl akut unterstützen als auch langfristig die Konstitution festigen.
• Löwenzahn (Taraxacum officinale) verbessert die Verdauung, indem er Stoffwechselprozesse über die Anregung von Leber und Galle aktiviert. Besonders geeignet ist er für Menschen mit cholerischem Temperament.
• Bei melancholischen Menschen wird das Verdauungsfeuer durch den wärmenden Wermut (Artemisia absinthium) und die Engelwurz (Angelica archangelica) angeregt.
• Die Eberraute (Artemisia abrotanum) wiederum leitet Phlegma aus, Kalmus (Acorus calamus) wirkt leicht wärmend und unterstützt bei phlegmatischen wie auch melancholischen Prozessen.


Temperamente an der Tara


Das angeborene sowie das aktuelle Temperament sind wichtige Grundlagen für Analyse und Therapie in der TEM. 
• Choleriker:innen (Feuer): Neigung zu akuten Entzündungen und Hitzezuständen. Hier sind kühlende und ableitende Maßnahmen indiziert, etwa durch Bitterstoffdrogen wie den Löwenzahn (Taraxacum officinale) oder das Tausendguldenkraut (Centaurium erythraea).
• Sanguiniker:innen (Luft): Sprunghafte Symptomatik und Gefäßlabilität. Der Fokus liegt auf Rhythmisierung, beispielsweise durch die Melisse (Melissa officinalis).
• Phlegmatiker:innen (Wasser): Ein verlangsamter Stoffwechsel und Neigung zu Stauungen. Hier helfen aktivierende Arzneistoffe wie der Rosmarin (Rosmarinus officinalis).
• Melancholiker:innen (Erde): Neigung zu Trockenheit und Rückzug. Gefragt sind wärmende und lockernde Impulse, wie sie der Alant (Inula helenium) bietet.


Qualitäten als Leitsymptome an der Tara


Das Erkennen der Qualitäten ermöglicht eine schnelle und treffsichere Empfehlung:
• Trockenheit: Zeigt sich durch spröde Schleimhäute oder unproduktiven Reizhusten. Empfehlung: Befeuchten, z. B. mit Althaea officinalis. 
• Feuchtigkeit: Sichtbar in Ödemen oder produktivem Husten. Strategie: Trocknen und Bewegen, z. B. mit Thymus vulgaris oder Aesculus hippocastanum.
• Wärme: Typisch für brennende Empfindungen (z. B. Sodbrennen). Strategie: Kühlen, z. B. durch Bitterstoffe zur Ableitung thermischer Überschüsse.
• Kälte: Erkennbar an Frösteln und mangelnder Durchblutung. Strategie: Wärmen, z. B. durch wärmende Gewürzdrogen.

SaefteLehre © APOVERLAG
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Warum sich die Weiterbildung lohnt


Die TEM ist weit mehr als historische Nostalgie. Für Apotheker:innen und PKA ist sie ein Instrument zur fach-
lichen Profilierung. In Zeiten der Digitalisierung bietet sie eine Beratungsqualität, die auf menschlicher Beobachtungsgabe und komplexem Transferwissen beruht. Wer die Sprache der Qualitäten beherrscht, schafft eine Vertrauensbasis, die weit über den Verkauf eines Präparates hinausgeht.

fundiertes Wissen
TEM-Spezialfortbildung

Der Fachverein für Traditionelle Europäische Medizin bietet ab 18.3.2026 eine 1-jährige Fortbildung in drei Modulen exklusiv für Apotheker:innen und PKA an. 

Diese praxisnahe TEM-Spezialfortbildung erweitert das Angebots-
und Beratungsspektrum von Apotheker:innen und PKA. Wertvolles Wissen der europäischen Kulturen wird dabei gepaart mit zeitgerechten, modernen Ansätzen in den Apothekenalltag gebracht.

Abgeschlossen wird mit dem Fortbildungsdiplom TEM-Apotheker:in bzw. TEM-PKA.

Weitere Informationen & Anmeldung www.tem-fachverein.com/tem-apo-2026-2027/

Fazit


Die TEM bietet eine fundierte Sprache für eine zeitgemäße Beratung. Sie ermöglicht es dem Team, Kund:innen einen individuellen Weg zur Wiederherstellung der inneren Balance aufzuzeigen. In einer Ära der personalisierten Medizin stellt dieses alte Wissen eine wertvolle Ressource dar, die darauf wartet, in der modernen Apothekenpraxis neu belebt zu werden.

Quellen
1   Prentner A: Heilpflanzen der traditionellen europäischen Medizin. Wirkung und Anwendung nach häufigen Indikationen (2017); Springer, Berlin
2   Raimann C, et al.: Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN)(2021); Bacopa Verlag, Schiedlberg
3   Hochmeier P: Der Wesensgrund von Spagyrik und Alchymie im Blickfeld der paracelsischen Kunst. https://intertraditionale-akademi.jimdoweb.com, aufgerufen am 05.01.2026
4   Steinmetz KH: Traditionelle Europäische Medizin. Das große Praxisbuch der traditionellen Heilmethoden (2019); Wien

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