Der neue Werkzeugkasten bei Autoimmun- und Tumorerkrankungen

Antikörper, Bites und CAR-T-Zellen

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Prof. Dr. Rolf Marschalek © beigestellt
Prof. Dr. Rolf Marschalek © beigestellt

Nach GKV-Daten sind 6,3 Millionen Versicherte von mindestens einer der 30 erfassten Autoimmunerkrankungen betroffen – die tatsächliche Zahl liegt laut Marschalek bei rund 10 % der Bevölkerung. Für Österreich gilt grob ein Zehntel dieser Absolutzahlen. Rund 80 % der Autoimmunerkrankungen entstehen nicht durch genetische Veranlagung, sondern durch Umweltfaktoren – allen voran chronische Infektionen und entzündliche Fehlregulation der TH17-Achse. Wichtige pharmakologische Zielstrukturen sind IL-1, IL-6, TNFα, IL-17 und IL-23.

Antikörper: Präzision auf molekularer Ebene

Rekombinante Antikörper binden ihr Zielantigen mit nano- bis picomolarer Affinität und persistieren dank langer Halbwertszeit (IgG: bis zu 3 Wochen) weit länger als niedermolekulare Wirkstoffe. Je nach Format – klassischer IgG, bispezifischer Antikörper, Antibody-Drug Conjugate (ADC) oder Nanobody – unterscheiden sich Wirkweise und Verträglichkeitsprofil erheblich: ADC verursachen Chemotherapie-ähnliche Nebenwirkungen (Alopezie, Neuropathie); Checkpoint-Inhibitoren können organbezogene Autoimmunreaktionen (Kolitis, Pneumonitis, Thyreoiditis) auslösen – sind aber nur bei Tumoren mit hoher Mutationslast wirksam. Vor Infusionen empfiehlt sich standardmäßig eine Prämedikation mit Antihistaminika und Paracetamol und ggf. Corticosteroiden.
Von den 206 in Deutschland zugelassenen Antikörper-Präparaten (davon 84 für Krebs, 68 für Autoimmunerkrankungen) war Pembrolizumab (Keytruda®) 2023 mit 25 Mrd. USD das weltweit meistverkaufte Medikament. Dupilumab (Dupixent®) belegte mit 11,6 Mrd. Platz 3 – ein Beleg für die Bedeutung dieser Wirkstoffklasse auch in der Autoimmuntherapie.


Blinatumomab und CAR-T: Neue Maßstäbe in der Therapie


Diese Zahlen sind nicht nur Marktdaten – sie spiegeln echten therapeutischen Fortschritt wider. Zwei Wirkprinzipien zeigen besonders eindrücklich, wohin die Entwicklung führt: bispezifische Antikörper und CAR-T-Zellen. 

“CAR-T-Zellen sind „living drugs“: Sie werden einmalig infundiert und führen bei schweren Autoimmunerkrankungen zu medikamentenfreien Remissionen bis zu 24 Monate.“
Prof. Dr. Rolf Marschalek Goethe Universität, Institut für Pharmazeutische Biologie, Frankfurt/Main (D) 


Blinatumomab (Blincyto®) verbindet als bispezifischer T-Zell-Engager CD19 auf Leukämiezellen mit CD3 auf T-Zellen und lenkt so die körpereigene Abwehr direkt gegen den Tumor. Beim ersten Hochrisikorückfall einer B-ALL im Kindesalter erreichte das Präparat ein ereignisfreies Überleben (EFS) von ~ 80 % gegenüber ~ 40 % unter Standardchemotherapie – mit signifikant verbessertem Gesamtüberleben.2 Auch bei Erwachsenen mit MRD-negativer ALL senkt es das Sterberisiko um 59 %.3
CAR-T-Zellen gehen noch einen Schritt weiter: Als „living drugs“ persistieren sie nach einmaliger Infusion im Körper – und entfalten ihre Wirkung damit weit über den klassischen Behandlungszeitraum hinaus. In der Hämatologie bereits etabliert, eröffnen sie nun auch in der Autoimmunmedizin neue Horizonte.

Fünf Patient:innen mit therapierefraktärem Systemischen Lupus erythematodes (SLE) erreichten nach einer einzigen anti-CD19-Infusion vollständige serologische Remission (SLEDAI-2K-Score 0)4; eine Folgestudie mit 15 Betroffenen (SLE, IIM, SSc) bestätigte medikamentenfreie Remissionen von bis zu 24 Monaten.5 Die Initialkosten von ca. 200.000–400.000 Euro pro Anwendung relativieren sich dabei: Bei dauerhafter Remission ist die CAR-T-Therapie langfristig mit einer zweijährigen konventionellen Therapie vergleichbar – und potenziell kosteneffizienter.


Fazit


Für Apotheker:innen bedeutet dieser Wandel vor allem eines: ein sich rasant erweiterndes Beratungsfeld. Wer Patient:innen auf Biologika, BiTEs oder CAR-T-Therapien begleitet, muss klassenspezifische Nebenwirkungen kennen und Betroffene gezielt auf Frühwarnzeichen hinweisen. Und auch präventiv lässt sich ansetzen: Konsequente Impfungen im Kindes- und Erwachsenenalter können nachweislich sowohl Autoimmunerkrankungen als auch Krebserkrankungen reduzieren – ein oft unterschätztes Argument in der Impfberatung.

Quellen
1   RKI, Zentrum für Krebsregisterdaten
2   Locatelli F et al. Leukemia. 2023; 37(1): 222–225.
3   Litzow MR et al. N Engl J Med. 2024; 391(4): 320–333.
4   Mackensen A et al. Nat Med. 2022;28(10):2124–2132.
5   Müller F et al. N Engl J Med. 2024; 390(8): 687–700

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