Fakten statt Vorurteile

Bisacodyl als stimulierendes Laxans

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Das Konsensus-Dokument der Rome Foundation¹ sowie die S2k‑Leitlinie zur chronischen Obstipation² empfehlen osmotische Laxanzien wie Macrogol sowie stimulierende Laxanzien wie Natriumpicosulfat und Bisacodyl als zentrale Therapieoptionen der ersten Wahl sowohl bei gelegentlicher als auch bei chronischer Obstipation.

Gerade gegenüber Bisacodyl gibt es trotzdem kritische Stimmen. Ist diese Kritik gerechtfertigt, oder handelt es sich hierbei oftmals um unbegründete Mythen, die sich nach wie vor hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen halten?

Mythos 1: Stimulierende Laxanzien werden nicht gut toleriert.

Obwohl in einer großen, placebokontrollierten Studie unter Therapie mit Bisacodyl häufiger Nebenwirkungen beobachtet wurden als unter Placebo, beurteilten die Patienten die Verträglichkeit von Bisacodyl signifikant besser als jene von Placebo³. Außerdem ist für eine optimale Verträglichkeit die individuelle Dosierung entscheidend. Es zeigte sich: Durch eine Dosisreduktion von 10 mg auf 5 mg konnte die Häufigkeit von Nebenwirkungen wie Bauchkrämpfen deutlich gesenkt werden – von 57 % auf nur 5 % der behandelten Patienten. Damit wird klar: Eine individuelle Dosierung ermöglicht eine nochmals bessere Verträglichkeit im klinischen Alltag².

Mythos 2: Der Darm gewöhnt sich an Laxanzien. Mit der Zeit sind immer höhere Dosen von Bisacodyl erforderlich.

Eine große Real-World-Beobachtungsstudie⁴ zeigt: Bei der Langzeitanwendung von Bisacodyl gibt es keine Anzeichen für einen Gewöhnungseffekt. Über 94 % der Patienten behielten ihre Anfangsdosis auch nach 12 Monaten bei – die Mehrheit startete mit der niedrigsten Dosierung (5 mg) und musste diese nicht erhöhen.

Ebenso gaben Menschen mit Querschnittlähmung in einer Fragebogenstudie an, keinen Wirkverlust über viele Jahre der Bisacodyl-Anwendung festgestellt zu haben. Kein einziger Patient berichtete über eine Minderung der Wirksamkeit oder ernstzunehmende Nebenwirkungen. Die Therapiedauer der Patienten in dieser Studie betrug zwischen 2 und 34 Jahren⁵. Das bedeutet: Selbst wenn eine längerfristige Anwendung von Bisacodyl notwendig sein sollte, besteht kein Risiko einer Toleranzentwicklung beziehungsweise einer notwendigen Dosissteigerung. Nichtsdestotrotz wird im Falle einer langfristigen Anwendung eine ärztliche Konsultation empfohlen.

Mythos 3: Bisacodyl hat Abhängigkeitspotenzial

Bisacodyl wird nur in sehr geringen Anteilen im Darm resorbiert und überwindet die Blut-Hirn-Schranke nicht. Daher gibt es keine pharmakologische Grundlage für eine Abhängigkeit. Klassische Suchtmechanismen entstehen durch Aktivierung von Dopamin-Systemen im Gehirn – das ist bei Bisacodyl ausgeschlossen. Auch für das Auftreten eines „Rebound-Phänomens“ (verstärkter Verstopfung nach Absetzen von Bisacodyl) besteht keine wissenschaftliche Evidenz⁶. Ein Konsensus-Dokument bestätigt: stimulierende Laxanzien wie Bisacodyl verursachen keine Abhängigkeit, da sie nicht ins zentrale Nervensystem gelangen⁷. Ebenso gelangt Bisacodyl nachweislich nicht in die Muttermilch – somit kann der Einsatz von Bisacodyl auch während der Stillzeit empfohlen werden⁸.

Mythos 4: Der Einsatz von Bisacodyl führt zu Elektrolytverschiebungen

Der längerfristige Einsatz mancher Laxanzien kann zu Veränderungen des Elektrolythaushalts führen. Für Bisacodyl konnten in mehreren randomisiert kontrollierten Studien keine Elektrolytverschiebungen festgestellt werden. Die Studien untersuchten Tagesdosen von 5 mg oder 10 mg Bisacodyl über einen Zeitraum von mindestens 4 Wochen⁹.

Für die Praxis gilt: Die Auswahl des geeigneten Wirkstoffs sollte sich am individuellen Bedarf orientieren.

  • Bisacodyl eignet sich besonders bei akuter oder gelegentlicher Verstopfung sowie wenn ein rascher Wirkeintritt gewünscht ist. Die Wirkung tritt typischerweise innerhalb von 6–12 Stunden ein – bei Einnahme am Abend oft mit Stuhlgang am nächsten Morgen.
  • Macrogol ist hingegen die bevorzugte Option bei Patient:innen, die eine kontinuierliche, schonende Regulation des Stuhlgangs benötigen. Als osmotisches Laxans unterstützt es die Stuhlaufweichung und ist gut für die längerfristige Anwendung geeignet.

Praxis-Tipp für Apotheker:innen: Kombinieren Sie die Therapieentscheidung mit einer gezielten Bedarfserhebung. Folgende Fragen können Sie sich in der Patientenberatung stellen¹⁰ ¹¹: 

  1. Liegt tatsächlich eine Obstipation vor?
    • Wie häufig erfolgt der Stuhlgang? (weniger als 3x/Woche?)
    • Wie ist die Stuhlkonsistenz? (hart, klumpig, starkes Pressen notwendig?)
    • Besteht ein Gefühl der unvollständigen Entleerung?
  2. Gibt es Red Flags oder Kontraindikationen?
    • Blut im Stuhl, unbeabsichtigter Gewichtsverlust, starke Schmerzen, hohes Fieber, bekannte Darmerkrankung, Karzinom, etc.
    • Bei Red Flags ist von einer Selbstmedikation abzuraten
  3. Welche Art von Obstipation liegt vor?
    • Erst kürzlich aufgetreten, rezente Medikations-/Ernährungsumstellung, Immobilität => Gelegentliche/akute Obstipation
    • Langanhaltend, ohne bekannte Ursache, höheres Alter => chronisch-/funktionelle Obstipation
  4. Welches Laxans passt zum Krankheitsbild?
    • Gelegentliche/akute Obstipation: stimulierende Laxanzien wie Bisacodyl
    • Opioidinduzierte Obstipation: stimulierende Laxanzien wie Bisacodyl
    • Chronische Obstipation: osmotische Laxanzien wie Macrogol

Quellen:

  1. Brenner DM et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2023; S1542-3565(23)00759-0.
  2. Andresen V, et al. Aktualisierte S2k-Leitlinie chronische Obstipation. Z Gastroenterol. 2022; 60:1528–1572.
  3. Kamm MA, et al. Clin Gastroenterol Hepatol. 2011; 9:577-83;
  4. Bouchoucha, M., Amand, C., De Fer, B.B. et al. A Retrospective Real-World Observational Study Assessing the Evolution of Bisacodyl Prescriptions in Patients with Constipation During Long-Term Treatment. Drugs - Real World Outcomes 10, 249–261 (2023). https://doi.org/10.1007/s40801-023-00354-
  5. Ruidisch MH et al. Ärztliche Forschung. 1994; 41:3–8
  6. Müller-Lissner SA, et al. Am J Gastroenterol. 2005;100(1):232-242;
  7. Bove A, et al. World J Gastroenterol. 2012 Sep 28;18(36):4994-5013.
  8. Friedrich C et al. Drug Metab Pharmacokinet. 2011;26(5):458-64
  9. Müller-Lissner S. Open Journal of Gastroenterology. 2013;3:272-275.
  10. Bharucha AE, Gastroenterology. 2020 Apr;158(5):1232-1249.e3
  11. Likar R, „Gezielt an der Ursache der OIC ansetzen“. MedMedia – Universum Innere Medizin. 29. Apr. 2026. Zugriff am 15.05.2026

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