Der Begriff geht auf eine Marketingkampagne aus dem Jahr 2005 zurück, in deren Rahmen der britische Psychologe Cliff Arnall eine Formel präsentierte, die Faktoren wie Wetter, finanzielle Belastungen, Motivation und zeitlichen Abstand zu Weihnachten kombinieren sollte. Er wollte damit sichtbar machen, dass sich bestimmte psychologische und soziale Belastungsfaktoren um die Mitte des Januars häufen. Diese Formel ist wissenschaftlich nicht validiert, und es existieren keine empirischen Belege dafür, dass ein bestimmter Tag im Jahr mit einer messbar erhöhten depressiven Stimmung in der Bevölkerung einhergeht. 1 In der Fachliteratur gilt der Blue Monday daher als Mythos. Dennoch spiegelt das Konzept reale Erfahrungen wider, da zahlreiche Studien zeigen, dass depressive Verstimmungen und emotionale Belastungen in den Wintermonaten insgesamt zunehmen.3
Winterliche Stimmungstiefs und ihre biologischen Grundlagen
Ein zentraler Hintergrund hierfür ist das saisonale Stimmungstief, das von subsyndromalen saisonalen Verstimmungen bis hin zur klinisch relevanten saisonal affektiven Störung (Seasonal Affective Disorder, SAD) reicht. SAD ist eine anerkannte Form einer depressiven Störung mit saisonalem Muster und wird in psychiatrischen Klassifikationssystemen wie dem DSM-5 beschrieben.4 Typische Symptome sind gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, erhöhte Müdigkeit, vermehrtes Schlafbedürfnis, Heißhunger – insbesondere auf kohlenhydratreiche Nahrung – sowie sozialer Rückzug. Charakteristisch ist das wiederkehrende Auftreten der Symptome in den Wintermonaten mit Remission im Frühjahr oder Sommer. 2,3
Die zugrunde liegenden Mechanismen umfassen vor allem Störungen des circadianen Rhythmus durch die reduzierte Lichtintensität im Winter sowie Veränderungen in der Retinasensitivität und der Neurotransmitter-Regulation, insbesondere des serotonergen Systems. Licht ist der wichtigste Zeitgeber für die Synchronisation der inneren Uhr und wirkt über die Retina und den suprachiasmatischen Nukleus im Hypothalamus auf Schlaf-Wach-Rhythmus, Hormonsekretion und Stimmung. Bei anhaltendem Lichtmangel kann es zu einer Fehlanpassung dieser biologischen Rhythmen kommen, was depressive Symptome begünstigt. Studien zeigen zudem, dass die Aktivität des Serotonin-Transporters saisonal schwankt und bei Patientinnen und Patienten mit SAD im Winter signifikant erhöht ist. Eine gesteigerte Transporteraktivität führt zu einer rascheren Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt und könnte so zu niedrigeren funktionellen Serotoninspiegeln beitragen, was als ein zentraler neurobiologischer Mechanismus der saisonalen Depression diskutiert wird.4
Therapieoptionen und die Rolle der Apotheke
Neben biologischen Faktoren spielen psychosoziale Aspekte eine wichtige Rolle. Der Januar ist häufig geprägt von finanziellen Belastungen nach den Feiertagen, dem Wegfall sozialer Rituale sowie erhöhtem subjektivem Druck durch Neujahrsvorsätze. Auch Einsamkeit, insbesondere bei alleinlebenden, älteren oder sozial isolierten Menschen, kann sich in dieser Phase verstärken. Diese Faktoren wirken additiv zu den biologischen Veränderungen und tragen dazu bei, dass Stimmungstiefs im Winter häufiger und intensiver wahrgenommen werden.
Therapeutisch stehen mehrere evidenzbasierte Maßnahmen zur Verfügung. Die Lichttherapie gehört zu den bestuntersuchten und wirksamsten nicht‑medikamentösen Behandlungsoptionen der saisonal affektiven Störung. Zahlreiche randomisierte kontrollierte Studien zeigen, dass eine tägliche Exposition gegenüber hellem Licht (in der Regel etwa 10.000 Lux) depressive Symptome signifikant reduzieren kann, mit Effektstärken, die in einigen Studien vergleichbar mit denen von Antidepressiva sind. Ergänzend kommen psychotherapeutische Verfahren, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, sowie bei entsprechender Indikation auch pharmakologische Therapien zum Einsatz
Apothekerinnen und Apotheker nehmen in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle ein. Als niedrigschwellige Anlaufstelle im Gesundheitssystem sind sie häufig erste Ansprechpartner für Menschen mit Müdigkeit, Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen. Sie können über saisonale Zusammenhänge aufklären, evidenzbasierte Maßnahmen wie Lichttherapie oder eine Vitamin-D-Substitution bei nachgewiesenem Mangel begleiten und gleichzeitig wichtige Warnsignale einer depressiven Erkrankung erkennen. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Hinweisen auf eine depressive Störung mit Krankheitswert ist eine konsequente Weiterempfehlung zur ärztlichen oder psychotherapeutischen Abklärung essenziell.5 Damit leisten Apotheken einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung, zur Versorgungssteuerung und zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen.
Zusammenfassend ist der Blue Monday kein medizinisch relevantes Datum, wohl aber ein Anlass, um auf saisonale Belastungen der psychischen Gesundheit aufmerksam zu machen.
Quellen
1 Pettit J, et al.: No evidence for a “most depressing day”. British Medical Journal. 2010;340:c240. https://doi.org/10.1037/0022-3514.49.1.129
2 Rosenthal NE, et al.: Seasonal affective disorder: A description of the syndrome and preliminary findings. Archives of General Psychiatry. 1984;41(1):72–80. DOI: 10.1001/archpsyc.1984.01790120076010
3 American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). 5th ed. Washington, DC; 2013. https://www.psychiatry.org/psychiatrists/practice/dsm
4 McMahon B, et al.: Seasonal variation in brain serotonin transporter binding. Archives of General Psychiatry. 2016;73(5):487–495. DOI: 10.1093/brain/aww043
5 World Health Organization (WHO): Depression and Other Common Mental Disorders: Global Health Estimates. Geneva; 2017. https://www.who.int/publications/i/item/depression-global-health-estimates