Tinnitus bezeichnet die Wahrnehmung von Geräuschen wie Brummen, Klingeln oder Piepen und kann mit einer Hörminderung oder einer erhöhten Lärmempfindlichkeit zusammen auftreten. Während die Ursache meist unbekannt bleibt, kann ein Tinnitus in Einzelfällen durch Erkrankungen des Ohres oder des Gefäßsystems verursacht werden.1
Subjektiv oder objektiv
Unabhängig von der Form stellt Tinnitus ein Symptom und keine eigenständige Erkrankung dar. Grundsätzlich kann man zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus unterscheiden. Der subjektive Tinnitus macht den überwiegenden Teil aller Fälle aus und wird ausschließlich von den Betroffenen wahrgenommen. Sein Ursprung kann entlang des gesamten Hörsystems liegen, also vom äußeren Ohr über Mittelohr, Hörschnecke und Hörnerv bis hin zum zentralen auditorischen System. Deutlich seltener ist der objektive Tinnitus. Dabei entstehen tatsächlich messbare Geräusche, beispielsweise durch Gefäßveränderungen oder Muskelkontraktionen, die auch von Untersuchenden wahrgenommen werden können.
Ebenso relevant ist die zeitliche Einteilung. Ein akuter Tinnitus besteht weniger als drei Monate, ab einer Dauer von drei Monaten spricht man von einem chronischen Tinnitus.2,3 Für die Beratung in der Apotheke ist insbesondere der neu aufgetretene Tinnitus bedeutsam. Halten Ohrgeräusche länger als 24 Stunden an, sollte eine rasche HNO-ärztliche Abklärung erfolgen. Dahinter kann sich unter anderem ein akuter Hörverlust verbergen, bei dem ein möglichst früher Therapiebeginn entscheidend ist. Ziel ist es außerdem, einer Chronifizierung der Beschwerden entgegenzuwirken.4
Räuspertaste gegen das Ohrgeräusch
Entsprechend groß ist der Wunsch Betroffener nach einer rasch wirksamen Behandlung. Vor diesem Hintergrund besteht in Apotheken eine Nachfrage nach pflanzlichen Präparaten, Antioxidantien sowie verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln. Ein genauer Blick auf die Evidenz relativiert jedoch diese Erwartungen. Die Herausforderung besteht darin, zwischen theoretisch plausiblen Wirkmechanismen und tatsächlich nachgewiesenen klinischen Nutzen zu unterscheiden. Biologisch plausibel bedeutet nämlich nicht automatisch klinisch relevant.
Der Klassiker: Ginkgo biloba
Das mit Abstand bekannteste pflanzliche Arzneimittel bei Tinnitus ist Ginkgo biloba. Der standardisierte Extrakt EGb 761® enthält Flavonoide und Terpenlactone, deren Zusammenspiel für die pharmakologischen Wirkungen verantwortlich gemacht wird. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass standardisierte Extrakte die Mikrozirkulation beeinflussen und darüber hinaus antioxidative sowie neuroprotektive Eigenschaften besitzen. Beschrieben werden eine Stabilisierung neuronaler Membranen, Radikalfängereffekte sowie eine Modulation verschiedener Neurotransmittersysteme.5
Für die Behandlung von Tinnitus werden mehrere potenzielle Wirkmechanismen angenommen. Dazu zählen ein Schutz der Hörschnecke vor oxidativem Stress, eine Verbesserung der Mikrozirkulation im Innenohr sowie eine gesteigerte lokale Durchblutung. Darüber hinaus wird diskutiert, dass altersbedingte degenerative Veränderungen abgeschwächt werden könnten. Aus diesen Überlegungen lässt sich eine plausible biologische Begründung für die Anwendung standardisierter Ginkgo-Extrakte ableiten.6
Li et al. veröffentlichten im Jahr 2025 eine Netzwerk-Metaanalyse zu pharmakotherapeutischen Behandlungsoptionen bei Tinnitus, in die 60 randomisierte kontrollierte Studien aus 21 Ländern eingeschlossen wurden. Darunter befanden sich auch Untersuchungen zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba. In sieben dieser Studien zeigte die Behandlung mit Ginkgo biloba im Vergleich zur Placebogruppe eine signifikante Reduktion der Werte des Tinnitus Handicap Inventory (THI).7 Der THI ist ein weltweit etablierter, standardisierter Fragebogen mit 25 Fragen zur Erfassung der durch Tinnitus verursachten Beeinträchtigungen im Alltag sowie der psychischen Belastung. Er dient der systematischen Identifikation, Quantifizierung und Bewertung tinnitusbedingter Einschränkungen. Niedrigere THI-Werte spiegeln dabei eine geringere subjektiv empfundene Belastung durch Tinnitus wider.8
Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Hallak et al. hebt hingegen die limitierte und widersprüchliche Evidenzlage hinsichtlich des Einsatzes von Ginkgo biloba bei Schwindel und/oder Tinnitus hervor. Als mögliche Erklärungsfaktoren werden unter anderem Unterschiede in der Evidenzqualität sowie die Heterogenität der verwendeten Endpunktparameter angeführt.9
Melatonin: Sinnvoll bei Schlafstörungen
Viele Betroffene berichten nicht nur über das Ohrgeräusch selbst, sondern auch über dessen Folgen. Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen eines chronischen Tinnitus und verstärken den Leidensdruck zusätzlich.
Hier kann Melatonin eine sinnvolle Option darstellen. Das Hormon reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus und kann bei Ein- und Durchschlafstörungen unterstützend eingesetzt werden. Ein direkter Einfluss auf die Intensität des Tinnitus konnte bislang jedoch nicht überzeugend nachgewiesen werden. Sein Einsatz richtet sich daher in erster Linie gegen die Schlafstörung als Begleitsymptom, nicht gegen das Ohrgeräusch selbst.3
Antioxidantien: Interessante Ansätze, begrenzte Evidenz
In den vergangenen Jahren wurden verschiedene antioxidative Therapieansätze untersucht. Hintergrund ist die Annahme, dass oxidativer Stress zu Schäden an der Cochlea führen könnte. Antioxidantien sollen freie Radikale neutralisieren und dadurch neuronale Strukturen schützen.
Einzelne Untersuchungen liefern Hinweise auf positive Effekte durch die Einnahme von α-Liponsäure oder Açaí. Insgesamt bleibt die Evidenz jedoch heterogen. Die Autor:innen aktueller Übersichtsarbeiten sehen antioxidative Therapien zwar als vielversprechenden Ansatz, weisen aber gleichzeitig auf erhebliche methodische Einschränkungen hin. Ob einzelne Antioxidantien tatsächlich einen klinisch relevanten Nutzen besitzen, müssen zukünftige Studien erst zeigen.10
Warum ist die Evidenz so widersprüchlich?
Die derzeit verfügbaren Studien zu rezeptfreien Tinnitus-Therapien liefern insgesamt ein uneinheitliches Bild. Ursache hierfür ist vor allem die begrenzte Studienlage: Viele Untersuchungen schließen nur wenige Patient:innen ein, vergleichen unterschiedliche Präparate und Dosierungen und bewerten den Therapieerfolg anhand verschiedener Endpunkte. Dadurch sind die Ergebnisse nur eingeschränkt miteinander vergleichbar und belastbare klinische Schlussfolgerungen kaum möglich. Erschwert wird die Bewertung zusätzlich durch den ausgeprägten Placeboeffekt, da Tinnitus ein subjektiv wahrgenommenes Symptom ist, dessen Ausprägung unter anderem von Aufmerksamkeit, Stress, Schlafqualität und psychischer Belastung beeinflusst wird.7,10
Was sagt die Leitlinie?
Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde formuliert eine klare Empfehlung: Zur Behandlung des chronischen Tinnitus soll keine medikamentöse Therapie speziell gegen die Ohrgeräusche eingesetzt werden. Die verfügbaren Daten reichen für einen gesicherten Wirksamkeitsnachweis nicht aus, gleichzeitig bestehen für verschiedene Arzneimittel potenzielle Nebenwirkungen. Hinsichtlich pharmakologischer Therapieoptionen empfiehlt die Leitlinie weder den Einsatz frei verkäuflicher Präparate wie Ginkgo biloba oder Melatonin noch die Anwendung verschreibungspflichtiger Wirkstoffe wie Steroide, Betahistin oder Benzodiazepine.
Davon abzugrenzen ist die gezielte Behandlung möglicher Begleiterkrankungen. Depressionen, Angststörungen sowie ausgeprägte Schlafstörungen sollten entsprechend den jeweils geltenden Leitlinien therapiert werden, wobei bei entsprechender Indikation auch eine medikamentöse Behandlung in Betracht gezogen werden kann. Beim akuten Tinnitus orientiert sich das therapeutische Vorgehen hingegen an den Empfehlungen zur Behandlung eines akuten Hörsturzes.3
Digitale Gesundheitsanwendungen
Eine ergänzende Therapieoption zu OTC-Präparaten und Arzneimitteln stellen digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) dar.
In Deutschland sind mit der Kalmeda-App und der Meine Tinnitus App bereits zwei erstattungsfähige DiGAs zur Tinnitusbehandlung auf Rezept verfügbar. In Österreich besteht bislang kein vergleichbares Erstattungssystem, sodass die Kosten für solche Anwendungen derzeit selbst getragen werden müssen. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird in Österreich im Rahmen der eHealth-Strategie weiter vorangetrieben. Ziel dieser Strategie ist es, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung bis 2030 durch den gezielten Einsatz digitaler Technologien nachhaltig zu verbessern. Ob und ab wann DiGAs in Österreich in die Erstattung aufgenommen werden, bleibt derzeit noch offen.12,13
Konsequenzen für die Offizin
Die Beratung in der Apotheke erfordert daher vor allem eine realistische Einordnung der verfügbaren Möglichkeiten. OTC-Präparate können im Einzelfall angeboten werden, allerdings nicht mit dem Versprechen einer gesicherten Wirksamkeit. Insbesondere standardisierte Ginkgo-Extrakte können nach entsprechender Aufklärung einen Therapieversuch rechtfertigen. Melatonin kann sinnvoll sein, wenn Schlafstörungen den Leidensdruck verstärken.
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die Identifikation von Warnzeichen. Ein neu aufgetretener Tinnitus, der länger als 24 Stunden anhält, eine plötzliche Hörminderung, Schwindel oder neurologische Auffälligkeiten erfordern eine rasche ärztliche Abklärung. Darüber hinaus sollten Betroffene ernst genommen werden. Auch wenn sich die Ursache häufig nicht eindeutig feststellen lässt und die Evidenz für medikamentöse Therapien begrenzt ist, stellt ein Tinnitus für viele Patient:innen eine erhebliche Belastung dar.
Die Apotheke nimmt hier eine wichtige Lotsenfunktion ein: Sie kann Erwartungen realistisch einordnen, geeignete OTC-Präparate erklären, Red Flags erkennen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit HNO-Ärzt:innen fördern. Gerade diese Kombination aus evidenzbasierter Beratung und empathischer Begleitung kann wesentlich dazu beitragen, den Leidensdruck der Betroffenen zu reduzieren.
Quellen
- https://www.pschyrembel.de/Tinnitus/K0FMQ aufgerufen am 19.07.2026
- Patientenleitlinie: Chronischer Tinnitus, AWMF-Reg.Nr. 017/064.
- S3-Leitlinie: Chronischer Tinnitus, AWMF-Reg.Nr. 017/064.
- https://next.amboss.com/de/article/wn0hvg?q=tinnitus aufgerufen am 19.07.2026
- https://www.awl.ch/heilpflanzen/ginkgo_biloba/ginkgo.htm aufgerufen am 19.07.2026
- Barth SW, et al.: Pharmacologic treatments in preclinical tinnitus models with special focus on Ginkgo biloba leaf extract EGb 761®. Mol Cell Neurosci 2021; Oct:116: 103669, aufgerufen am 19.07.2026.
- Li P, et al.: Pharmacotherapy options for the management of subjective tinnitus: a systematic review and network meta-analysis. BMJ Open 2025; May 28;15(5): e096995, aufgerufen am 19.07.2026.
- Newman CW, et al.: Development of the Tinnitus Handicap Inventory. Arch Otolaryngol Head Neck Surg 1996; Feb;122(2): 143-8, aufgerufen am 19.07.2026.
- Hallak B, et al.: Standardized Ginkgo Biloba Extract in the Treatment of Vertigo and/or Tinnitus: A Review of the Literature. Advances in Aging Research; 10, 31-57, aufgerufen am 19.07.2026.
- Menon R, et al.: Effectiveness of Over‐The‐Counter Treatments for Tinnitus Symptom Relief: A Systematic Review. Laryngoscope Investig Otolaryngol 2026; Apr 4;11(2):e70398, aufgerufen am 19.07.2026.
- https://www.pschyrembel.de/Acetylsalicyls%C3%A4ure/K01K7/doc/, aufgerufen am 19.07.2026.
- https://www.diga-verzeichnis.de/, aufgerufen am 19.07.2026.
- https://www.gesundheit.gv.at/news/aktuelles/aktuell-2024/ehealth-strategie-vorgestellt.html, aufgerufen am 19.07.2026.