Während respiratorische und neurologische Symptome des Post-COVID-Syndroms mittlerweile gut bekannt sind, werden gastrointestinale Langzeitfolgen häufig unterschätzt. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass eine SARS-CoV-2-Infektion das Risiko für sogenannte Disorders of Gut-Brain Interaction (DGBI) erhöht. Dazu zählen unter anderem das Reizdarmsyndrom (IBS) und die funktionelle Dyspepsie (FD). Betroffene entwickeln häufiger neue DGBI als nicht infizierte Personen und berichten zudem vermehrt über Fatigue, Schlafstörungen und psychische Belastungen.2–5
DGBI – mehr als funktionelle Beschwerden
Der frühere Begriff Functional Gastrointestinal Disorders (FGID) wurde durch Disorders of Gut–Brain Interaction (DGBI) ersetzt und spiegelt das heutige Verständnis dieser Erkrankungen wider.6
DGBI beruhen demnach auf einer gestörten Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Beteiligt sind unter anderem Veränderungen der Darmmotilität, eine viszerale Hypersensitivität, Immunaktivierung, Veränderungen der Darmbarriere sowie des Darmmikrobioms. Strukturelle Veränderungen lassen sich häufig nicht nachweisen, dennoch bestehen reale biologische Funktionsstörungen.5,6
Die Diagnose erfolgt anhand der Rom-IV-Kriterien. Da diese vor der COVID-19-Pandemie entwickelt wurden, werden post-COVID-assoziierte DGBI heute zunehmend als besondere Form postinfektiöser DGBI betrachtet.5,6
Wie häufig sind gastrointestinale Langzeitfolgen?
Gastrointestinale Symptome können bereits während der Akutinfektion auftreten und bei einem Teil der Betroffenen über Monate persistieren oder neu entstehen. Die berichtete Häufigkeit variiert je nach Studienpopulation und Definition des Post-COVID-Syndroms. Konsistent zeigen Kohortenstudien und Metaanalysen jedoch ein erhöhtes Risiko für neu auftretende DGBI, insbesondere Reizdarmsyndrom und funktionelle Dyspepsie.5
Besonders gefährdet sind Patient:innen, die bereits während der Akutinfektion gastrointestinale Beschwerden hatten. Wie bei anderen postinfektiösen DGBI dürfte eine anhaltende Immunaktivierung wesentlich zur Entstehung persistierender Symptome beitragen.5
Wie SARS-CoV-2 den Darm beeinflusst
Die Entstehung post-COVID-assoziierter DGBI ist wahrscheinlich multifaktoriell. Diskutiert werden eine direkte Beteiligung des Gastrointestinaltrakts, Veränderungen des Darmmikrobioms, eine gestörte Darmbarriere sowie eine anhaltende Immunaktivierung.7
SARS-CoV-2 nutzt den ACE2-Rezeptor als Eintrittspforte in menschliche Zellen. Da dieser auch auf intestinalen Epithelzellen exprimiert wird, ist eine direkte Beteiligung des Darms biologisch plausibel.8 Darüber hinaus zeigen Studien nach COVID-19 Veränderungen des Darmmikrobioms mit verminderter Diversität, die über immunologische und neuronale Mechanismen zur Symptompersistenz beitragen könnten.9
Auch eine erhöhte intestinale Permeabilität wird als möglicher Mechanismus diskutiert. Erste Untersuchungen fanden Hinweise auf eine erhöhte intestinale Permeabilität bei Patient:innen mit Post-COVID-Syndrom und Fatigue, ein ursächlicher Zusammenhang ist jedoch noch nicht gesichert.10
Die Darm-Hirn-Achse als Bindeglied
Die Darm-Hirn-Achse verbindet enterisches Nervensystem, zentrales Nervensystem, Immunsystem und Darmmikrobiom. Störungen dieser Kommunikation spielen bei DGBI eine zentrale Rolle.6 Stress oder Schlafmangel können Beschwerden verstärken, erklären sie jedoch nicht allein. Nach heutigem Verständnis handelt es sich um biopsychosoziale Erkrankungen, bei denen biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken.
Klinisches Bild: Vielfältig
Das Beschwerdespektrum überschneidet sich mit anderen DGBI. Häufig berichten Betroffene über Bauchschmerzen, Blähungen, veränderte Stuhlgewohnheiten mit Durchfall oder Obstipation sowie dyspeptische Beschwerden wie frühe Sättigung, Völlegefühl oder Übelkeit. Gleichzeitig bestehen oft typische Post-COVID-Symptome wie Fatigue, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme, wodurch die Lebensqualität erheblich eingeschränkt sein kann.5
Als Risikofaktoren gelten insbesondere gastrointestinale Beschwerden während der Akutinfektion und ein schwererer Krankheitsverlauf. Auch psychische Belastungen können den Verlauf beeinflussen, ohne die Beschwerden allein zu erklären.5,6
Diagnostik und Beratung
Die Diagnose post-COVID-assoziierter DGBI erfolgt klinisch. Für die Apotheke ist vor allem die strukturierte Einordnung der Beschwerden wichtig:• Besteht ein zeitlicher Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion?
• Welche Symptome stehen im Vordergrund?
• Liegen Warnzeichen oder relevante Begleiterkrankungen vor?
• Welche Maßnahmen wurden bereits versucht?
Die Apotheke stellt keine Diagnose, kann jedoch geeignete Maßnahmen empfehlen und erkennen, wann eine ärztliche Abklärung erforderlich ist.
Warnzeichen gegen eine reine Selbstmedikation sind Blut im Stuhl, unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Fieber, nächtliche Diarrhoe, anhaltendes Erbrechen, neu auftretende Beschwerden im höheren Lebensalter, Eisenmangel oder Anämie sowie eine familiäre Belastung
mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Darmkrebs.
Therapie und Ernährung als Basis
Eine spezifische Therapie für post-COVID-assoziierte DGBI existiert derzeit nicht. Die Behandlung orientiert sich an etablierten Strategien beim Reizdarmsyndrom und bei funktioneller Dyspepsie.5,11,12 Ziel ist eine schrittweise Verbesserung der Beschwerden und der Lebensqualität.
Eine strukturierte Ernährungsberatung bildet die Grundlage. Empfehlenswert sind regelmäßige Mahlzeiten, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, langsames Essen und das Erkennen individueller Triggerfaktoren. Bei ausgeprägten Blähungen oder wechselnden Stuhlgewohnheiten kann eine zeitlich begrenzte Low-FODMAP-Ernährung erwogen werden, idealerweise unter ernährungstherapeutischer Begleitung.13 Bei Obstipation können lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen (Plantago ovata) hilfreich sein.
Probiotika: Plausibler Ansatz, aber begrenzte Evidenz
Veränderungen des Darmmikrobioms machen den Einsatz von Probiotika zwar biologisch plausibel, die Evidenz reicht derzeit jedoch nicht aus, um bestimmte Stämme generell für post-COVID-assoziierte DGBI zu empfehlen. Ergebnisse aus Studien zum klassischen Reizdarmsyndrom lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen.5,9
OTC-Beratung in der Apotheke
Die Auswahl geeigneter Maßnahmen sollte sich an den individuellen Beschwerden orientieren:
• Diarrhoe
Kurzfristiger Einsatz von Loperamid bei geeigneten Patient:innen; auf Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr achten
• Obstipation
Macrogol als gut untersuchte Option; zusätzlich Bewegung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr empfehlen
• Blähungen/Meteorismus
Simeticon; Anpassung individueller Ernährungsfaktoren
• Krampfartige Bauchschmerzen
Pfefferminzöl in magensaftresistenter Form oder geeignete Spasmolytika
• Dyspeptische Beschwerden
Symptomorientierte Maßnahmen; bei länger bestehenden oder neuen Beschwerden ärztliche Abklärung erwägen
Grundsätzlich sollte eine längerfristige Selbstmedikation ohne ärztliche Abklärung vermieden werden. Viele Empfehlungen beruhen auf Daten zum klassischen Reizdarmsyndrom und sind nur eingeschränkt auf post-COVID-assoziierte DGBI übertragbar.11–14
5 Fragen für die Beratung
Post-COVID-assoziierte DGBI-Beschwerden
1. Seit wann bestehen die Beschwerden?
Zusammenhang mit einer SARS-CoV2-Infektion
prüfen.
2. Welche Symptome stehen im Vordergrund?
Zwischen Durchfall, Obstipation, Bauchschmerzen, Blähungen und dyspeptischen Beschwerden unterscheiden.
3. Gibt es Warnzeichen?
Bei Blut im Stuhl, Gewichtsverlust, Fieber oder nächtlichen Beschwerden zur ärztlichen Abklärung raten.
4. Welche Maßnahmen wurden bereits versucht?
Doppelmedikation und unnötige Langzeitanwendungen vermeiden.
5. Welche Erwartungen bestehen?
Realistische Ziele vermitteln: Symptomkontrolle und Verbesserung der Lebensqualität statt einer schnellen „Heilung“.
Fazit
Gastrointestinale Beschwerden sind eine bislang unterschätzte Manifestation des Post-COVID-Syndroms. Aktuelle Daten sprechen dafür, dass SARS-CoV-2 bei einem Teil der Betroffenen langfristige Störungen der Darm-Hirn-Interaktion begünstigen kann. Da eine spezifische Therapie derzeit fehlt, orientiert sich die Behandlung an etablierten Konzepten für Reizdarmsyndrom und funktionelle Dyspepsie.
Für Apotheker:innen bedeutet dies vor allem, Beschwerden ernst zu nehmen, Warnzeichen zu erkennen, evidenzbasiert zu beraten und realistische Erwartungen zu vermitteln. Damit kann die öffentliche Apotheke wesentlich zur Versorgung und Begleitung dieser Patient:innen beitragen.
Quellen
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