Und das Thema rechtfertigt den großen Zuspruch: Etwa 140 orale Krebstherapeutika stehen derzeit zur Verfügung, rund 75 davon sind Tyrosinkinaseinhibitoren (TKI). Referentin Mag. pharm. Julia Gampenrieder Satory, aHPh, hatte bewusst kein Frontalformat gewählt: „Das Ziel ist nicht Vollständigkeit. Ich möchte Ihnen Rüstzeug für die Herangehensweise an eine Beratungssituation mit Krebspatient:innen in der Praxis mitgeben.“
Zielgerichtet wirken – zielgerichtet beraten
Eine wichtige Message im Workshop war, dass das molekulare Target grundsätzlich das Nebenwirkungsprofil einer Therapie bestimmt – nicht die Tumorentität. EGFR-TKI wie Osimertinib verursachen typischerweise akneiformes Exanthem und Nagelbettentzündungen; CDK4/6-Inhibitoren wie Ribociclib führen vorrangig zu Myelosuppression. Für die Beratung empfahl Gampenrieder Satory, stets auch das Behandlungskonzept zu klären: Im adjuvanten Setting ist die Therapie zeitlich begrenzt, im palliativen läuft sie bis zum Progress – mit unterschiedlichen Implikationen für Dosierung, Nebenwirkungstoleranz und Adhärenz.
Interaktionen: Unterschätzte Fallstricke
Eine orale Applikation bedeutet immer pharmakokinetische Komplexität. Food-Effekte, Magensäure-pH-Wert und CYP-Enzyme können die Bioverfügbarkeit massiv beeinflussen. So sinkt die AUC von Dasatinib (Sprycel®) bei gleichzeitiger PPI-Gabe um bis zu 43 % – die Kombination ist kontraindiziert, ebenso wie etwa jene mit Dacomitinib oder Erlotinib. Cave: PPIs und H₂-Antagonisten sind teilweise frei verkäuflich. CYP3A4-Interaktionen sind noch folgenreicher: Starke Induktoren wie Johanniskraut oder Rifampicin können die Wirkstoffexposition mancher der rund 80 TKI, die als CYP3A4-Substrate gelten, um bis zu über 90 % senken – sodass die therapeutische Wirksamkeit erheblich bis vollständig verloren gehen kann. Umgekehrt steigert Ketoconazol die AUC von Ibrutinib (Imbruvica®) um das 24-Fache. Auch natürliche CYP-Hemmer wie Grapefruitsaft, Bitterorange, Klementine, Sternfrüchte und Granatapfel sind in den Fachinformationen von Ibrutinib, Venetoclax, Ivosidenib und Panobinostat explizit erwähnt. Dazu verlängern viele Zytoralia die QT-Zeit – bei Patient:innen, die gleichzeitig Escitalopram, Makrolide oder Ondansetron erhalten, ist ein systematischer Interaktionscheck daher unverzichtbar.
Fallbeispiel: Capecitabin und die febrile Neutropenie
In Kleingruppen erarbeiteten die Teilnehmer:innen konkrete Beratungsszenarien. So wurde beispielsweise eine Patientin mit einem Rezept für Capecitabin (Xeloda®) besprochen, die nach Darmkrebsoperation mit dem Schema XELOX/CAPOX (Capecitabin + Oxaliplatin i.v.) behandelt wird. Neben dem korrekten Einnahmeschema (14 Tage Einnahme, 7 Tage Pause) und der potenziell tödlichen Wechselwirkung mit Brivudin (DPD-Hemmung, mehrfach Gegenstand eines Roten-Hand-Briefes) stand die febrile Neutropenie im Zentrum. „Bei Fieber ≥ 38 °C und plötzlicher Verschlechterung des Allgemeinzustandes: sofortige telefonische Kontaktaufnahme mit dem onkologischen Zentrum“ – dieser Satz findet sich in jedem Entlassungsbrief und muss von Apotheker:innen aktiv kommuniziert werden, machte die Referentin deutlich. Fieber in Kombination mit Neutropenie ist ein onkologischer Notfall, der stationäre Aufnahme und rasche intravenöse Antibiose erfordert. Da das Blutbild in der Apotheke unbekannt ist, gilt: im Zweifelsfall immer vom Schlimmsten ausgehen. Im CAPOX-Schema entwickeln insgesamt 65 % der Patient:innen eine Diarrhoe (Grad 1–4), davon 20 % einen schweren Verlauf (Grad 3/4) – ebenfalls eine Red Flag, bei der frühzeitiges Eingreifen entscheidend ist.
Take-Home-Messages
• Zytoralia sind hochpotente Arzneimittel – pharmazeutische Begleitung schützt und schafft Mehrwert.
• Interaktionen (Food-Effekt, pH, CYP, QT-Zeit) immer präparatspezifisch in der Fachinformation prüfen.
• Red Flags: Fieber ≥ 38 °C, starkes Erbrechen und anhaltende Diarrhoe: sofortige Kontaktaufnahme mit dem onkologischen Zentrum empfehlen.
• Febrile Neutropenie ist ein onkologischer Notfall – im Zweifel immer vom Schlimmsten ausgehen.
Weiterführende Informationen
• S3-Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patient:innen“ (Version 2.0, April 2025)
• S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patient:innen (Version 2.0, Mai 2024)
• Onkopedia-Leitlinie „Arzneimittelinteraktionen“ (Stand September 2025)
• KOKON – Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie https://kompetenznetz-kokon.de/
• EMA-Fachinformationen (Tipp der Referentin: Suche nach „EMA Fachinformation [Präparatname]“ führt direkt zur aktuellen Fachinformation zentral zugelassener Arzneimittel) https://www.ema.europa.eu/de/medicines